Stinkende Nebel wabern übers Land. Rohre, Schornsteine, Tankanlagen, so weit das Auge reicht. In einem Riesenbecken gärt Faulschlamm aus der Flussbaggerei. Auf der Sandinsel Maasvlakte vor Rotterdam, einem Gebiet von der Größe Manhattans, konzentrieren die Niederländer alles, was stinkt und lärmt und hässlich oder gefährlich ist. Maasvlakte ist ein Unort, doch in diesem April wird die Insel für einen Augenblick eine andere Bedeutung haben: Hier wird einer der Stützfäden des künftigen europaweiten Höchstspannungsnetzes angeheftet. Die stinkende Insel wird zum Innovationsstandort.

Es geht um das Supergrid . Das Netz der Netze aus besonders verlustarmen Höchstspannungsleitungen ist eine wesentliche Voraussetzung für die europäische Energiewende. Und seit den Reaktorunfällen in Japan steht das Supergrid auch für die Hoffnung, den Atomausstieg zu beschleunigen.

Der Ausbau der Ökoenergie soll bis Mitte des Jahrhunderts zu einer Senkung der CO₂-Emissionen um 80 bis 95 Prozent führen. Geht es nach der EU-Kommission, wird der gesamte Stromverbrauch vom Jahr 2050 an aus regenerativen Quellen gedeckt. Das Problem: Traditionell stehen Kraftwerke in der Nähe von Industrieanlagen. Ökostrom dagegen wird am billigsten meist weit abseits der industriellen Zentren erzeugt, etwa in Windparks in der Nordsee oder in norwegischen Wasserkraftwerken. Das aber bedeutet, dass die Elektrizität auf die Reise gehen muss.

Das Supergrid ist die Vision eines Netzes von Höchstspannungs-Stromautobahnen quer durch Europa. Bis 2020 müssten dafür allein in Deutschland bis zu 3.600 Kilometer neue Leitungen gebaut werden. Ein gigantisches Projekt, von dem längst nicht alle EU-Bürger begeistert sind.

Maasvlakte ist ein kleiner Mosaikstein der großen Idee vom Supergrid – und vielleicht ein wichtiger Meilenstein auf dem langen Weg dorthin: Im April wird in der Konverterstation Maasvlakte, einem schmucklosen Betonbau zu Füßen eines Kohlekraftwerks, ein 260 Kilometer langes Unterwasserkabel aus England in die niederländische Steckdose gesteckt. BritNed heißt das Kabel, ein Kunstwort aus Britain und Nederland.

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Probelauf einen Monat vor dem großen Tag: Schnell wird klar, dass jede Vorstellung vom An- und Ausschalten oder Einstöpseln eines besonders langen Verlängerungskabels angesichts der hohen Spannungen und der Energiemassen, die künftig über Maasvlakte transportiert werden, naiv ist.

Das Kabel zwischen Maasvlakte und der Isle of Grain in Südostengland ist für die Übertragung von 1000 Megawatt ausgelegt, das entspricht ungefähr der elektrischen Leistung eines Kernkraftwerks. Und die knipst man nicht mal eben mit einem Schalter an oder aus. Denn 450.000 Volt Übertragungsspannung im Kabel sind keine Kleinigkeit, sondern Höchstspannung.

Ein Mensch würde unter ungünstigen Bedingungen in vier Meter Entfernung vom blanken Leiterseil einer 450-Kilovolt-Leitung kurzerhand verschmoren. Also ist die Steckdose in Wahrheit ein über 200.000 Quadratmeter großes, umzäuntes Areal mit riesigen Schaltern, Spulen, Transformatoren unter freiem Himmel und mehreren Hallen, die bis auf ein paar monströse elektrische Bauelemente leer sind. Die Hallen dürfen in diesen Tagen letztmals betreten werden – im laufenden Betrieb sind sie wegen Gefahr für Leib und Leben unzugänglich.

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Im Innern der Halle tritt das Kabel aus England nach 260 Kilometern durch den Ärmelkanal recht unspektakulär zutage. Genauer genommen sind es zwei Kabel, eins für Minus, eins für Plus. Mit einem Durchmesser von gut zwölf Zentimetern wirken sie enttäuschend unauffällig. Immerhin sind sie schwer: Der laufende Meter wiegt einen Zentner. Da gibt es den dicken Kupferkern, zur Isolation umwickelt mit Ölpapier, dann folgt ein Bleimantel. Eine stählerne Armierungsschicht soll dafür sorgen, dass das Kabel beim Verlegen nicht reißt. Gegen Schiffsanker hilft das alles nichts, darum hat man das Kabel über fünf Meter tief in den Nordseeschlick eingebuddelt.

