Bloß nicht sagen: »Wie kann man nur so blöd sein, die Kamera zu vergessen!« Lieber eine Ich-Botschaft senden: »Schatz, ich ärgere mich, weil ich im Urlaub gerne Fotos mache und das jetzt nicht möglich ist.« Klingt ungewohnt. Noch einmal üben, den fremden Satz. Dann laut sagen, aber nicht zu laut! Lass den Tiger im Käfig.

Wer Konfliktratgeber liest, lernt meist Regeln für sanftes Streiten: immer sachlich bleiben und ohne direkte Kritik seinen Standpunkt vertreten. Psychologen der neuen Schule halten davon nicht viel. Sie betrachten Streit als normalen und wichtigen Teil des Alltags. Schließlich müssen Kollegen oder Nachbarn Konflikte austragen, in Beziehungen muss ein Partner dem anderen zeigen, wenn er gekränkt ist – und das geht eben nicht immer ruhig und sachlich. Trotzdem: Gutes Streiten kann man lernen, und zwar ohne sich so zu verbiegen, wie die Ratgeber der alten Schule es verlangen.

Ganz ohne Verbote und Tabus geht es beim Streitenlernen allerdings nicht. Der Psychologe Philipp Yorck Herzberg von der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg unterscheidet vier Konfliktlösungsstile von Paaren – drei davon sind so schädlich für die Beziehung, dass man sie sich abgewöhnen sollte: sehr kämpferisch zu streiten, sich schnell zurückzuziehen und zu nachgiebig zu sein.

Aussicht auf Erfolg haben Herzberg zufolge vor allem Paare, die sich um Kompromisse bemühen. Der Psychologe und seine Mitarbeiter haben das an echten Konfliktfällen erforscht. In ihren Studien lassen die Wissenschaftler Paare Aufgaben lösen, zum Beispiel einen gemeinsamen Urlaub planen. Paare mit positivem Stil streiten sich zwar auch darüber, ob sie Wellness oder Wandern wollen, einigen sich aber bald: dieses Jahr Bäder und Massagen, nächstes Jahr Rucksack und Zelt. Außerdem zeigen sie einander, dass sie die Meinung des anderen wahrnehmen, auch wenn sie diese nicht teilen. »Es wirkt oft Wunder, wenn man explizit ausspricht: Ich sehe, dass du da anders denkst«, sagt Herzberg.

Paare dagegen, die auf eine der drei schädlichen Arten streiten, sind mit ihrer Beziehung meist weniger zufrieden, hat der Psychologe mithilfe von Fragebögen und Persönlichkeitstests herausgefunden.

Beim kämpferischen Stil wird einer von beiden zynisch, beleidigt den anderen oder versucht, ihn zu dominieren. Ihm geht es oft nicht um die Sache, sondern um den persönlichen Angriff. Eine kämpferische Ehefrau wird womöglich nur genervt die Augen verdrehen, wenn ihr Partner einen Kompromiss vorschlägt. Und wenn einem Mann, der so streitet, keine Argumente einfallen, sagt er gerne mal: »Du bist wie deine Mutter.«

Defensiver, aber ebenfalls schädlich ist ein Rückzug. Wer ihn im Streit antritt, ist meist schon bei kleinen Anlässen beleidigt. »Auf den Partner wirkt das oft so, als interessiere sich der andere gar nicht für den Konflikt«, sagt Herzberg.

Allenfalls kurzfristig hilft Nachgiebigkeit: Wer seine eigenen Bedürfnisse leugnet, um es dem anderen recht zu machen, erreicht vorübergehenden Frieden, aber keine Lösung des Konflikts. »Wenn jemand immer Zugeständnisse macht, staut sich Groll an, und der Partner erscheint nach einer Weile übermächtig«, sagt Herzberg. Nachgiebige Streiter erwarteten oft Dankbarkeit, weil sie ihre Position für den anderen aufgeben. »Häufig fragt sich der Partner in der Situation aber, was der andere eigentlich will.«

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Menschen, die im Streit schnell beleidigt oder zu nachgiebig sind, haben häufig größere psychische Probleme, ergaben die Untersuchungen. »Rückzug ist eine Form von Selbstschutz und meist Ausdruck eines geringen Selbstwertgefühls«, sagt Herzberg. Und wer zu schnell von seinen Standpunkten abrückt, fühlt sich oft unsicher in der Beziehung und klammert aus Angst, den Partner zu verlieren. Die Ursache kann in der Beziehung zu den Eltern liegen – die beleidigten und die nachgiebigen Streiter haben schon hier oft schlechte Erfahrungen gemacht. Wenn beispielsweise ein Vater die Familie verlässt, kann das bei Kindern Bindungsangst auslösen.

Was die Sache noch schwieriger macht: Während der kämpferische Streitstil schlecht für die Beziehung ist, schadet es der Gesundheit, Wut zu unterdrücken und anderen gegenüber freundlich zu tun. Psychologen der Universität Frankfurt am Main ließen Studenten in einem Rollenspiel Kundencenter-Mitarbeiter darstellen. Die Probanden, die auch unverschämten Kunden gegenüber auf Wunsch der Psychologen immer freundlich blieben, hatten einen höheren Blutdruck als diejenigen, die zurückpöbeln durften. Langfristig kann es schädlich sein, bei der Arbeit gute Laune oder Mitgefühl vorzutäuschen – dadurch steigt die Gefahr, an Burn-out zu erkranken .