Wie fühlt es sich an, neben Massenmördern zu sitzen? Niels Birbaumer lacht. Gerade sitzt er sicher und entspannt auf dem Ledersofa im Büro seines Instituts am beschaulichen Neckarufer. Ein leichtes Grauen habe er am Anfang zwischen diesen Männern empfunden, sagt er, aber auch einen gewissen Thrill, »ein bisschen Abenteuer«.

Für dieses Abenteuer begibt sich Niels Birbaumer hin und wieder ins Gefängnis. Er ist Neurowissenschaftler an der Universität Tübingen , und sein Forschungsinteresse gilt Mördern und Vergewaltigern – Psychopathen, die das Leid ihrer Opfer völlig kaltlässt. »Grässliche Figuren«, sagt Birbaumer. Er will an ihnen eine große Frage studieren: Wie kann man böse Menschen ändern?

Birbaumers Glaube an die Lernfähigkeit des Menschen scheint grenzenlos. Die Formbarkeit des Gehirns und die Frage, inwieweit man lernen kann, sogar unbewusste Hirnvorgänge selbst zu kontrollieren, beschäftigen den 65-Jährigen fast sein ganzes Forscherleben. Und immer hat er sich extreme Herausforderungen gesucht, um diese Lernfähigkeit zu beweisen. Er war weltweit der Erste, der völlig Gelähmten, sogenannten Locked-in-Patienten, die sich ihrer Umwelt nicht mehr mitteilen konnten, beibrachte, mit der Kraft ihrer Gedanken auf einem Computer Worte zu schreiben. Er trainierte Schlaganfallopfer, zunächst eine Prothese und später wieder ihre Hand zu steuern. Er lehrte Epilepsie-Patienten, denen kein Medikament Linderung brachte, die Anfälle mithilfe ihrer Hirnströme zu kontrollieren.

Etliche Urkunden hängen an den Wänden seines Büros, sie würdigen seine Leistungen auf zahlreichen Gebieten, von der Emotionsforschung bis zur Neuroprothetik. Birbaumer ist ein umtriebiger Wissenschaftler. Wegbegleiter beschreiben ihn als schnellen Denker und genialen Kopf, als Freigeist, der immer in Bewegung sei und ständig neue Ideen habe. Er ist impulsiv und kreativ, zugleich aber ausdauernd und hartnäckig genug, um mit den schwierigsten, den mühsamsten Fällen zu arbeiten, mit Menschen am Rande der Gesellschaft, die viele andere seines Faches meiden. Jetzt also mit kriminellen Psychopathen.

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Um herauszufinden, was in den Köpfen solcher Menschen vorgeht, legten Birbaumer und seine Kollegen psychopathische Sexualverbrecher in einen Kernspintomografen und verglichen die Hirnscans mit denen gesunder Probanden. Anhand der Aufnahmen konnten sie zeigen, dass bei Psychopathen bestimmte Hirnregionen eingeschränkt oder gar nicht aktiv sind, die für die Entwicklung negativer Emotionen wichtig sind. Wissenschaftler betrachten sie als Angstschaltkreise. Dazu zählt die Inselregion, die mit einem unguten Bauchgefühl, etwa der Erwartung von Furcht oder Schmerz, in Verbindung gebracht wird. Außerdem die Amygdala und der Orbitofrontalcortex, eine Region im vorderen Teil des Gehirns, die Studien zufolge zum Beispiel für die Erwartung einer Strafe eine Rolle spielt.

Psychopathen, so die Folgerung, sind daher nicht in der Lage, emotional die Konsequenzen ihres Handelns für sich und andere abzuschätzen. Sie fürchten nicht die Folgen ihrer Taten. Zwar können sie rein kognitiv sehr wohl verstehen, was sie ihren Opfern antun, und auch das Risiko, ins Gefängnis kommen zu können, ist ihnen bewusst. Nur löst der Gedanke daran bei ihnen keine unangenehmen Gefühle, keine Warnsignale aus.

Ob ein Mensch als Psychopath geboren wird oder erst das Leben ihn dazu macht, ist Birbaumer ebenso egal wie die Frage, ob so jemand für seine grausamen Taten verantwortlich ist. Mit theoretischen Diskursen hält er sich nicht auf, außer, sagt er, »ich muss mit Philosophen diskutieren«. Birbaumer geht es um praktische Relevanz. Ihn interessiert, ob man diese Menschen ändern kann, damit sie nicht mehr gefährlich sind. »Die Erfolge der simplen psychotherapeutischen Rehabilitationsmaßnahmen mit diesen Verbrechern sind nicht schlecht«, sagt er und verweist auf die sinkenden Rückfallquoten. »Von daher müssen die Hirnareale dieser Leute aktivierbar sein.«

Dass Menschen sich ändern können, weiß Birbaumer aus eigener Erfahrung. Als Jugendlicher war er selbst kriminell. Damals zog er mit einer Bande umher, knackte Autos auf und stahl Radios. Obwohl er eher klein und schmächtig war, schaffte er es zum Anführer seiner Bande. Einmal kam er sogar in den Jugendarrest, weil er einem Mitschüler ein Messer in den Fuß gestochen hatte, nachdem dieser ihm das Pausenbrot mit Fleisch in Aspik weggegessen hatte.