Wer Energie in Kabeln durch die Welt schicken will, lernt schnell einen ausgesprochen lästigen physikalischen Effekt kennen: Der Wechselstrom aus Kraftwerken oder Windrädern baut 50-mal in der Sekunde ein elektromagnetisches Feld auf und wieder ab, jeweils mit umgekehrter Polung. Das kostet Leistung – Ingenieure sprechen von »Blindleistung«. Sie macht auf Strecken von mehr als 80 Kilometern den Energietransport per Kabel ökonomisch sinnlos; nach 200 Kilometern ist der Strom, den man hineingeschickt hat, so gut wie verschwunden. Die übertragene Leistung ist dann null – dafür wurde die Nordsee ein wenig aufgeheizt.

Norwegen als Batterie Europas

Die Lösung: Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung, kurz HGÜ. Turmhohe Apparate hängen dafür in speziellen Konverterhallen von der Decke. Sie wandeln am Kabelanfang, dort, wo die Energie losgeschickt wird, den sinusförmigen Wechselstrom in Gleichstrom um. Die Konverterstation am anderen Ende macht daraus wieder Wechselstrom. Dabei spielt es technisch keine Rolle, ob der Strom vom Kontinent nach England oder umgekehrt fließt. Die Fließrichtung kann in der Steuerungssoftware per Mausklick umgekehrt werden: Lediglich die Polarität wird geändert, schon fließt die Energie in die andere Richtung.

Ein Trüppchen von Zuschauern hat sich im Kontrollraum der Konverterstation versammelt. Auf ihren Helmen steht BritNed, Tennet oder Siemens. Sie alle setzen große Hoffnungen in die HGÜ-Technik. Siemens hat die Anlagen unter anderem nach China geliefert, um den Strom der großen Wasserkraftwerke im Westen in Tausende Kilometer entfernte Megacitys zu transportieren. Einige der HGÜ-Leitungen funktionieren mit einer Spannung von 800 Kilovolt und können die Leistung von sechs Kernkraftwerken übertragen. Für 2014 ist sogar eine 1.100-Kilovolt-Leitung geplant.

Das sind abenteuerliche Dimensionen, besonders wenn man bedenkt, dass sich eine solche Leitung im Notfall nicht so einfach abschalten lässt. Denn für HGÜ gibt es noch keine Ausschalter. Wechselspannung kann man in Sekundenbruchteilen vom Netz trennen, wenn die sinusförmige Spannung beim Wechsel von Plus nach Minus den Wert null Volt annimmt. Mit mannshohen Schaltern lässt sich dann auch eine Höchstspannungsleitung unterbrechen. Notausschalter für extrem hohe Gleichspannungen sind dagegen erst in der Entwicklung, sie werden so groß sein wie ein Einfamilienhaus. Wer heute das BritNed-Kabel schnell mal abschalten wollte, wäre auf TNT angewiesen. Auf Sprengstoff.

Aber ans Abschalten denkt jetzt niemand. Um Punkt 14 Uhr startet der Belastungstest des BritNed-Kabels. Ein großer Moment für die Leute mit den Tennet-Helmen. Tennet ist der niederländische Netzbetreiber, der 2010 das deutsche Höchstspannungsnetz des E.on-Konzerns übernahm, einen Streifen von der deutsch-dänischen Grenze bis zu den Alpen.

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Das Kabel ist in Betrieb; 250 Megawatt werden nach England geschickt. In den Hallen brummt es leise; draußen melden sich sanft die Kühlgebläse der Transformatoren. Alles sehr unspektakulär. Doch für Netzbetreiber und Stromproduzenten ist dieser Tag ein großes Ereignis. Wenn im April alle Trafos in Maasvlakte brummen, wird man britischen Windstrom bei Bedarf auf den Kontinent leiten können. Morgens zum Beispiel, wenn das Vereinigte Königreich noch schläft, aber Kontinentaleuropa sich schon einen Kaffee kocht und die Fabriken hochfährt. Oder umgekehrt, wenn in England mal Flaute herrscht, während über Norddeutschland eine Sturmfront fegt.

