PsychologieMeine Gefühle und ich

Ohne Emotionen wären wir nicht lebensfähig, aber Angst, Scham oder Wut machen uns den Alltag oft schwer. Können wir lernen, sie in den Griff zu bekommen? von Claudia Wüstenhagen

Sylwia Plaza drapiert ein paar Handtaschen und Rucksäcke auf einem Tisch. »Stellt euch vor, das sind Monitore«, erklärt sie und weist den umstehenden Personen ihre Plätze zu: »Du sitzt hier an diesem Schreibtisch, du stehst dort drüben.« Mit einem Mann geht sie einen Text durch und bittet ihn, diesen »so hart wie möglich« und »von oben herab« zu sagen. Es ist nicht die Probe einer Laienspielgruppe, die an diesem Nachmittag im Seminarraum der Hamburger Volkshochschule stattfindet. Die Büroszene stammt nicht aus einem Bühnenstück, sondern aus dem Leben – Sylwia Plazas Berufsleben. Das Rollenspiel ist Teil eines Konflikttrainings, »Mehr Mut im Alltag« verspricht der Kurs.

Mehr Mut – den hätte die Informatikerin Plaza gern gehabt, als der Mitarbeiter einer externen Firma vor einiger Zeit das Computersystem ihres Unternehmens im laufenden Betrieb zum Absturz brachte und ihr, der hausinternen IT-Fachfrau, die Schuld daran gab. »Das war ungerecht«, sagt Plaza. Aber gewehrt habe sie sich nicht. »Ich konnte nichts sagen, war erstarrt, wie das Kaninchen vor der Schlange.« Ihr Herz habe wild gepocht, ihre Kehle war wie zugeschnürt.

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ZEIT Wissen 2/2011
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Situationen wie diese hat die 36-Jährige schon häufiger erlebt. Sie fürchtet Konflikte und lässt sich von dominanten Kollegen schnell einschüchtern – selbst wenn sie im Recht ist. Das möchte sie ändern. Sie will das schaffen, was sich viele vornehmen: emotionale Situationen besser meistern. Eine schwierige Aufgabe, denn unsere Gefühle haben große Macht über uns. »Sie beherrschen unseren Verstand mehr als umgekehrt«, sagt der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth , der ein Buch darüber geschrieben hat, warum es so schwer ist, sich zu ändern. Emotionen steuern unser Verhalten, beeinflussen unsere Persönlichkeit und die Beziehungen zu anderen Menschen.

Doch wir sind ihrer Macht nicht hilflos ausgeliefert. Auch Erwachsene können sich noch ändern. Zwar wird niemand seine Persönlichkeit völlig umkrempeln können, aber wir können lernen, besser mit eigenen Emotionen und denen anderer umzugehen. Wer seine Angst oder Wut überwinden, seine Schüchternheit ablegen oder sich ein dickeres Fell zulegen möchte, kann das auch als Erwachsener noch schaffen. Er braucht allerdings, wie beim Erlernen einer neuen Sprache oder eines Musikinstrumentes, viel Geduld und Training.

Die Angebotsspanne ist groß, vom einwöchigen VHS-Kurs bis zur mehrjährigen Psychotherapie. Auch Sylwia Plaza hat schon einiges ausprobiert. Sie hat verschiedene Kurse besucht, zahlreiche Ratgeber gelesen, Hypnose-CDs gehört und sogar spezielle Massagetechniken gegen ihre Blockaden ausprobiert.

Am VHS-Konflikttraining gefällt ihr die praktische Übung. Nach jedem Rollenspiel setzen sich die Teilnehmer zusammen, analysieren die Situation und können beim nächsten Durchgang ausprobieren, anders zu handeln. Sylwia Plaza kann hier in einem geschützten Rahmen üben, auch mal den Mund aufzumachen. »Das war gut, weil es sich sehr echt angefühlt hat, ich hatte wieder richtig Herzklopfen«, erzählt sie im Anschluss. »Manche Menschen drücken bei mir einfach diese Knöpfe«, sagt sie, überlegt kurz und verbessert sich: »Ich lasse sie diese Knöpfe drücken.« Die Kursleiterin Renate Schröder nickt zufrieden: »Richtig, du lässt sie. Noch.«

Umgang mit den eigenen Gefühlen...

Auch wenn es mit zunehmendem Alter immer schwieriger wird, seine emotionalen Verhaltensmuster zu verändern, ist dies mit intensivem Training für viele Menschen möglich. Erwachsene bringen dafür meist sogar zwei wichtige Voraussetzungen mit, die Kindern häufig fehlen: Motivation und Leidensdruck. Wunder sollte aber niemand erwarten. Sein Temperament kann ein Mensch nicht ablegen, denn es ist auch genetisch bedingt. Man kann jedoch lernen, in emotional schwierigen Situationen besser zu reagieren. Wer zu Wutausbrüchen neigt, wird also wahrscheinlich sein Leben lang schnell ärgerlich werden, er kann aber in Präventionsprogrammen trainieren, seine Impulse zu kontrollieren. Generell hängen Aufwand und Aussichten von den jeweiligen Problemen ab. Einige erfordern lange Therapien, bei anderen helfen schon Entspannungsübungen oder einfache Techniken. Bei Prüfungsangst etwa kann es einer aktuellen Studie zufolge bereits helfen, sich kurz vor der Prüfung seine Gefühle von der Seele zu schreiben.

