Als Gerda Schacht alles verlieren soll, wofür sie 13 Jahre lang jeden Tag gekämpft hatte, lässt auch noch ihr Herz sie im Stich. Am Morgen des 11. August 2006 wird der 74-Jährigen auf der Treppe ihrer Wohnung schwindlig und schwarz vor Augen, sie hält sich am Geländer fest, taumelt zum Telefon und ruft ein Taxi, wartet, die Angst raubt ihr das Zeitgefühl und fast das Bewusstsein, irgendwann liegt sie bei ihrem Hausarzt im Untersuchungszimmer, Elektroden auf der Brust, ein EKG wird geschrieben. Herzinfarkt, sagt der Arzt und ruft einen Notarztwagen.

Im Universitätsklinikum Lübeck kommt sie in einen Untersuchungsraum, wird durchleuchtet: Über eine Arterie in der Leiste führt der Kardiologe Christof Burgdorf einen feinen Schlauch, einen Katheter, in ihren Körper, schiebt ihn vor bis in ihr Herz, spritzt Kontrastmittel in die Herzkranzgefäße, die das Herz mit Sauerstoff versorgen, und blickt auf einen Bildschirm: Die Gefäße sind frei durchgängig. Ein Herzinfarkt könne ausgeschlossen werden, sagt Burgdorf. Denn sonst wären die Gefäße an mindestens einer Stelle verschlossen. Und doch zeigt die Aufnahme etwas Auffälliges: Von der Mitte an bis hin zur Spitze zieht sich das Organ kaum noch zusammen. Gerda Schachts Herz pumpt nicht mehr richtig. Eigentlich erschlaffen größere Teile des Herzens nur, wenn Verengungen der Kranzgefäße zu einem Infarkt führen. Wie also ist ihr Krankheitsbild zu erklären?

»Bei der Herzkatheteruntersuchung von Frau Schacht zeigte sich das typische Bild des Syndroms des gebrochenen Herzens«, erklärt Burgdorf.

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Vor 20 Jahren wurde dieses Syndrom das erste Mal beschrieben. »Tako-Tsubo-Kardiomyopathie« nannten es die Japaner, nach einer Tintenfischfalle, deren Form dem an der Spitze erschlafften Herz ähnelt. Eine einleuchtende Erklärung gab es nicht. Führende Kardiologen waren deswegen zunächst zurückhaltend, ob es wirklich existierte. Doch das Phänomen war kein Einzelfall, es fand sich weltweit. Bald wurde eine Fallstudie nach der anderen veröffentlicht.

Heute geht man davon aus, dass jeder 50. Patient mit klassischen Brustschmerzen und Atemnot keinen Herzinfarkt hat, sondern das Broken-Heart-Syndrom. Inzwischen ist es auch als Stress-Kardiomyopathie bekannt, aber selbst in Fachveröffentlichungen fällt immer wieder der Begriff Syndrom des gebrochenen Herzens, weil den allermeisten Fällen ein unerwartetes, einschneidendes Ereignis vorausgeht, das – im übertragenen Sinne – das Herz bricht. »Extremer psychischer, manchmal auch körperlicher Stress«, sagt Burgdorf.

Wie und warum es dazu kommt, darüber rätseln die Wissenschaftler noch. »Welcher Mechanismus im Körper das Herz plötzlich derart strapaziert und zu großen Teilen außer Gefecht setzt, darüber herrscht noch keine Klarheit«, sagt Burgdorf. Typisch aber ist, dass die Stresssituation meist völlig überraschend auftritt und unmittelbar zu einem gebrochenen Herzen führt. Selten geht auch eine länger andauernde Belastung voraus.

Bei Gerda Schacht kam beides zusammen. 1993, sie ist 61 Jahre alt, erleidet ihr Mann einen Schlaganfall. Schon nach wenigen Wochen ist klar: Er wird für immer halbseitig gelähmt bleiben, wird Hilfe brauchen. Beim Anziehen, beim Waschen, beim Essen. Betreuung rund um die Uhr. Lebenslang. »Besorgen Sie einen Heimplatz für ihn«, sagt ein Arzt und fügt nach einer kurzen Pause hinzu: »Oder gehen Sie gleich mit ins Heim.«

»Das schaffst du nicht, ihn für den Rest deines Lebens zu pflegen, daran gehst du kaputt«, sagen Bekannte. »Das würde furchtbar anstrengend für dich«, sagen die beiden Kinder, die inzwischen in anderen Städten leben.