Deutschlands oberster Arzneimittelprüfer: Jürgen Windeler © IQWiG

Ein Patient von Jürgen Windeler möchte man nicht gern sein – zumindest nicht, wenn man den Typ Professor Brinkmann schätzt. Beispiel Erkältung: »Dagegen kann man wenig machen. Nur die Symptome dämpfen«, sagt Windeler kühl. Die Schwarzwaldklinik- Masche – begütigend, betüddelnd, allwissend – liegt ihm fern. Jürgen Windeler ist Verfechter der evidenzbasierten Medizin, und das bedeutet: Bei ihm gilt nur, was nachweisbar ist.

Evidenzbasierte Medizin hat nichts zu tun mit Brimborium, Hokuspokus oder besonderer Kreativität von Ärzten, nur etwas mit Wissenschaft und Vernunft. Und Jürgen Windeler ist Deutschlands bekanntester Vertreter der evidenzbasierten Medizin: Seit ein paar Monaten leitet er das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), das den Nutzen von Medikamenten und anderen Therapien nach evidenzbasierten Kriterien untersucht. Als oberster Medikamentenprüfer ist Windeler mit einem Mal einer der mächtigsten Menschen im Multimilliardenbetrieb »Deutsches Gesundheitssystem«. Durch ein neues Gesetz ist sein Einfluss zu Jahresbeginn noch mehr gestiegen.

Mitgefühl nach Doktor-Brinkmann-Art ist da eher fehl am Platz, es bedarf anderer Charaktereigenschaften. Stur muss man sein, man sollte eine große Widerstandskraft besitzen und darf sich nicht so leicht reizen lassen, um als IQWiG-Chef bestehen zu können. Die große Verantwortung ist nur die eine Last, die man tragen muss. Viel belastender ist wohl der Dauerbeschuss, unter dem das Institut seit seiner Gründung steht: Die Krankenkassen wollen, dass es möglichst genau hinschaut, wenn es den Nutzen von Medikamenten bewertet, denn jedes gut bewertete Mittel dürfen die Ärzte verschreiben – und die Kassen müssen es bezahlen. Die Pharmaindustrie hingegen hat ein Interesse daran, dass möglichst viele Medikamente den Segen des IQWiG bekommen. Und dann gibt es noch die Politiker der verschiedensten Richtungen, die nicht immer durchschaubare Interessen haben.

Gegen diesen Beschuss aus allen Richtungen muss man gewappnet sein. Man darf keinen Fehler machen. Also sagt Windeler Sätze wie »Ich habe wenig Interesse daran, dass Leute mich in persönlichen Details kennen und beschreiben können«, um nur nichts Privates preiszugeben. Es könnte ihm ja als Eitelkeit ausgelegt werden – und ihn vielleicht einmal ebenso den Job kosten wie seinen Vorgänger, Peter Sawicki. Dieser, mit einem Hang zur Selbstdarstellung ausgestattet, trat mit seinen Äußerungen (»Die pharmazeutische Industrie betrachtet Deutschland als Selbstbedienungsladen«) gern laut auf. Das gefiel nicht jedem. Eine der ersten Amtshandlungen von Gesundheitsminister Philipp Rösler war die schnelle Absetzung Sawickis.

Natürlich ist es nicht nur die Vorsicht, die Windeler so viel leiser auftreten lässt als seinen Vorgänger. Er ist auch ein ganz anderer Typ Arzt. Einer, der sich nicht ins Getümmel stürzen muss, der nicht unbedingt dahin geht, wo alle anderen schon sind. Das zeigt sein Werdegang: Windeler war Krankenpfleger, dann Student der Medizin, am Ende des Studiums überlegte er, ob er lieber Landarzt werden will oder Rechtsmediziner. Es waren die Randgebiete der Medizin, die ihn interessierten. Seine Doktorarbeit schrieb er 1985 über die fehlende Wirksamkeit des Hämocculttests zur Darmkrebsvorsorge. Dieser Test, mit dem Blut im Stuhl aufgespürt wird, war (und ist) bei vielen Hausärzten beliebt und verbreitet – und dann kam ein Student daher und zeigte eine unverhältnismäßig hohe Fehlerquote auf, er wies nach, dass Millionen Mediziner einen Test verordnen, der keinen klaren Aussagewert besitzt.

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»Wohl aber senkt dieser Test die Zahl der Darmkrebserkrankungen. Eben weil durch seine Ergebnisse auch viele Patienten zur Koloskopie gehen. Und die deckt dann die Erkrankungen auf«, relativiert Windeler. Das ist typisch für ihn: korrekt, ein bisschen umständlich und durch und durch vernünftig.

Nüchternheit, Nachweisbarkeit und Vernunft werden für ihn zu den Säulen seines Berufs. Das, was sich belegen lässt, haarklein, unabhängig, unverfälscht, nur das hat für ihn Wert. Am IQWiG kann er diese Haltung ausleben. Deswegen ist Jürgen Windeler hier so richtig.