Schlafforschung : Schlafen, bis der Arzt kommt

Um das Schlafen und Träumen drehen sich viele Volksweisheiten und populäre Irrtümer. Antworten auf häufige Fragen.

Wie viel Schlaf brauche ich?

Das kommt darauf an, welche Ansprüche man hat. Der englische Psychophysiologe Jim Horne zerlegt unseren Schlaf in zwei Abschnitte: Der Kernschlaf erhält die wesentlichen Hirnfunktionen. Horne schätzt, dass fünf Stunden dafür genügen . Alles darüber hinaus nennt er Luxusschlaf. Der verbessert die Hirnfunktion, ist aber verzichtbar. "Unser Schlafbedarf ist gerade das, was wir brauchen, um tagsüber nicht schläfrig zu sein", sagt Horne. Den eigenen Bedarf findet man besser durch Selbstbeobachtung heraus als durch allgemeine Ratschläge. Aber Vorsicht: Viele Menschen behaupten, nur wenig Schlaf zu brauchen – und sind chronisch übermüdet.

"Der Schlaf vor Mitternacht ist der wichtigste" – stimmt das?

Der Schlaf kurz nach dem Einschlafen ist der tiefste. Wenn man ungewohnt spät ins Bett geht, schläft man anschließend weniger tief. Die Uhrzeit ist dafür jedoch unwichtig. Denn die Schlaftiefe wird von der inneren Uhr geregelt, die unbeirrt weiterläuft. Wer also gewohnt ist, spät ins Bett zu gehen, schläft auch nach Mitternacht tief. Was zählt, ist Regelmäßigkeit.

Taugt ein Glas Wein als Schlummertrunk?

Alkohol kann den Geist entspannen und so das Einschlafen fördern, aber er bringt die natürliche Abfolge der Schlafphasen durcheinander. Nach ein paar Stunden hat der Stoffwechsel ihn abgebaut, die Körpertemperatur steigt, man wacht auf. Unter dem Strich ist es erholsamer, nüchtern und vorerst unentspannt zu bleiben und so zwar etwas später, dafür aber dauerhaft einzuschlafen. Das gilt für Frauen noch mehr als für Männer, denn der weibliche Stoffwechsel kommt schlechter mit Alkohol zurecht. Es gibt aber einen Ausnahmefall, für den sogar Mediziner ihr Okay geben: Wenn man tagsüber schlechte Erfahrungen gemacht hat, die man besser schnell vergisst. Dann ist es erwünscht, dass der Alkohol den Schlafzyklus durcheinanderbringt. Schon ein Glas Wein flacht die Schlafkurve ab, macht den Tiefschlaf weniger tief, den Traumschlaf weniger lebendig – und die frische Erinnerung prägt sich nicht so gut ein.

Was bringt ein Nickerchen?

Wer tagsüber schlafe, komme abends schlechter zur Ruhe, glaubte man lange Zeit. Dann entdeckten Forscher die segensreiche Wirkung des Tagesschlafs für Geist und Gedächtnis. Das ideale Nickerchen dauert 90 Minuten, je 30 Minuten im Leichtschlaf, Tiefschlaf und Traumschlaf – einen vollen Schlafzyklus. "So gewinnt man eine Mininacht hinzu", sagt die amerikanische Psychiaterin Sara Mednick. Wie gesagt, das ist ein Ideal, das viele wohl nur am Wochenende verwirklichen können. Kleiner Trost: Bereits Powernaps von wenigen Minuten wirken messbar positiv.

Träumt auch mein Wellensittich?

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

Alle Tiere schlafen oder haben schlafähnliche Zustände. Aber Träumen ist ein äußerst raffinierter Hirnzustand , zu dem nur höher entwickelte Tiere fähig sind. Erstaunlicherweise erfand die Natur den REM-Schlaf, also jene Schlafphasen, in denen wir träumen, unabhängig voneinander für die Säugetiere und die Vögel. Es muss also einen wirklich guten Grund dafür geben. Laut einer gängigen Theorie erlaubt der REM-Schlaf, in der Ruhe der Nacht das genetisch programmierte Trieb- und Instinktverhalten für das ereignisreiche Tagesleben zu erproben. Das gilt wohl auch für Wellensittiche. "Die Aktivierung des Vogelhirns im REM-Schlaf legt nahe, dass sie träumen", sagt Niels Rattenborg vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen, "aber wir können nicht sicher sein."

Ich wache nachts auf. Was soll ich dagegen tun?

Nichts, das ist völlig normal. Jeder Mensch wacht zigmal pro Nacht auf , nur meistens zu kurz, um sich am Morgen noch daran zu erinnern. Nehmen Sie deshalb bloß keine Schlaftabletten, sie behindern die nächtlichen Aufräumarbeiten des Gehirns.

Warum sind Jugendliche oft abends kaum ins Bett zu kriegen und morgens kaum aus dem Bett?

Die innere Uhr junger Menschen geht nach . Im Lauf der Adoleszenz verschiebt sich der natürliche Schlaf-wach-Rhythmus immer weiter nach hinten, er erreicht seinen spätesten Stand ungefähr im Alter von 20 und rutscht dann allmählich zurück nach vorne. Warum? Der späteste Stand der inneren Uhr falle genau mit dem Alter der größten körperlichen Leistungsfähigkeit zusammen, sagt der Münchner Chronobiologe Till Roenneberg : "Das waren in der Steinzeit die Nachtjäger". Die vermeintlichen Faulenzer hatten den härtesten Job in der Urhorde.

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