Der Kuckuck in der Wanduhr ruft zweimal, als Sven Piwon die Schicksalsfrage für das Wochenende stellt: Nebel oder klare Sicht? Es ist Freitagnachmittag, und Piwon hat noch drei Stunden Zeit, seinen Tipp abzugeben. Vor Irland ein Sturmtief, ein Hoch über Sankt Petersburg, Kaltluft aus Polen. Draußen beschert die Sonne dem Schwarzwald einen malerischen Herbsttag, aber darum geht es jetzt nicht. Piwons ganze Aufmerksamkeit gilt dem Hochnebel in Zürich. Wird er bis morgen über der Stadt hängen?

Piwon lädt einen Satellitenfilm aus dem Internet und betrachtet den Tanz der Wolken. »Das ist die Paula«, sagt er, so heiße das Tief vor Irland. Irgendwo da unten, in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sitzen jetzt Dutzende Hobby- und Profimeteorologen vor ihren Rechnern und tun es ihm gleich – sie versuchen das Wochenendwetter für eine oder mehrere von fünf Städten vorherzusagen: Berlin, Zürich, Wien, Leipzig, Innsbruck. Bis fünf Uhr müssen sie im Internet auf wetterturnier.de ihre Prognosen abgeben , zur Regenmenge, Sonnenscheindauer und zu zehn anderen Werten. Wer am nächsten dran ist, gewinnt. Seit elf Jahren gibt es das Wetterturnier, und Sven Piwon ist der fleißigste Spieler, spezialisiert auf Zürich und Berlin. Heute tritt er zum 510. Mal an.

Jeder Teilnehmer will besser sein als die anderen, aber alle haben einen gemeinsamen Feind: die Wetterdienste. Die Vorhersagen von deren Supercomputern fließen ebenfalls in das Turnier ein. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) etwa nutzt den Wettkampf als Härtetest für seine neuesten Simulationen.

Der Kampf um die beste Vorhersage verrät daher viel über den Wettlauf Mensch gegen Maschine. Computer haben den Schachweltmeister besiegt, sie steuern Flugzeuge und simulieren die Entstehung des Universums. Die Wettervorhersage jedoch ist die Königsdisziplin: Chaosphysik, große Datenmengen, wenig Rechenzeit kommen zusammen. Im Turnier haben Maschinen die besten Menschen noch nicht geschlagen. Aber sie holen auf.

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Für die Maschinen gehen ins Rennen: SX-9 , der Supercomputer des DWD in Offenbach , er hat 39 Millionen Euro gekostet und braucht mehr Platz als eine Turnhalle; außerdem schicken Meteomedia und die Meteogroup , zwei private Wetterdienste, automatische Vorhersagen an das Turnier, sie basieren auf den Simulationen amerikanischer und europäischer Supercomputer.

Sie treten an gegen Menschen wie Sven Piwon. In den Achtzigern hat er bei der Bundeswehr eine Ausbildung im mittleren Wetterdienst absolviert. Wegen des Schichtdienstes kündigte er und wechselte zur Stadtverwaltung Titisee-Neustadt. Das Wetter aber blieb sein Hobby: Jeden Freitagnachmittag sitzt er in Pantoffeln vor dem PC und misst sich mit 100 Amateuren, Studenten und fest angestellten Meteorologen. Die anderen haben Pseudonyme wie Schneegewitter, Weathercow und Kaltlufttropfen. Piwon ist ein sachlicher Typ, er nennt sich Sven/Titisee-Neustadt.