ZEIT WISSEN: Herr Professor Roenneberg, sind Sie heute mit Wecker aufgestanden?

Till Roenneberg: Um halb acht hat er geklingelt. Ich versuche, das zu vermeiden, denn ich brauche anschließend drei Stunden, um in Schwung zu kommen. Davor kann ich nichts Anspruchsvolles tun, nur lesen und E-Mails beantworten.

ZEIT WISSEN: Viele Menschen würden es gerne vermeiden, vom Wecker aufgeweckt zu werden...

Roenneberg: ...und dürfen es nicht. 75 Prozent der Bevölkerung brauchen einen Wecker zum Aufstehen. Das heißt, dass drei Viertel der Menschen an Werktagen nicht ausgeschlafen haben.

ZEIT WISSEN: Für viele ist dies so selbstverständlich, dass sie es akzeptieren. Woher kommt das?

Roenneberg: Das steckt tief in unserer Kultur. Wir glauben, über unserer biologischen Herkunft zu stehen. Aber wir sind keine Maschinen, die man auf einen bestimmten Tagesablauf programmieren kann. Wir sind Organismen, mit einem eigenen, natürlichen Rhythmus. In unserer Kultur herrscht eine merkwürdige Bewusstseinsspaltung. Einerseits gilt noch immer das Ideal aus Zeiten der Agrargesellschaft: Wer was schaffen will, muss früh raus. Langschläfer gelten als faul. Andererseits wollen wir moderne Global Player sein – immer unter Strom, immer erreichbar. Die Menschen fliegen durch die Zeitzonen, arbeiten im Schichtdienst.

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ZEIT WISSEN: Aber können Menschen sich an so eine Lebensweise nicht gewöhnen?

Roenneberg: Nein. In uns ticken 100 Millionen Jahre alte biologische Uhren. Es ist arrogant, zu glauben, man könne sie stellen wie eine Armbanduhr. Die Folgen für uns sind massiv, wenn auch ihr wissenschaftlicher Nachweis kompliziert ist: Ein geschwächtes Immunsystem und ein erhöhtes Krebsrisiko sind nur zwei Beispiele.

ZEIT WISSEN: Was kann man tun – in den Weckerstreik treten?

Roenneberg: Einzelaktionen bringen natürlich nichts. Wir brauchen eine neue industrielle Revolution, die unsere innere Zeit berücksichtigt. Ich plädiere für die Ausweitung des Arbeitstags auf ein Fenster von 16 Stunden. In diesem Zeitfenster kann dann jeder seine Arbeit erledigen, wann er will. Frühaufsteher ab sechs Uhr, Abendmenschen bis 22 Uhr. Da bleibt immer noch genug Überschneidungszeit, um sich abzusprechen.

ZEIT WISSEN: Das muss doch irgendwann im Chaos enden.

Roenneberg: Muss es nicht. Alles eine Frage der Organisation. Natürlich müssen Maschinen die ganze Zeit über bedient werden und Notdienststellen besetzt sein. Aber in diesem Rahmen bleibt genug Spielraum, um jedem Chronotyp gerecht zu werden.

ZEIT WISSEN: Könnte so die Vision einer weckerfreien Welt wahr werden?

Roenneberg: Ganz ohne Wecker wird es nicht gehen. Mein Ziel ist es, das Verhältnis umzukehren, sodass eines Tages 75 Prozent der Bevölkerung ohne Wecker aufstehen.