StaubforschungDas Universum der Wollmäuse

Staub sammelt sich überall und zieht faszinierende Dinge an. Er verrät Privates über uns und hilft sogar der Polizei bei Kriminalfällen. von Katharina Hölter

Zeit Wissen: Herr Soentgen, die meisten Menschen finden Staub lästig, vor allem beim Saubermachen in der Wohnung. Sie hingegen erforschen ihn. Was finden Sie daran denn so faszinierend?

Jens Soentgen: Staub ist einfach spannend: Seine Bestandteile sind die letzten Teilchen, die für das menschliche Auge noch sichtbar sind, zumindest bei Sonnenlicht. Im Kunstlicht hingegen nehmen wir Staub viel schlechter wahr. Und dann ist er auf gewisse Weise verrückt geworden: Er fällt nicht, sondern segelt; er flieht einerseits vor uns, andererseits springt er Dinge an und haftet fester an ihnen als mit einem Kleber befestigt. Und nicht zu vergessen: Wir stehen im permanenten Krieg mit dem Staub – da hat selbst der Staubsauger keine Entscheidung gebracht.

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Jens Soentgen

Der Staubforscher Jens Soentgen studierte Chemie und promovierte in Philosophie mit einer Arbeit über den Stoffbegriff. Er ist im Vorstand des Wissenschaftszentrums der Umwelt der Universität Augsburg und Herasugeber des Buches "Staub - Spiegel der Umwelt".

Zeit Wissen: Und wen genau haben wir da als Gegner um uns?

Soentgen: Zu siebzig Prozent besteht Staub aus faserigen Bestandteilen, die hauptsächlich von unserer Kleidung stammen – also sind es vor allem Baumwoll-, Woll- und Kunstfasern. Aber auch Krümel finden sich im Staub: Wir tragen ja Erde und Sandkörner von draußen in die Wohnung hinein. Im Winter müsste Staub aufgrund des Streuguts salzig schmecken.

Zeit Wissen: Das ist aber eklig.

Soentgen: Ich habe es selbst auch noch nicht probiert. (lacht) Ein großer Teil des Staubs stammt übrigens von unserem eigenen Körper: Haare und Hautschuppen. Im Durchschnitt verliert der Mensch zwei Gramm Hautschuppen am Tag. Das variiert allerdings stark. Weil sich Milben von unseren Hautschuppen ernähren, sind auch sie im Staub vorhanden.

Zeit Wissen: Was ist mit Bakterien?

Soentgen: Die gibt es auch, aber nicht in einer so großen Artenvielfalt wie in der Erde. Staub ist für Bakterien eher ein labiles Ökosystem, weil er zu trocken ist.

Zeit Wissen: »Zeig mir deinen Staub, und ich sage dir, wer du bist.« – Ist das möglich?

Soentgen: Absolut. Da ist sehr viel Individuelles erkennbar zum Beispiel ob jemand Haustiere hat. Hunde und Katzen etwa hinterlassen Spuren, auch sie verlieren Haut und Haare. Man kann ablesen, ob der Staub von einem Mann oder einer Frau stammt und welche Kleidung jemand trägt. Genau deshalb gucken sich Kriminalbeamte Staub auch genau an. Sie haben Partikelatlanten, in denen alles erfasst ist, was je im Staub entdeckt wurde.

ZEIT Wissen 3/2011
ZEIT Wissen 3/2011

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

Zeit Wissen: Wieso gibt es bestimmte Stellen, an denen sich besonders viel Staub sammelt – zum Beispiel unter dem Bett?

Soentgen: Im Bett gibt es viele Textilien, die immer wieder geknautscht werden. Fasern lösen sich und sammeln sich als Staubflusen. Wenn wir von der Matratze aufstehen, wirkt sie wie eine Pumpe, die Luft ansaugt. Grundsätzlich ist die Frage aber noch nicht genau erforscht. Die Entstehung von Staub hängt mit Luftströmungen zusammen. An Heizkörpern wird das gut sichtbar. Durch sie entsteht eine Luftwalze im Zimmer: Über der Heizung steigt warme Luft auf, wandert an der Decke entlang, kühlt sich am Fenster ab und fällt dann wieder herunter. Der Kreislauf beginnt von vorn. Die Luft sammelt dabei den Staub ein, doch der sinkt wieder herunter, weil er zu schwer ist...

Zeit Wissen: ...und sammelt sich als Wollmaus unter der Heizung.

Soentgen: Genau. Und dann spielt sich ein zweites Phänomen ab: Die Wollmaus wirkt als großer Magnet, denn nichts zieht Staub so sehr an wie der Staub selbst. Der Grund dafür ist seine elektrostatische Aufladung.

Zeit Wissen: Gibt es Orte, die wirklich staubfrei sind?

Soentgen: In der Pharmaindustrie und bei Chipherstellern arbeiten Forscher in sogenannten Reinräumen. Die Luft wird dort abgesaugt, gefiltert und schließlich wieder reingepumpt. Das ist sehr teuer und kostet viel Energie. Außerdem tragen die Menschen, die den Raum betreten, Ganzkörperanzüge und sogar Gesichts- masken. Sie müssen spezielle Schuhe verwenden, die nicht abschubbern. Aber auch dort ist noch Staub zu finden – ein staubfreier Raum ist unmöglich.

Zeit Wissen: Zum Schluss noch die eigentlich entscheidende Frage: Wie oft ist Staubsaugen wirklich nötig?

Soentgen: Staubsaugen ist keine Pflicht, eigentlich muss man es nicht unbedingt tun. Anders ist es jedoch, wenn jemand allergisch auf Staubbestandteile wie Hausstaubmilben reagiert. Dann kann man bestimmte Hepa-Filter (High-Efficiency-Particulate-Air-Filter) einsetzen, die verhindern, dass der Milbenkot wieder aus dem Staubsauger herausgepustet wird. Noch ein wichtiger Tipp: Passen Sie auf, wenn Sie auf nassem Boden saugen! Dann gelangt Feuchtigkeit in den Staubsaugerbeutel, und es entstehen Schimmelbiotope.

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Leserkommentare
  1. -dann nur in einem Universum ohne Staub. Ich finde Staub ziemlich lästig und er macht viel Arbeit. Es gibt ja nicht nur Hausstaub, sondern der ist überall, wenn die Umgebung nur trocken genug ist. Staub ist fast so nervig wie Elternabende.

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  • Schlagworte Artenvielfalt | Heizung | Pharmaindustrie | Textilie
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