Chlor ist eine wahre Wunderwaffe. In Wasser gelöst, setzt die Chemikalie Mikroorganismen außer Gefecht, die über Hautschuppen, Haare, Schweiß und Speichel ins Wasser gelangen. Ohne den Zusatz hätte man vielerorts nur unreines Trink- und Badewasser, die Gefahr von Infektionen wäre groß. Nun aber scheint das Chlor selbst zum Problem zu werden.

Im Januar warnte das Umweltbundesamt (UBA) die Öffentlichkeit : Kleinkinder unter zwei Jahren sollten nicht mehr zum Babyschwimmen in gechlorte Bäder gebracht werden, wenn Familienmitglieder unter Asthma oder Heuschnupfen leiden. Denn hohe Konzentrationen an den Reaktionsprodukten in der Schwimmbadluft, sogenannten Trichloraminen, würden womöglich das Risiko der Kinder erhöhen, an Asthma zu erkranken. Messungen in Hallenbädern hatten in Einzelfällen den von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Richtwert um ein Vielfaches übertroffen, einmal sogar um das 37-Fache.

»Trichloramine entstehen, wenn Chlor in Kontakt mit Harnstoff kommt, der etwa über Schweiß, Kosmetik oder Urin ins Wasser gelangt«, erklärt Tamara Grummt, die leitende Toxikologin der Trink- und Badewasserkommission des UBA . Als Nebenprodukt der Desinfektion gelangt Trichloramin schließlich in die Luft und sorgt für den typischen Hallenbadgeruch, der als Chlorgeruch bekannt ist.

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Dass die Verbindungen besonders Kleinkindern schaden könnten, wird schon länger diskutiert. Bei Kindern, die vor dem zweiten Lebensjahr mit ihren Eltern schwimmen gingen, stellten Forscher eine verringerte Konzentration des Zellproteins Clara (CC16) im Blut fest. Dies deutet auf eine Schädigung des Lungengewebes hin – und das wiederum kann das Risiko für Asthma erhöhen . »Wir wissen allerdings noch nicht sicher, ob und in welcher Konzentration Trichloramin in der Hallenbadluft die Wahrscheinlichkeit erhöht, an Asthma zu erkranken«, sagt Grummt. Daher sei die Empfehlung, Kinder mit Allergien im engeren Familienkreis nicht zum Babyschwimmen zu geben, zunächst vorsorglich ausgesprochen worden. Nun arbeite man daran, die schädliche Wirkschwelle und damit das tatsächliche Risiko von Trichloramin zu ermitteln.

Noch beunruhigender als die UBA-Warnung ist eine neue Studie, die die Schwimmbadchemie mit krebserregenden Stoffen in Verbindung bringt. 600 bis 700 verschiedene Substanzen könnten entstehen, wenn Chlor mit organischem Material Haare, Schuppen, Urin – reagiere, sagt Manolis Kogevinas vom Städtischen Institut für medizinische Forschung in Barcelona , »eine Reihe von ihnen kann das Erbmaterial verändern und so theoretisch auch Krebs auslösen«. In öffentlichen Schwimmbädern ließen er und ein internationales Forschungsteam 49 gesunde Freiwillige rund 40 Minuten lang in einem gechlorten Becken schwimmen und ermittelten vorher und nachher die Konzentration bestimmter Biomarker im Blut, die auf krebserregende Stoffe hinweisen. Das Ergebnis: Die Konzentration von Trihalogenmethanen zum Beispiel war nach dem Schwimmen im Schnitt siebenmal höher als vorher. Auch stieg in bestimmten Blutzellen die Zahl von Mikrokernen an – ein Zeichen für erbgutschädigende Mechanismen, die unmittelbar vorher ausgelöst wurden.