Autismus : "Die Andersartigkeit als Reichtum"

Timothy Archibald ist Fotograf – und Vater eines autistischen Jungen. Die vergangenen drei Jahre hat er damit verbracht, Elijah zu fotografieren, auf der Suche nach einem Zugang zu dessen Welt.
Timothy Archibald hat seinen autistischen Sohn fotografiert. Über diese Aufnahme sagt er: "Elijah hatte gerade einen iPod bekommen. Er bat mich, ein Bild zu machen, das einfängt, wie es sich anfühlt, sich ganz in die Musik zu versenken." © Timothy Archibald

ZEIT Wissen: Herr Archibald, Sie machen Fotos von Ihrem Sohn – wie eigentlich alle Eltern ihre Kinder fotografieren. Allerdings gibt es bei Ihnen einen entscheidenden Unterschied: Ihr Sohn leidet an Autismus, und Sie haben die Bilder auch noch veröffentlicht. Geht das nicht etwas zu weit?

Timothy Archibald: Ich habe mir diese Frage sehr oft gestellt und gemerkt, dass ich sie nicht endgültig beantworten kann. Was bei der Arbeit an dem Buch entstanden ist, hat mich selbst überrascht. Ich habe mich davon mitreißen lassen. Auch von den beklemmenden Momenten, sie gehören für mich dazu. Die Beziehung, die dabei entstanden ist, möchte ich um keinen Preis missen.

ZEIT Wissen: Wie waren die Reaktionen auf die Bilder?

Archibald: Zuerst ziemlich negativ. Viele Menschen waren betroffen und in Sorge darüber, was ich da mit meinem Kind anstelle. Die Kritik war entsprechend hart. Als ich das Projekt später vor einer Runde von Eltern autistischer Kinder vorstellte, gab es dann aber auch ganz andere Reaktionen.

ZEIT Wissen: Welche?

Archibald: Diese Eltern sahen vor allem Alltägliches in den Bildern, Dinge, die auch ihre Kinder ständig machen – ich hatte sie nur ansprechend dokumentiert. Sie waren froh, sich über die gemeinsamen Erfahrungen austauschen zu können. Manche schickten mir auch eigene Fotos, auf denen ihre Kinder ähnliche Dinge tun wie Elijah.

ZEIT Wissen: Seit wann wissen Sie, dass Ihr Sohn Autist ist?

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Archibald: Als das Projekt vor vier Jahren begann, war Eli fünf. Wir hatten damals noch keine Ärzte besucht, es gab jedoch Anzeichen, Eltern von Freunden und Mitschülern haben uns immer wieder darauf hingewiesen, dass er nicht so war wie andere in seinem Alter. Aber Eli ist auch kein typischer Autist, der nicht spricht und den Kontakt zu anderen Kindern scheut. Im Gegenteil, er ist sehr kommunikativ, er geht auf eine normale Schule und bekommt gute Noten.

ZEIT Wissen: Wie äußert sich seine Störung denn?

Archibald: Elijah zeigt zahlreiche stereotype Verhaltensweisen, eine große Begeisterung für mechanische Dinge wie Verschlüsse und Hebel. Er liebt logische Abfolgen, Zahlentabellen und Fahrpläne. Manchmal ahmt er stundenlang einfache Vorgänge und Geräusche nach, wie die Tonbanddurchsage in der U-Bahn: »Die Türen schließen«. Aber Elijah war unser erstes Kind. Als Eltern dachten wir, es ist anstrengend mit ihm, aber so ist es eben, Kinder zu haben. Erst seit unserem zweiten Kind haben wir einen Vergleich.

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Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Leiden?

Warum glauben immer alle Leute, das die Menschen leiden und geheilt werden müssen?

"Es ist nicht unsere Aufgabe, einander näherzukommen, sowenig wie Sonne und Mond zueinander kommen oder Meer und Land. Unser Ziel ist nicht, ineinander überzugehen, sondern einander zu erkennen und einer im anderen sehen und ehren zu lernen, was er ist: des andern Gegenstück und Ergänzung."
Herman Hesse

Lobenswert!

Natürlich ist diese Geschichte ergreifend, doch möchte ich noch einmal die 'Vater-Sohn' Beziehung hervorheben.

Es ist schade das erst durch die Krankheit eines Kindes, die Beziehung zu seinem Vater gestärkt wurde. Ich denke Vater-Sohn Beziehungen sind in jedem Fall sehr wichtig, ein Kind benötigt die uneingeschränkte Aufmerksamkeit eines Elternteils um eine gesunde Psycho, und Persönlichkeit zu entwickeln. Dies gilt natürlich auch für die Zeit mit der Mutter.

Zustimmung...

Als Aspie muss ich hier grundsätzlich zustimmen, halte die ständige Verwendung des Wortes "krank" aber eher für undurchdacht als für unverschämt. Die meisten Leute, die so etwas von sich geben, meinen es nicht böse und bemerken gar nicht, dass die Bezeichnung der Persönlichkeit anderer Menschen als "krank" eine grobe Beleidigung ist. Die sind manchmal nicht wesentlich empathischer als wir. ;)

Zur genaueren Erläuterung für Nicht-Autisten: KRANK bin ich, wenn ich einen Schnupfen habe. Der Schnupfen darf gerne wieder schnellstmöglich verschwinden und hat keinerlei Einfluss darauf, wer ich bin. Meine Persönlichkeit ist nicht vom Schnupfen abhängig. Autismus (oder, in meinem Fall, Asperger-Syndrom) allerdings... Wenn es eine Möglichkeit gäbe, die Persönlichkeitsmerkmale, die als "autistisch" klassifiziert werden, zu "entfernen" (ich sage bewusst nicht "heilen"!), was bliebe dann noch von der Persönlichkeit übrig? Ich müsste ein komplett anderer Mensch werden. Und, liebe "normale" Mitbürger, ich habe es nicht vor. Ich bin ganz glücklich so wie ich bin, besten Dank.

"Leiden" ist auch so ein Punkt - wer leidet denn da? Und woran? Erfahrungsgemäß muss ich sagen, dass das Unangenehme am AS nicht die eigene Persönlichkeit ist, sondern höchstens die Reaktion anderer (!) Menschen darauf. Aber wenn das Umfeld nicht zu einem passt, was "macht" man da lieber "passend"? Sich selber - oder nicht doch lieber das Umfeld?

du hast gerade vielen eine wichtige frage beantwortet.

die vorhergehenden darstellungen sind mit sicherheit nicht unverschämt gemeint, sondern rühren daher, daß sie genau das nicht wissen, was du eben dargestellt hast.

die motivation, ihr kind umzuerziehen, wenn es autistisch ist, kommt bestimmt nicht aus mangelnder liebe, sondern daher, ihrem kind gesellschaftliche integration zu gönnen. immerhi genügt in dieser gesellschaft ein altmodischer anzug, um ausgegrenzt zu werden.

es ist ihnen nicht bewußt, daß diese integration nicht nötig ist.