Radioaktive Abfälle Sollen wir unseren Atommüll unschädlich machen?

Durch Bestrahlung lassen sich hochradioaktive Abfälle in weniger gefährliche Stoffe umwandeln. EU-finanzierte Pilotanlagen sorgen für Streit.

Bei einer Protestveranstaltung gegen Atommülltransporte postierten 2010 Demonstranten symbolisch Fässer vor dem Reichstagsgebäude in Berlin

Bei einer Protestveranstaltung gegen Atommülltransporte postierten 2010 Demonstranten symbolisch Fässer vor dem Reichstagsgebäude in Berlin

Pro: Mithilfe der Transmutation ließe sich sogar Energie gewinnen

Concetta Fazio

Sie koordiniert die nukleare Sicherheitsforschung am Forschungszentrum Karlsruhe.

Atommüll aus Kernkraftwerken strahlt zum Teil noch Millionen Jahre. Diesen hochradioaktiven Abfall wollen viele möglichst schnell und dauerhaft in einem Endlager versiegeln. Es gibt eine Alternative: Partitionierung und Transmutation (P&T). Darunter versteht man die chemische Abtrennung der hochradioaktiven Elemente aus einem abgebrannten Brennelement und deren Bestrahlung mit Neutronen.

Die Menge hochradioaktiver Stoffe wird dadurch reduziert, und der Atommüll, der endgelagert werden müsste, entwickelt weniger Zerfallswärme. Dadurch erhöht man die Langzeitsicherheit eines Endlagers.

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ZEIT Wissen 2/2011
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Dass P&T im Prinzip funktioniert, wurde im Labor nachgewiesen. Europäische Pilotanlagen, zum Beispiel in Belgien und Frankreich, sollen zeigen, dass die Technik auch für größere Mengen anwendbar ist. Mithilfe der Transmutation ließe sich sogar Energie gewinnen. Zwar nicht in den heutigen Kernkraftwerken, aber in Kernkraftwerken der vierten Generation, die derzeit noch in Planung sind. Und wenn eine Gesellschaft keine neuen Kernkraftwerke bauen will, könnte man den hochradioaktiven Müll auch in Anlagen bestrahlen, die speziell zum Zweck der Transmutation entwickelt werden.

In Europa ist Müllrecycling ein wichtiges Ziel. P&T könnte nachhaltiges Abfallmanagement endlich auch für Atommüll möglich machen.

Von Concetta Fazio

Contra: Statt technikverliebter Utopien brauchen wir Endlager

Stefan Alt

Er leitet die Arbeitsgruppe Nukleare Entsorgung am Öko-Institut Darmstadt.

Transmutation, also die Umwandlung hochradioaktiven Mülls in Abfall mit kürzerer Halbwertszeit, wird uns in absehbarer Zeit nicht vom Atommüll befreien. Wir reden hier von Grundlagenforschung, die, wenn überhaupt, erst in etlichen Jahrzehnten anwendungsreif sein wird. Keines der heutigen Kernkraftwerke weltweit wird den Einsatz dieser Technologie erleben. Hochradioaktive Abfälle werden sie trotzdem hinterlassen. Schon heute gibt es weltweit Zehntausende Tonnen davon, und jedes Jahr kommen etwa 12.000 Tonnen dazu. Kaum vorstellbar, dass unsere Nachfahren dieses Erbe werden eliminieren können – oder wollen.

Die Technik würde zudem eine neue nukleare Infrastruktur mit speziellen Kernreaktoren und Wiederaufarbeitungsanlagen für Brennelemente erfordern, inklusive radioaktiver Emissionen in die Umwelt, die ja auch bei der heutigen Wiederaufarbeitung offenbar unvermeidlich sind.

Statt technikverliebter Utopien brauchen wir endlich konkrete Endlager für unsere Abfälle. Diese müssen nach hohen Sicherheitsstandards in langzeitstabilen geologischen Formationen errichtet werden, um Abfälle über sehr lange Zeiträume von der Biosphäre fernzuhalten. Sie in Zwischenlagern zu belassen, um auf eine nicht entwickelte Technologie zu hoffen, kann keine Alternative sein.

Von Stefan Alt

 
Leser-Kommentare
  1. sogenannten "Red Herring" durch die Presse geistern.

    Wenigstens ist dieser "Red Herring" sachlich kommentiert.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Kernkraft liefert uns gerade mal 12 % unserer Energie. Wozu daran festhalten? Es gibt etliche Alternativen. Also wozu auch diese Forschung? Bis - und dies wurde leider vergessen zu erwähnen - diese Technologie so weit ist, ist Uran irre teuer, die alternativen Energien wesentlich weiter und die Gesellschaft vielleicht, vielleicht etwas nachhaltiger...

