Psychologie Im Bann der Erinnerung
Sie macht uns zu dem, was wir sind, ruft magische Momente hervor und trügt uns doch manchmal. Hirnforscher und Psychologen sind dem Geheimnis unserer Erinnerung auf der Spur.
Die Wiese, das Rasenmähergeräusch. Schnitt. Der Vater in der Latzhose, das rote Fahrrad. Schnitt. Das Propellerflugzeug, lautes Lachen der Nachbarskinder. Schnitt. Plötzlich ist die Vergangenheit Gegenwart. Entgegen jeder Absicht sehe ich mich ausgerechnet in diesem unpassenden Moment wieder auf der Wiese vor dem Haus meiner Eltern, als wären 25 Lebensjahre einfach getilgt. Ich höre ein zweimotoriges Propellerflugzeug, obwohl gerade keine Maschine am Himmel ist; ich sehe mich mit meinem ersten Fahrrad an den nahe gelegenen Badesee fahren, obwohl ich das Fahrrad nicht mehr habe und weit und breit kein See ist. Und etwas Wohliges durchflutet mich. Schnitt.
Dann sehe ich plötzlich das lockige Mädchen, wie es am Geländer einer Terrasse lehnt und über einen großen Garten blickt. Ich sehe ihr Lächeln vor mir und das geblümte Kleid. Dann höre ich das Schmatzen vom Kies der geschwungenen Einfahrt, auf der ein schwarzer Golf Cabrio sich nähert. Schnitt. Obwohl ich mich jetzt hier auf dem Fußgängerweg einer stark befahrenen Straße mitten in der Großstadt befinde, faltet sich die ganze landschaftliche Schönheit des Gartens von damals auf, in dem die Eltern der ersten Freundin Kaffee tranken. Das Blumenbeet. Die Schaukel. Das Fachwerkhaus dahinter. Es ist, als reagierte der Körper auf direkte Sinnesreize – doch es gibt keine.
Es gibt weder den Kies noch ein Cabrio, noch eine Auffahrt. Es gibt nur das Rattern eines Rasenmähermotors und den süßlichen Duft geschnittenen Grases, als ich an einem Freitagnachmittag kurz vor Ladenschluss mit zwei Tüten vom Supermarkt nach Hause gehe, dem Hausmeister in Latzhose einen Gruß zunicke und mich plötzlich so schwach und traurig fühle wie damals, als mich meine erste Freundin verließ.
Der Geruch von gemähtem Gras ist jedem vertraut. Jeder assoziiert damit eine Wiese und vielleicht einen Sonnentag im Sommer. Mein Leben aber ist anscheinend deutlich geprägt durch zwei existenzielle Erfahrungen mit gemähtem Gras. Die eine Erinnerung versorgte mich mit dem Gefühl von Sicherheit und Heimat: das Glück in der Kindheit, wenn der Vater im Garten mähte und sich beim Riechen des Grases ein wohliges Urvertrauen in die Welt einstellte. Die andere verband sich mit Hoch, Tief und Ende der ersten Liebe.
Beide Szenen sind Schlüssel zu meiner subjektiven Biografie, obwohl sie längst in den Tiefen meines Gedächtnispalasts verschwunden gewesen zu sein schienen. Jeder hat einige, vielleicht viele solcher Schlüssel, die in die vielen Schlösser dieses Palasts passen und die Türen zur eigenen Identität öffnen.
Manchmal reicht schon ein Wort, ein Stadtname, ein Timbre, der Duft eines Parfüms, der Fetzen einer Melodie oder eben der Geruch gemähten Grases aus, um in die Fantasieströme des eigenen Märchenreichs einzutauchen. Auf einmal steigen aus den Tiefen mirakulöse Details auf – weder weiß man, von wem, noch, aus welchem Teil sie kommen. Es ist einer der rätselhaftesten und magischsten Momente, wenn den Menschen eine affektiv besetzte Sinnesempfindung erneut überwältigt. Plötzlich verlässt er Raum und Zeit und reist zurück in die Vergangenheit. Er macht sich das Verinnerlichte selbst zugänglich. Er erinnert.
Die psychische Mechanik des Erinnerns ist derart komplex, dass darin so gut wie alles spezifisch Menschliche involviert und aneinandergekoppelt ist: Emotion, Bewusstsein, Geist, Verstand, Poesie. Erinnerung ist nicht einfach gleichzusetzen mit Gedächtnis, obwohl Erinnerung und Gedächtnis sich nicht trennen lassen. Erinnern ist vielmehr das Plündern des Gedächtnisses als Tätigkeit des Geistes mithilfe des Gehirns. Man könnte sagen: Das ganze Leben besteht aus Erinnern. Ohne Erinnerung ist eine persönliche Identität nicht möglich. Oder wie der Gedächtnisforscher und Psychologe Daniel Schacter von der Harvard University schlicht resümiert: »Wir sind Erinnerung.«
Jener kurze Moment am Freitagnachmittag hatte für mich persönlich einige Konsequenzen. Die Frage, ob ich meine Erinnerung beherrsche oder die Erinnerung mich beherrscht, ließ mich zu einer doppelten Reise aufbrechen: der Reise durch mein Leben, zurück zu den Momenten, in denen die Ereignisse geschahen; und der Reise zu Forschern und Wissenschaftlern, die sich federführend mit den Mechanismen des Erinnerns beschäftigen.
