Philosophie Die neoliberale Perfektionismus-Falle

Der wahre Perfektionist denkt pragmatisch – er will nicht der Beste sein, sondern nur gut, schreibt Christian Staas.

Der Perfektionismus hat eine doppelte Geschichte: Die eine beginnt in den therapeutischen Praxen der Gegenwart und in Assessment-Centern, in denen Bewerber mit dem Satz »Ich bin Perfektionist« die ideale Antwort auf die Frage nach ihrer schlechtesten Eigenschaft gefunden haben.

Die andere nahm ihren Anfang vor mehr als 2.000 Jahren, mit den Schriften des Aristoteles. Ihr gegenwärtiger Schauplatz sind philosophische Seminare, in denen es um eine Frage geht, die mit dem Assessment-Center-Perfektionismus unserer Tage nicht viel zu tun hat: um die Frage nach dem Glück des Menschen. Und danach, was es dazu in einer Gesellschaft braucht.

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Der Perfektionismus im Sinne des Aristoteles ist eine »politische Ethik, die das langfristige Gelingen des menschlichen Lebens in den Mittelpunkt stellt«, schreibt der in St. Gallen lehrende Philosoph Christoph Henning. Er kreist also nicht nur um das Wohlergehen des Individuums, sondern befasst sich auch mit den Bedingungen des Zusammenlebens. Die Politik, die diese Bedingungen gestaltet, soll dabei ein bestimmtes Ziel verfolgen: nicht schnellen Lustgewinn oder Spitzenleistungen, sondern »langfristiges« Glück. Im Englischen ist von flourishing die Rede, vom Blühen, vom Gedeihen des Menschen.

ZEIT Wissen 3/2011
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

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Das klingt einleuchtend, wirft aber eine Menge Fragen auf. Zum Beispiel: Was ist »gut«? Wer bestimmt darüber? Und vor allem: Verträgt sich ein Modell, in dem nicht nur der Einzelne, sondern auch der Staat für »das Gute« zuständig ist, mit der Idee des Liberalismus, der Idee von menschlicher Freiheit?

Liberalen Theoretikern zufolge darf der Staat keine »Konzeption des Guten« verfolgen, da er sonst Gefahr laufe, den Einzelnen im Namen eines oktroyierten Guten zu unterdrücken – so wie es in kommunistischen Diktaturen geschehen ist. In der liberalen Tradition steht daher der Schutz des Individuums gegen den Zugriff des Staates an oberster Stelle. »Das Gute« gibt es für Denker des Liberalismus nicht im Singular.

Philosophen wie Christoph Henning überzeugt dies nicht. Erstens entsprächen die real existierenden liberalen Gesellschaften keineswegs dem theoretischen Ideal, sondern seien von schweren sozialen, ökonomischen und politischen Krisen betroffen. Sie bedürften also der Perfektionierung. Zweitens hätten sich auch in freiheitlichen Gesellschaften längst perfektionistische Praktiken etabliert, die kein Liberaler abschaffen wolle – die Schulpflicht zum Beispiel. Drittens gebe es in ihnen mächtige Akteure, die mitunter recht fragwürdige »Konzeptionen des Guten« verfolgten: die Wirtschaft etwa, die den Einzelnen mit Unterstützung des Staates auf lebenslange Flexibilität und Leistungsbereitschaft verpflichte. Mit Blick auf Finanzkrisen oder die wachsenden Unterschiede zwischen Arm und Reich müsse sich der Liberalismus fragen lassen, ob er sich nicht selbst aushöhle.

Henning und andere versuchen deshalb, den Liberalismus perfektionistisch zu denken und den Perfektionismus liberal. Die Frage »Was ist gut?« bringt sie nicht in Verlegenheit, denn sie benötigen keine abstrakten Letztbegründungen. Ein Mensch, der zufrieden und ausgeglichen wirkt, ist für sie bereits ein hinreichender Anhaltspunkt. Nach Aristoteles braucht es dafür eine ausreichende materielle Versorgung, Gesundheit, eine erfüllende Tätigkeit, Freundschaften sowie die Chance, seine Talente zu entfalten – ästhetisch, intellektuell und körperlich. Den Menschen gelte es dabei gleichermaßen in seinem Streben nach Entwicklung zu fördern wie in seinen natürlichen Grenzen zu respektieren. Das Gute als Ziel ermögliche überdies einen Pluralismus in der Wahl der Wege.

Wann aber kam jener leidbringende Perfektionismus in die Welt, der den Einzelnen zur Selbstüberforderung verdammt? – »Mit dem Christentum«, vermutet Henning. Den Denkern der Antike habe das Gute, Perfekte noch als etwas im Diesseits Erreichbares gegolten. Erst das Christentum habe es ins Jenseits entrückt und den Einzelnen zu übermenschlichen Leistungen und Entsagungen angehalten. Nichts anderes tue auch die neoliberale Gesellschaft. Der Zustand, dass etwas einfach nur »gut« ist, scheint vielen längst unerreichbar.