Und wenn beide Seiten Windstrom im Überfluss produzieren? Dann brauchte man einen Energiespeicher, den man bei Wind auffüllen und bei Flaute wieder anzapfen könnte. Eine europäische Superbatterie. Die Stromnetz-Ingenieure haben auch schon eine Idee: Norwegen!

Norwegen erzeugt Strom nahezu ausschließlich aus Wasserkraft . Und weil norwegische Wasserkraftwerke meist als Pumpspeicher-Kraftwerke ausgelegt sind, bietet das Land eine der raren Möglichkeiten, elektrische Energie indirekt zu speichern : Bei zu viel Strom im Netz pumpt man damit Wasser in ein höher gelegenes Becken. Steigt der Verbrauch wieder an, kann man das Wasser ins Tal laufen und dabei eine Turbine antreiben lassen. Norwegen als Batterie Europas ist ein wichtiger Teil der Supergrid-Vision – man muss die Batterie nur noch anschließen.

Tennet betreibt bereits die Hochspannungsleitung NorNed zwischen dem niederländischen Eemshaven und dem norwegischen Feda. Mit 580 Kilometern ist sie das längste Unterwasser-HGÜ-Kabel der Welt. Es verbindet die niederländischen, belgischen, französischen und deutschen Stromverbraucher mit Norwegens Pumpspeicher-Kraftwerken. Für den geplanten Zuwachs des Ökostroms reicht die Kapazität jedoch nicht aus. Als Nächstes sollen Schottland, Irland und Wales mit Skandinavien verbunden werden. Tennet plant außerdem zwei neue Kabel von den Niederlanden nach Norwegen, und im Jahr 2014 soll auch Deutschland direkt mit Norwegen verbunden werden, über ein 570 Kilometer langes Unterwasserkabel von Butjadingen an der deutschen Nordseeküste nach Flekkefjord. Doch politischer Streit um das Genehmigungsverfahren droht das Projekt zu verzögern.

Warum die Verbindungen eher heute als morgen gebraucht werden, weiß man 700 Kilometer östlich von Maasvlakte vielleicht am besten. In Berlin-Friedrichshain residiert der Netzbetreiber »50 Hertz«, der Anfang 2010 das ostdeutsche Netz einschließlich Hamburg vom schwedischen Energieversorger Vattenfall übernahm. Die Leitstelle ist ein Gebäude mit vielen Computern und einem Kontrollraum mit einer gewaltigen Netzüberwachungswand. Vier Mitarbeiter haben hier alle wichtigen Hochspannungsleitungen im Blick – und zwei entscheidende Kennziffern: Die erste zeigt die Netzfrequenz an, die unter allen Umständen nahezu exakt 50 Hertz betragen muss. Wird dem Netz zu viel Leistung abverlangt, geht die Frequenz in die Knie. Wird zu viel eingespeist, steigt sie an. Hier reagiert der europäische Stromverbund in gewissen Grenzen automatisch auf Abweichungen. Bei Energiemangel in Mecklenburg-Vorpommern werden französische Kernkraftwerke etwas hochgefahren, bis die Frequenz wieder stimmt.

Die zweite, fast täglich wichtiger werdende Kennziffer beschreibt die Menge der eingespeisten Windenergie . Heute sind es rund 220 Megawatt – »ein laues Lüftchen«, kommentiert der vor der Wand sitzende Netzüberwacher. In Berlin herrscht an diesem Tag Windstille. Doch wehe, es weht! In Ostdeutschland ist fast ein Drittel der deutschen Windenergie-Kapazität installiert, an manchen Tagen liefert der Wind schon 50 bis 80 Prozent der im Netz verbrauchten Elektrizität.

Auch politisch ist das europäische Supergrid umstritten

Großartig, möchte man meinen. Doch inzwischen hat »50 Hertz« an fast jedem zweiten Tag Ärger mit dem Wind. Weil er plötzlich weht, aber kein Großbetrieb zu finden ist, der ebenso plötzlich seinen Verbrauch steigern könnte. An 170 Tagen mussten im vergangenen Jahr konventionelle Kraftwerke gedrosselt werden, weil zu viel Wind-Strom produziert wurde, den man mangels Leitungen nicht ins Ruhrgebiet oder in andere Industriezentren schicken konnte. An besonders stürmischen Tagen wurden sogar die Windräder selbst aus dem Wind gedreht. Schade um den Ökostrom. Und das ist erst der Anfang! Noch in diesem Jahr geht ein Ostsee-Windpark ans Netz; 13 weitere Windfarmen in der Ostsee sollen folgen und so viel Strom erzeugen wie drei Kernkraftwerke.