Je länger ich in doppelter Hinsicht reiste, desto klarer wurde, dass Erinnern kein Buch mit sieben Siegeln, in meinem Fall aber eines mit sieben Kapiteln ist: vom unmittelbaren Auslöser über die Theorie des Bewusstseins und den neurophysiologischen Vorgang des Speicherns von Informationen bis hin zur Frage, inwieweit Erinnerungen überhaupt wahr sein können und warum das Erinnern nach Ansicht von Psychologen und Hirnforschern der einzige Mechanismus ist, mit dem die Gesetze der Natur überlistet werden können. Die Reise sollte mich schließlich zu einer verblüffenden Erkenntnis führen.
- Datum 01.04.2011 - 15:22 Uhr
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wäre in einer Schülerzeitung besser aufgehoben.
So dachte ich zuerst auch. Nach vollständiger Lektüre habe ich meine Meinung geändert. Es heißt ja, damit sich die Zeitung gut verkauft: Informationen verteilt man am besten verpackt in eine Story. In diesem Fall ist es auch mir zu viel Story.
So dachte ich zuerst auch. Nach vollständiger Lektüre habe ich meine Meinung geändert. Es heißt ja, damit sich die Zeitung gut verkauft: Informationen verteilt man am besten verpackt in eine Story. In diesem Fall ist es auch mir zu viel Story.
So dachte ich zuerst auch. Nach vollständiger Lektüre habe ich meine Meinung geändert. Es heißt ja, damit sich die Zeitung gut verkauft: Informationen verteilt man am besten verpackt in eine Story. In diesem Fall ist es auch mir zu viel Story.
Zwar ganz gut geschrieben aber zu lang. Ich bin nicht bis zum Ende gekommen. Im Grunde wissen wir auch so, was es mit Gedaechtnis und Erinnerung auf sich hat. Und die es nicht wissen, lesen den Artikel auch nicht.
Die "einzige" Art der Überlistung des Zeitpfeils ist dies wohl nicht. Die Natur hinterlässt viele Spuren ihres Geschehens bis hin zu den nicht homogenen Spuren des Urknalls in der Hintergrundstrahlung aber auch in den Sedimentschichten unserer Gebirge, in den Einschlüssen im Bernstein, in den Skeletten der Dinosaurier und späterer Lebewesen, und nicht zuletzt in unserer Geschichtschreibung. Wir können uns in vieles davon hineinversetzen und die Instinkte der Tiere deuten an, das auch hier das (Langzeit)Gedächtnis etwas gespeichert hat, das Verhaltenspräsent ist. Man kann den Effekt auch bei einer Dressur gut beobachten. Mit fruendlichen Grüssen
Ein wunderbarer emotionaler und gleichzeitig sehr informativer Essay über Gedächtnis Emotionen Hirnfunktion und das Leben! Die o.g. miesepetrigen Kommentare gibt es wohl nur in der typisch deutschen Mentalität... Welche kollektiven Lebenserfahrungen hier Schuld sein mögen?...
RR Wenzel
via ZEIT ONLINE plus App
Die Sonne scheint durchs Fenster, der Kaffee duftet, und genau in dem Moment, in dem eine ganze Welle "magischer Erinnerungen" hereinflutet, gibt es in der Online-Zeit darüber zu lesen. Ein Artikel, der gekonnt Gedanken über das Leben und wissenschaftliche Erkenntnisse verbindet! Meinem Vorredner muss ich mich anschließen: Traurig muss sein, wer außer Nörgeleien nichts mehr zu sagen hat.
Mir gefällt der Schreibstil des Autors und ich finde es auch nicht so tragisch, dass der Artikel ein wenig länger als gewohnt geworden ist. Das Thema ist interessant und das gleicht die Länge mehr als aus. Abgesehen davon erinnert mich der Artikel daran, dass ich doch noch plante, mir den Proust einmal zu Gemüte zu führen...
... Erklaerung zurechtgelegt, warum die Jahre immer schneller vergehehen...die ging so: am Anfang ist ein Jahr 100% des bisherigen Lebens, im 2. Jahr nur noch die Haelfte, im dritten nur noch ein Drittel - jetzt nur noch ein 36stel...kein Wunder, dass es immer kleiner wird.
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