Heiko Biedermann hat noch 900 Meter vor sich, 100 horizontal, 800 senkrecht. Er wird sie freisprengen. Bis jetzt führt nur ein alter Stollen aus DDR-Zeiten in den Berg hinein, kaum breiter als ein Kleinwagen, teilweise eingestürzt. In wenigen Monaten sollen hier Lastwagen ein- und ausfahren.

Im Erzgebirge hallt wieder der Explosionsdonner . Vierzig Jahre nachdem in Deutschland zuletzt ein Untertagebau eröffnet wurde, treibt die Erzgebirgische Fluss- und Schwerspatcompagnie (EFS) ein neues Bergwerk voran. Aus dem Bachberg an der Grenze zu Tschechien, zwischen Niederschlag und Hammerunterwiesenthal, wollen Biedermann und seine Kumpel Flussspat holen. Das begehrte Mineral, auch Fluorit genannt, wird von Stahlwerken gebraucht, um den Schmelzpunkt von Eisen abzusenken. »Und für Goretex«, sagt Biedermann, das hat ihm sein Chef erklärt. Biedermann arbeitet seit 26 Jahren unter Tage, 25 Jahre davon im Marmorbergbau, wer hätte gedacht, dass er mal den Rohstoff für Regenjacken fördern würde. Goretex! Biedermann lächelt.

Zur Eröffnung im Oktober kamen nicht nur der Sprenghauer Biedermann und seine neun Kumpel, es kamen auch Sachsens Finanzminister Georg Unland, der Bürgermeister von Oberwiesenthal, EFS-Geschäftsführer Wolfgang Schilka, der Pfarrer von Annaberg-Buchholz und das Fernsehen. Endlich wieder eine Erzmine im Erzgebirge! Vom »neuen Berggeschrey« reden jetzt alle. »Erz« ist das Autokennzeichen der Region, die Menschen hier schreiben »Glück auf!« unter ihre E-Mails. Wenn ihr Flussspat konkurrenzfähig ist, könnte das eine Initialzündung sein. Sieben weitere Unternehmen, darunter Bergbaufirmen aus Kanada und Polen, haben Erkundungslizenzen für sächsische Lagerstätten erhalten.

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Als Erstes wollen die Männer bis zum Stalinschacht vordringen, so tauften die Russen Schacht Nummer 328, als sie nach dem Krieg das Uran aus dem Berg holten. Die Russen sind weg, aber der Stalinschacht ist noch da. »Den brauchen wir fürs Wasser«, sagt Biedermann. Bergwasser ist der Feind der Bergleute, durch den Schacht wollen sie es nach draußen pumpen. Mit Gummistiefeln stapft Biedermann durch den DDR-Stollen, seine Helmlampe beleuchtet nasses Gebälk.

Von der Decke tropft Wasser, es riecht modrig. Biedermann sagt: »Das ist meine Welt.« Bei ihm zu Hause stehen geschnitzte Bergmänner im Regal, im Keller sammelt er Mineralien, sein Sohn arbeitet im Bergbau, und als in Chile die Kumpel gerettet wurden , saß er vor dem Fernseher und bejubelte jeden einzelnen. Biedermann hat keine Angst unter Tage, er sagt: »Man kann auch die Treppe runterfallen.« Er freue sich darauf, mit seinen 50 Jahren noch mal etwas Neues anzufangen, und das verdanke er seiner Tochter, die ihm zuredete, »und den Chinesen«.

Die Männer im Bachberg sind nicht böse, dass China seine Rohstoffe hortet , sie sind dankbar, dass das Land die Preise in die Höhe treibt. Rohstoffe aus Deutschland sind teuer, weil die Arbeiter mehr Geld verdienen, die Umweltauflagen höher und die Lagerstätten kleiner sind als in anderen Ländern. Doch weil Rohstoffe immer teurer werden, könnte sich der Abbau wieder lohnen. Eine Tonne Flussspat kostet derzeit um 350 Dollar, vor vier Jahren waren es knapp 200. »Wir sind von 230 Euro pro Tonne ausgegangen«, sagt EFS-Geschäftsführer Wolfgang Schilka, »und selbst bei 190 sind wir noch profitabel.« 18,5 Millionen Euro investiert die EFS in das Bergwerk, abgesichert durch eine Landesbürgschaft. Ende 2012 soll das erste Erz aus dem Berg kommen.

Die Bergbau-Renaissance hat Sachsen unter anderem der DDR zu verdanken. Bohrbrigaden und Geologen im Staatsdienst fahndeten damals systematisch nach unterirdischen Schätzen, diese brachten Devisen ein. »Die DDR war das am besten erkundete Land der Welt«, behauptet Reinhard Schmidt, der Präsident des Oberbergamtes in Freiberg. Allein in Sachsen wurde gut 400.000 Mal die Erde angebohrt. Noch heute lagern Hunderte Kilometer Bohrkerne an zwei Standorten in großen Hallen.

Das Geokompetenzzentrum Freiberg hat die Archive gesichtet und in einem Kataster neu zusammengefasst. In zweijähriger Arbeit bewerteten die Experten 139 Lagerstätten mit 31 Elementen. Vor allem Zinn, Wolfram, Kupfer und Nickel, Schwerspat und Flussspat sind demnach noch zu holen, von einigen dieser Elemente liegt im Untergrund mehr als der heutige Weltjahresverbrauch, selbst Indium und Silber gibt es hier. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte lautet: Die Elemente verteilen sich auf kleine Vorkommen und sind oft nur in geringen Konzentrationen im Gestein enthalten, was die Aufbereitung erschwert. »Deutschland ist reich an armen Lagerstätten«, sagt Reinhard Schmidt. »Ich lege nicht meine Hand dafür ins Feuer, dass sich jedes Bergwerk rechnet.«