Und genau dort liegt der Punkt, an dem ein aristotelischer Perfektionismus einen Weg aus der neoliberalen Perfektionismus-Falle weisen könnte – indem er das flourishing des Menschen wieder zum Ziel macht, statt nur das Blühen der Märkte im Blick zu haben. Auch könnte ein sozialphilosophischer Perfektionismus dem Streben nach Perfektion ein soziales Gewissen zurückgeben – um zu vermeiden, dass die Selbstvervollkommnung als egozentrisches Projekt betrieben werde, in dem es nur um »die selbstsüchtige Erschließung von Lust- und Erfahrungsquellen« gehe, wie der Philosoph Michael Schefczyk es ausdrückt.

Es mag paradox klingen, aber ein wahrer Perfektionist strebt nicht nach Leistungssteigerung, sondern denkt pragmatisch. Er will nicht der Beste sein, sondern gut. Und er will dies gemeinsam mit anderen erreichen – nicht gegen sie.

 
Leser-Kommentare
    • Xjs
    • 03.06.2011 um 20:05 Uhr

    Der wahre Perfektionist will, dass alle die Besten sind. – Nein, im Ernst, ich konnte diesen Artikel nicht zuende lesen. [...]

    Gekürzt. Bitte äußern Sie Kritik anhand sachlicher Argumente. Danke. Die Redaktion/wg

    Eine Leser-Empfehlung
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    Es überrascht mich nicht, dass Sie nicht in der Lage waren, den Artikel zuende zu lesen.
    Anm: Bitte bemühen Sie sich um eine konstruktive Diskussion des Artikelthemas. Danke. Die Redaktion/km

    Es überrascht mich nicht, dass Sie nicht in der Lage waren, den Artikel zuende zu lesen.
    Anm: Bitte bemühen Sie sich um eine konstruktive Diskussion des Artikelthemas. Danke. Die Redaktion/km

  1. Anti, Dagegen, ein Wiederstreben, ist je nach Betrachtung gut oder schlecht einzuschätzen.
    Die Lebenserfahrung war nicht gut oder schlecht, sie war einfach. Lust ist ein Bestandteil der Westlichen Welt, ein sehr wichtiger, gerade zur freien Zeit am Wochenende.
    Wer Lust hat, sollte dieses Gefühl immer haben.
    Im tausch der Wertschöpfung fehlt dann nur der Ausgleich, die "Perfektion" eines Erlebten zeitabschnittes einfließen zu lassen in eine Liberale Wertegesellschaft.
    Alles zusammen ist auch nicht Perfectionismus, sondern nur das miteinander und ein Schuß Schicksal in Gottes Welt.
    Das das Gute dabei ne Rolle spielt, ist doch ok, und fing bei mir dabei an das ich zu meinen Zahlreichen kumpels immer gesagt habe, also das fällt mir gerade dabei ein, das sie bitte nicht die Bierbüchsen aus dem Auto feuern sollen sondern sich bitte die nächste Mülltonne suchen.
    Ungehorsam waren wir alle, aber dieser Schuß vernunft im ungehorsam ist doch die abwägung nicht zum perfectionismus sondern nur zur Ordnung, und das leben zu respektieren.
    In soweit ist der der Beste der ohne Provokation auskommt und dabei nicht der beste ist nur weil andere dies brauchen um sich wach zu machen für das gute.

  2. Aus dem Artikel: "»Das Gute« gibt es für Denker des Liberalismus nicht im Singular."

    Nicht im Plural.

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    "Aus dem Artikel: "»Das Gute« gibt es für Denker des Liberalismus nicht im Singular." Nicht im Plural"

    Sie haben Unrecht. Die Formulierung im Artikel ist richtig, da es eben kein Gutes an sich gibt, sondern jeder Mensch das Recht hat, sich ein eigenes "Gut" zu definieren. Deshalb gibt es nur die Guts-Vorstellungen der Individuen (Plural), aber kein allgemeinverbindliches Gut im Singular.

    • kasak
    • 04.06.2011 um 7:20 Uhr

    Vielleicht einen kurzen Augenblick nachdenken, bevor man Kritik übt.

    "Aus dem Artikel: "»Das Gute« gibt es für Denker des Liberalismus nicht im Singular." Nicht im Plural"

    Sie haben Unrecht. Die Formulierung im Artikel ist richtig, da es eben kein Gutes an sich gibt, sondern jeder Mensch das Recht hat, sich ein eigenes "Gut" zu definieren. Deshalb gibt es nur die Guts-Vorstellungen der Individuen (Plural), aber kein allgemeinverbindliches Gut im Singular.