...und den Gefühlen der anderen

Um mit anderen Menschen rücksichtsvoll umgehen zu können, muss man ihre Gefühle zunächst einmal erkennen können. Diese Fähigkeit lässt sich trainieren, etwa mithilfe von Übungen, die auf dem Facial Action Coding System des amerikanischen Emotionsforschers Paul Ekman basieren. Er hat systematisch erfasst, wie sich etwa Wut, Trauer und sogar Neid in der Mimik und Gestik eines Menschen niederschlagen. In Anlehnung an Ekmans Arbeiten lernen etwa beim Heidelberger Gewaltpräventionsprogramm »Faustlos« Kinder und Erwachsene anhand von Fotos und Videos, ihren Blick für diese Details zu schärfen und den Ausdruck auch selbst zu imitieren. Darüber hinaus können Rollenspiele dabei helfen, sich in die Position anderer Personen hineinzuversetzen. Ob Menschen auch ihr Mitgefühl für andere gezielt trainieren können, wird im Augenblick noch von Wissenschaftlern untersucht. Erste Hirnstudien mit meditationserfahrenen Mönchen lassen vermuten, dass man empathischer werden kann.

»Ein Rollenspiel kann noch einmal alle Prozesse, die in der problematischen Situation von Bedeutung waren, aktivieren. Dadurch sind alternative Reaktionsweisen, die in Rollenspielen ausprobiert und eingeübt werden, auch in der problematischen, realen Situation leichter abrufbar«, sagt Matthias Berking, Professor für Psychotherapieforschung der Universität Marburg. So können Rollenspiele dabei helfen, alte Muster aufzubrechen und neue einzuschleifen.

Dass emotionale Muster oft tief sitzen, liegt daran, dass sie früh geprägt werden. Ob ein Mensch oft ängstlich oder zornig reagiert , zu Traurigkeit oder Frohsinn neigt, ist schon in seinen Genen angelegt. Auf 30 bis 50 Prozent schätzen Wissenschaftler den genetischen Einfluss auf das Temperament. Wie stark sich die Veranlagung tatsächlich ausprägt, hängt von den Erfahrungen in der Kindheit und sogar schon im Mutterleib ab. »Vor allem die Bindungserfahrungen der ersten drei Jahre sind wichtig«, sagt Roth.

Sylwia Plaza sagt, sie sei ein braves Kind gewesen, das nie Ärger provozieren wollte. »Konflikte auszutragen habe ich gar nicht gelernt.« Dass sie heute Angst davor hat, erklärt sie sich auch mit den strengen Erziehungsmethoden der polnischen Schule, an der sie die ersten Schuljahre verbrachte. Es kam vor, dass die Lehrerin das Mädchen vor der ganzen Klasse mit einem Holzlineal schlug. »Das sitzt offenbar noch tief.«

Leserkommentare
    • traude
    • 28. März 2011 10:11 Uhr

    Schöner Artikel, und es scheint ein interessantes Forschungsfeld zu sein.

    Ich bin mal gespannt wie sich das im laufe der nächsten Jahrzehnte weiter entwickeln wird.

    Besonders im Hinblick auf die gestiegenen Herausforderungen seinen persönlichen Alltag in Einklang zwischen Arbeit und Familie zu bringen. Andere Artikel gingen ja schon in die Richtung, dass sich immer mehr Männer und Frauen von den gestiegenen Erwartungen überfordert fühlen.
    Das entwickeln von neuen Strategien im Umgang mit Überforderungssituationen birgt meines Erachtens großes Gesamtgesellschaftliches Potential.

    (Viel mehr, als auf irgendwelche Einwanderungsgruppen zu schimpfen, die unsere Gesellschaft unterlaufen würden...)

  1. Ich bin depressionskrank, immer wieder. Dank ordentlicher Therapie komme ich meist gut zurecht. Allerdings wird auf der Arbeit jetzt an meinem Stuhl gesägt, anstatt mir ein anderes Tätigkeitsfeld anzubieten.

    Wenn Du in dieser Gesellschaft nicht hundertfünfzig Prozent gibst, kommst Du aufs Abstellgleis. Auch, wenn Dein Arbeitgeber behauptet, christliche Werte zu vertreten.

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    • essilu
    • 13. November 2011 17:17 Uhr

    ...bin ich auf diesen Artikel, und, auf Ihren Kommentar gestoßen.
    Ich möchte Ihnen einen "Mutmacher" empfehlen...und Ihnen ans Herz legen. Dies sagt Ihnen jemand, der weiß, wovon er spricht...

    YouTube:
    Nina Simone - Ain't Got No/I Got Life (4:23 min.)