    Kernkraft liefert uns gerade mal 12 % unserer Energie. Wozu daran festhalten? Es gibt etliche Alternativen. Also wozu auch diese Forschung? Bis - und dies wurde leider vergessen zu erwähnen - diese Technologie so weit ist, ist Uran irre teuer, die alternativen Energien wesentlich weiter und die Gesellschaft vielleicht, vielleicht etwas nachhaltiger...

  2. "Europäische Pilotanlagen, zum Beispiel in Belgien und Frankreich ..."

  3. Kernkraft liefert uns gerade mal 12 % unserer Energie. Wozu daran festhalten? Es gibt etliche Alternativen. Also wozu auch diese Forschung? Bis - und dies wurde leider vergessen zu erwähnen - diese Technologie so weit ist, ist Uran irre teuer, die alternativen Energien wesentlich weiter und die Gesellschaft vielleicht, vielleicht etwas nachhaltiger...

    Antwort auf "Ich sehe einen"
  4. Am einfachsten ist es den Atommuell gar nicht erst entstehen zu lassen, aber so eine einfache Loesung ist ja nicht gefragt.

  5. Ideal wäre freilich, wenn man die Brennelemente so intelligent bestrahlen könnte, dass sie als Wärmepack im Kaminöfen eingesetzt werden dürfen -natürlich nur bei HarzIV Bewohnern

    Eine Leser-Empfehlung
  6. Selbst wenn wir ab morgen keinen hochradioaktiven Müll mehr entstehen lassen würden, und derzeit sieht es leider nicht danach aus, bleiben die mindestens 8.000 m³, die in Europa derzeit endzulagern sind.

    Nun gibt es derzeit kein Endlager, und eine wirklich aktive Suche nach einem geeigneten, die auch den zwingend notwendigen Konsens berücksichtigt, ist nicht in Sicht.

    Daher bin ich, unabhängig von der technischen Realisierbarkeit der beschriebenen Transmutation eindeutig dagegen, wieder ein ungewisses Langzeitprojekt aufzusetzen, bei dem als Ergebnis nur sicher ist, dass die Endlagerproblematik weiter auf die lange Bank geschoben wird und die heute politisch Verantwortlichen das Thema Endlagerung erneut ungelöst vererben können.

  7. Alternative Technologien der Energieerzeugung sind noch nich gänzlich ausgereift, Windkraft z.B. unzuverlässlich bzgl. ihrer Verfügbarkeit, Photovoltaik noch recht ineffektiv... Ebenso existiert ein Problem bzgl. der Speicherung dieser Energie...
    Wenn wir heute also einfach mal so unsere Atommeiler ausschalten und somit diesen öfter genannten Vorschlag Ehre erweisen, müssen wir sehen wo der Strom herkommen soll... und das is dann Kohle, Gas und Öl, und somit adieu CO2-Einsparung. Man kann halt nich alles haben, vorallem so lange wir alle sinnlos Energie verpulvern...
    Atommüll verbuddeln und hoffen, dass nix schlimmes in den nächsten 1 000 000 Jahren geschehen wird, ist wohl auch eine etwas "naive" Idee, allenfalls eine Not- und Übergangslösung. Daher: Schön das endlich mal über Transmutation berichtet wird.
    Was nich gesagt wurde, ist allerdings, dass die Halbwertszeit der verbleibenden Isotope zwar nich mehr im Bereich von Jahrmillionen liegt, allerdings im Bereich von Jahrhunderten. Dennoch, ein allemal überschaubarer Zeitraum und wer weiß, was die Grundlagenforschung noch für Durchbrüche erziehlen kann. (Immerhin ist es ihre Aufgabe, uns zu überraschen)

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    ach herrje. könnte man nicht einfach alle atomkraftbefürworter, -lobbyisten, ans-volk-verkäufer und natürlich die kraftwerksbesitzer selbst nach japan zum aufräumen schicken?

    dass die statistisch eigentlich nicht zu erwartenden unfälle zuweilen gleich dreimal auftreten (murphys gesetz), und dass ein gegebener oder in zwei jahrzehnten zu erwartender technologischer entwicklungsstand in solchen fällen leider gar nichts hilft, könnte sich dann richtig ins bewußtsein brennen.

    ach herrje. könnte man nicht einfach alle atomkraftbefürworter, -lobbyisten, ans-volk-verkäufer und natürlich die kraftwerksbesitzer selbst nach japan zum aufräumen schicken?

    dass die statistisch eigentlich nicht zu erwartenden unfälle zuweilen gleich dreimal auftreten (murphys gesetz), und dass ein gegebener oder in zwei jahrzehnten zu erwartender technologischer entwicklungsstand in solchen fällen leider gar nichts hilft, könnte sich dann richtig ins bewußtsein brennen.

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