    • kasak
    • 04.06.2011 um 7:20 Uhr

    Vielleicht einen kurzen Augenblick nachdenken, bevor man Kritik übt.

  3. Vielleicht wird es dann verständlicher.

  4. Es überrascht mich nicht, dass Sie nicht in der Lage waren, den Artikel zuende zu lesen.
    Anm: Bitte bemühen Sie sich um eine konstruktive Diskussion des Artikelthemas. Danke. Die Redaktion/km

    Antwort auf "Falsch."
  5. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich der Artikel das Schwurbeligste ist, was ich in den letzten Jahren gelesen habe...  Was hat Aristoteteles mit Perfektiomismus oder Perfektionismus mit Neoliberalismus oder Aristoteles, Perfektionismus und Liberalismus mit dem "Guten", ob im Singular oder Plural zu tun...und warum ist das Christentum (ein liebender und vergebender Gott, der seinen Sohn opfert) schuld am "Perfektionismus"....

    Was will uns der Autor damit sagen?

    *grübel*

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    prinzipiell ist es wirklich sehr interessant, wie hier das neoliberale Perfekte und das aristotelische Gute einander gegenübergestellt werden. Anzumerken ist, dass hier eine gewisse Umkehrung unseres alltäglichen Verständnisses stattfindet. Aristoteles "Gute" hatte primär etwas mit der Selbstentfaltung des einzelnen Menschen zu tun, mit der Ausschöpfung seiner Möglichkeiten des Menschseins (dank einer gewissen Kongruenztheorie bedeutete das auch automatisch eine gute Gesellschaft). Ein sehr individueller Ansatz, das "Gute" zu denken, und ziemlich konträr zu den aktuellen Vorstellungen von Ethik und Moral, welche der menschlichen Natur einschränkend gegenüber stehen (und scheinbar nur auf etatistischen Wegen durchgesetzt werden können).
    Eine solche individuumsbezogene Sicht des Menschen findet sich im neoliberalen bzw. calvinistisch-wettbewerbsbezogenen Modell interessanterweise nicht. Perfektion des Einzelnen in Abgrenzungen von anderen wird hier gefordert: Der ständige Vergleich. Das neoliberale Modell wie auch seine liberalen Wurzeln bieten letztendlich keine Ansätze für die individuelle Arbeit an sich selbst, unabhängig vom ständigen Vergleich mit anderen.

    Letztendlich stellt sich hierdurch die Frage, ob das Gute für das Individuum notwendigerweise konträr zum Guten der Gesellschaft steht.

    • Varech
    • 03.06.2011 um 22:30 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und diskutieren Sie das Artikelthema. Danke. Die Redaktion/km

    prinzipiell ist es wirklich sehr interessant, wie hier das neoliberale Perfekte und das aristotelische Gute einander gegenübergestellt werden. Anzumerken ist, dass hier eine gewisse Umkehrung unseres alltäglichen Verständnisses stattfindet. Aristoteles "Gute" hatte primär etwas mit der Selbstentfaltung des einzelnen Menschen zu tun, mit der Ausschöpfung seiner Möglichkeiten des Menschseins (dank einer gewissen Kongruenztheorie bedeutete das auch automatisch eine gute Gesellschaft). Ein sehr individueller Ansatz, das "Gute" zu denken, und ziemlich konträr zu den aktuellen Vorstellungen von Ethik und Moral, welche der menschlichen Natur einschränkend gegenüber stehen (und scheinbar nur auf etatistischen Wegen durchgesetzt werden können).
    Eine solche individuumsbezogene Sicht des Menschen findet sich im neoliberalen bzw. calvinistisch-wettbewerbsbezogenen Modell interessanterweise nicht. Perfektion des Einzelnen in Abgrenzungen von anderen wird hier gefordert: Der ständige Vergleich. Das neoliberale Modell wie auch seine liberalen Wurzeln bieten letztendlich keine Ansätze für die individuelle Arbeit an sich selbst, unabhängig vom ständigen Vergleich mit anderen.

    Letztendlich stellt sich hierdurch die Frage, ob das Gute für das Individuum notwendigerweise konträr zum Guten der Gesellschaft steht.

    • Varech
    • 03.06.2011 um 22:30 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und diskutieren Sie das Artikelthema. Danke. Die Redaktion/km

  6. Meine Gebete wurden erhört.
    Besonders gefallen hat mit "das flourishing des Menschen".
    Auch bezeichnet als Humanikebana.

    Eine Leser-Empfehlung
  7. 8. na ja

    die schlussfolgerung unterschreibe ich.
    aber der weg dorthin im artikel war eine wortakkrobatik, die ich nur wählen würde, wenn ich nicht verstanden werden will.

    man sollte das ganze noch mal übersetzen ...

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