    Ein großartiger Song von einer großartigen Künstlerin.

    • remail
    • 28. März 2011 12:03 Uhr

    In meinem persönlichen Umfeld kann ich gut beobachten, dass sähen und ernten noch immer gilt. Wer gerne etwas für andere macht gewinnt leichter Überschuss.

  2. Aus eigener Erfahrung sowie aus jener meines Umfeld würde ich den Wert des uneigennützigen Handels als deutlich höher bewerten als allgemein angenommen. Hiermit meine ich das sog. "Helpers High", jener emotionale Gewinn, den man erhält, meist umso mehr, desto weniger die direkte Entlohnung (durch Geld, Anerkennung, etc.) stattfindet.

    Sowohl in Beruf als auch in der Familie nehmen die Bindungen und Loyalitäten in unserer Gesellschaft tendenziell ab. Aber in der Vergangenheit waren dies Felder, in dem man unwillkürlich besonderes Engagement zu leisten bereit waren, welches einem auch anschließend langfristig reflektiert wurde. Ins Besondere im Beruf ist dies verloren gegangen und ist einer der Hauptfaktoren, warum Arbeit nicht mehr in (psycho)sozialer Hinsicht sinn-stiftend sein kann, zumal neben Betriebs- und Privatzugehörigkeit auch die Bindung zwischen diesen beiden Feldern verloren gegangen ist.

    Ich bin zwar sehr skeptisch was die politische Gestaltung angeht, aber nichtsdestotrotz sollte man dies auch als Chance sehen, die Gesellschaft neu zu entwerfen und von der bisherigen Definition der "Leistungsgesellschaft" (wobei "Leistung" hier sehr fern der psychosozialen Wirklichkeit definiert ist) zu entkoppeln. Nicht zuletzt, da eben dies jene Komponente ist, in der die Zurückdrängung der psychosozialen (und somit tendenziell eher Persönlichkeits-bildenden) Asekte strukturell begünstigt sind.

    • tabe
    • 29. März 2011 13:29 Uhr

    Was wäre der Mensch ohne Schwermut, gerade die schwermut zeigt demm Menschen ja die Brüche in einer Welt auf, in der er einfach nur funktionieren soll wie es andere wollen. Schwermut schafft Tiefe und echte Bildung der Persönlichkeit. Positives Denken schafft entkernte Funktionszombies.

  3. Der Artikel handelt prinzipiell vom persönlichen Umgang des einzelnen menschlichen Individuums mit den eigenen Emotionen; dabei liegt der Fokus darauf, Empfindungen und Gefühle zu kontrollieren, indem man sich selbst selbstreflexiv beobachtet als Grundlage dafür, frei, weil selbstbestimmt zu tun, was man auch tun will, ansonsten würde jeder fremdbestimmt sein durch das eigene Gefühlsleben, gewissermaßen nicht mehr Herr der persönlichen Lage sein, sondern Knecht der persönlichen Emotionen. Merken sollte man sich, wie richtigerweise angeführt wurde, dass wir Menschen von den Emotionen weitaus mehr beeinflusst werden als von dem Verstand - wir können uns letztlich nicht gänzlich lösen von den Emotionen, aber wer will das schon ? - es macht uns als Menschen aus, ein "animal emotionale" zu sein: Wir müssen um überhaupt menschlich zu sein, fühlen können; in diesem Sinne will ich dafür plädieren, schlechte Emotionen zu kontrollieren, um gute Emotionen besser ausleben zu können wie auch vorleben zu können. Man muss sich jedoch auch die Frage stellen, ob es generell für alle Emotionen zutrifft, dass man sie beherrschen sollte oder ob man sich auch manchen ergeben darf: Ich will einem liebendem Menschen nicht dazu zu raten, sich die Emotionen bewusster vor Augen zu führen, quasi nicht mehr blind vor Liebe zu sein, um demjenigen damit Einschränkungen und Eingrenzungen aufzuerlegen. Man darf Emotionen vertrauen, man muss nicht allen misstrauen oder will man der Leidenschaft entsagen ?

  4. ist für mich betrachtet, ein aulaufmodell. dort wird viel
    konstruiert,mental betrachtet.werkzeuge für die aussenwelt
    den klienten verkauft.
    ich könnte frau plaza andere methoden empfehlen, welche
    wirklich innen und aussen den menschen gesunden lassen.
    Solche konstruktionsrepotagen, wie vermeide ich das, wie
    verhalte ich mich dort, welcher rethoriklehrgang,
    welcher chef....die würden dann nicht mehr notwendig sein

    • essilu
    • 13. November 2011 17:17 Uhr

    ...bin ich auf diesen Artikel, und, auf Ihren Kommentar gestoßen.
    Ich möchte Ihnen einen "Mutmacher" empfehlen...und Ihnen ans Herz legen. Dies sagt Ihnen jemand, der weiß, wovon er spricht...

    YouTube:
    Nina Simone - Ain't Got No/I Got Life (4:23 min.)

    Ein großartiger Song von einer großartigen Künstlerin.

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