An stürmischen Tagen kommt es inzwischen zu paradoxen Situationen an den Strombörsen: Wer dann Strom kauft, muss ihn nicht bezahlen. Er kassiert Geld dafür! Der »negative Strompreis« kennzeichnet die missliche Lage der Netzbetreiber, die unter dem eigentlich erfreulichen Boom der Windkraftanlagen ächzen. Hier hakt die Idee des Supergrids ein – mit seiner Hilfe könnte man die Leistungsspitzen (und ebenso plötzliche Einbrüche) der erneuerbaren Energieträger viel besser abpuffern als bisher. Entweder indem man sie im europäischen Gesamtnetz verteilt. Oder indem man auf die norwegische Batterie zurückgreift und bei Sturm kurzerhand einen Stausee füllt.

Ob das Supergrid jemals gebaut wird, ist natürlich auch eine finanzielle Frage. Die Deutsche Energie-Agentur, von der Bundesregierung zur Förderung der Erneuerbaren gegründet, hat kalkuliert, dass allein in Deutschland 3600 Kilometer Höchstspannungsleitungen fehlen, für deren Bau knapp zehn Milliarden Euro benötigt werden. Doch selbst wenn das Geld zusammenkommt – fast ebenso teuer, mosern die Netzbetreiber, auf jeden Fall aber ähnlich langwierig wie die Installation einer neuen Stromleitung ist das Genehmigungsverfahren. Dazu gehören die Kommunikation mit einer widerspenstigen Bevölkerung , Überzeugungsarbeit bei Behörden, Moderationsverfahren sowie Prozesskosten und unerwartete Kostensteigerungen aufgrund des langen Vorlaufes.

Auch politisch ist das europäische Supergrid keineswegs unumstritten. Den Energieerzeugern mit ihren Kohle-, Atom- oder Gaskraftwerken erwächst durch Ökostrom aus europäischen Fernleitungen Konkurrenz. Greenpeace und der BUND loben die Idee, ebenso wie der Bundesverband Windenergie. Von den Freunden dezentraler Energieversorgung wiederum hagelt es Kritik, wie sie etwa der im Oktober verstorbene Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer formulierte. Dieser hoffte auf Solarzellen, Windräder und kleine Biomassekraftwerke als Bestandteile eines dezentral organisierten grünen Stromnetzes. Die Haltung der EU-Staaten schließlich hängt oft vom eigenen Strommix ab. Während das Vereinigte Königreich jede Menge Windenergieparks vor seinen Küsten plant und darum das Supergrid unterstützt, scheint Italien derzeit das Interesse daran zu verlieren. EU-Kommissar Günther Oettinger dagegen propagiert bei jeder Gelegenheit einen forcierten Netzausbau.

An den Menschen vorbei geht das nicht. Wird in Deutschland die Planung einer neuen Hochspannungstrasse ruchbar, erheben sich umgehend die Wutbürger. Sie lehnen meist den recht massiven Eingriff in ihre heimische Landschaft ab und sorgen sich wegen der elektromagnetischen Felder in der Nähe einer solchen Trasse um ihre Gesundheit. Wie die Bürgerinitiative »Vorsicht Hochspannung« aus Colnrade bei Bremen schüren sie – in Analogie zum Konflikt um den Stuttgarter Hauptbahnhof – die Angst vor einem »energiewirtschaftlichen Stuttgart 21«.

In den Niederlanden wird bei einem aktuellen Bauprojekt gerade der Weg des Ausgleichs gesucht. 80 Kilometer einer neuen 380-Kilovolt-Trasse sind in der extrem dicht bevölkerten Randstad, zu der Amsterdam, Rotterdam und Den Haag gehören, geplant. Netzbetreiber Tennet hat seinen Plan hübsch gemacht: Ein Viertel der Trasse wird im Erdboden verbuddelt. Das später im laufenden Betrieb entstehende elektromagnetische Feld wird deutlich eingeengt. Und als Kompensation für die visuelle Kränkung der Bürger wird es ein Trostpflaster geben: Neue, elegante Designer-Strommasten sollen demnächst in den blauen Himmel Hollands ragen. Das Grid – so könnte es wirklich super werden.