Fünf Schlafforscher in einem Apartment, diese ungewöhnliche Wohngemeinschaft kam im September 2010 in Lissabon zusammen. Was konnte man bei solch geballter Schlafkompetenz erwarten? Um Punkt 22 Uhr Licht aus und friedliche Stille bis zum nächsten Morgen? Im Gegenteil. »Es war fast jede erdenkliche Schlafstörung vertreten«, erzählt einer der fünf. Ein Schlafwandler war dabei, ein Schlafloser, ein lauter Schnarcher und einer, der schreiend aus Albträumen hochfuhr. Es war so viel los, dass auch der fünfte, der sonst schläft »wie ein Baby«, keine Ruhe fand.

Immerhin konnten sie sich tagsüber auf hohem Niveau darüber austauschen – sie waren zum Kongress der Europäischen Gesellschaft für Schlafforschung nach Portugal gereist, einem der größten Treffen ihrer Disziplin. Es sind aufregende Zeiten für die Schlafforschung. Lange dämmerte sie in einem obskuren Seitenzweig der Medizin. Jetzt ist sie dabei, den Schlaf als reichen, lebendigen Teil unseres Lebens zu entdecken, nicht weniger wichtig als das Wachen. Von außen gesehen mag nicht viel passieren. Drinnen im Kopf aber geht es rund. In der Abgeschiedenheit der Nacht räumt das Gehirn sich auf.

Mit neuen Hirnscannern können Wissenschaftler ihm inzwischen sogar dabei zusehen – etwa wie es Erinnerungen von einem Hirnareal ins andere kopiert. In mehreren Studien haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in den vergangenen Monaten beobachtet, dass das Gehirn während des Schlafs sein Synapsen-Netzwerk mehrmals umprogrammiert. Es wechselt nachts in ein anderes Betriebssystem. Aber es bleibt in Betrieb. »Wenn Sie einschlafen, bleibt Ihr Gehirn genauso aktiv wie im Wachen«, sagt Giulio Tononi, Psychiater an der University of Wisconsin , »die Neuronen plappern einfach weiter.«

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Diesem Geplapper versuchen Schlafforscher in aller Welt einen Sinn zu geben. Ihre Aufnahmen mit Kernspintomografen muss man mit Vorsicht interpretieren, aber wenn die Forscher recht behalten, entsteht ein neues Bild unseres Nachtlebens. Es zeigt sich: Schlaf ist konstitutiv für unser Bewusstsein. Nachts bereiten wir vor, was wir tagsüber tun, denken und fühlen. Wir perfektionieren unsere Motorik, sortieren unser Gedächtnis, klären unsere Gefühle. »Ohne Schlaf wäre Bewusstsein, wie wir es tagsüber haben, nicht möglich«, sagt Allan Hobson von der Harvard University . Ein Mensch wird erst im Schlaf zu dem, der er ist. »Es ist wie beim Kochen«, sagt der kalifornische Neuropsychologe Matthew Walker , »im Wachen holen wir uns die Zutaten, im Schlaf kochen wir die Suppe aus ihnen.«

Es ist noch nicht lange her, da galt Schlaf unter Schulmedizinern als die Abwesenheit von Wachheit. Gehirn stillgelegt, medizinisch uninteressant. Störungen, wie sie in dem Apartment in Lissabon zu beobachten waren, hätten Mediziner früher als schlaffremde Zustände abgetan, als Einsickern des Wachens in den Schlaf. Heute wissen sie: Es sind äußere Zeichen der Prozesse, die sich in jedem Schlafenden abspielen.

Die schlaflosen Nächte der Forscher in Lissabon geben auch eine Ahnung von den Dramen, die sich Nacht für Nacht in vielen Schlafzimmern abspielen. In Umfragen bekennen mehr als 40 Prozent aller Deutschen, Probleme mit dem Schlaf zu haben. Frauen liegen eher wach als Männer. Dafür schnarchen Männer mehr. Die Gesundheitsrisiken eines schlechten Schlafs sind vielfach belegt: Diabetes, Herzschwäche und Übergewicht gehören zu den langfristigen Folgen. Kurzfristig ist ein Verkehrsunfall die größte Gefahr. Fachleute schätzen, dass ein Fünftel aller Unfälle in Industriestaaten mit Schläfrigkeit in Zusammenhang stehen. Das ist so hoch wie der Anteil der Alkoholunfälle.