Eine Erfindung des Gehirns

»Die Realität ist nur eine Interpretation des Gehirns. Nehmen wir als Beispiel die Farbe Rot. Eigentlich sind es die Hirnzellen, die ein Wirrwarr von Lichtstrahlen so ordnen, dass wir uns orientieren können. Rot ist eine Erfindung des Hirns, das Wellenlängen als Farbe deutet. Diese Funktion ist im Lauf der Evolution entstanden, weil sie schon vor Jahrtausenden nützlich war, etwa damit Menschen im Dschungel Früchte erkennen konnten. Optische Täuschungen beweisen, wie sehr das Gehirn mogelt: In dem Versuch, Ordnung zu schaffen, sehen wir Dinge, die so gar nicht da sind. Der Blick durch ein Mikroskop überzeugt, dass die Welt völlig anders ist, als bloße Augen sie sehen. Wie sehr Realität eine Frage subjektiver Interpretationen ist, zeigen auch Träume und Halluzinationen, die man oft als echt erlebt.«

Erich Kasten, Psychotherapeut und Professor für Psychologie am Uniklinikum Lübeck

Alles auch in anderen Universen

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

»Realität ist das, was außerhalb des Denkens der Menschen existiert. Die erfolgreichste Methode, etwas darüber zu erfahren, ist die der modernen Naturwissenschaften. Dabei werden alle Annahmen über die Welt fortlaufend überprüft. Wir können dadurch heute unser Universum von kleinsten Strukturen bis zu den Grenzen des Kosmos im Wesentlichen beschreiben. Immer mehr Kosmologen sind nun der Ansicht, dass es nicht nur unser eigenes Universum, sondern ein sogenanntes Multiversum gibt, das aus unendlich vielen Universen besteht. Wenn es diese gibt, kommt alles, was in unserem Universum existiert, in identischer oder ähnlicher Form beliebig oft auch in anderen Universen vor. Diese Theorie der ewigen Bildung von immer neuen Universen aus einem sogenannten Quantenschaum ist durchaus plausibel.«

Heinz Oberhummer, emeritierter Professor für Astrophysik und Kosmologie

Neue Technik, neue Realität

»Eine Parallelwelt vermuten wir immer dann, wenn wir keinen oder nur erschwerten Zugang zu einer technisierten Erfahrung haben. Jugendliche im Jahr 1982, die ihre Walkman-Kopfhörer aufhatten, hatten sich »abgeschottet«, sie waren in einer anderen Realität. Inzwischen haben sich die meisten an diesen Anblick gewöhnt und selbst Erfahrung mit mobilem Musikhören. Heute haben sich Jugendliche »aus der Realität ausgeklinkt«, die vor einem Online-Rollenspiel sitzen. In 30 Jahren wird auch das als Alltagsverhalten gelten. Wir unterscheiden immer dann zwischen Realität und Parallelwelt, wenn uns etwas an der Technik stört, wir sie also wahrnehmen. Medienwissenschaftlich betrachtet, lässt sich also sagen: Realität ist, was wir mit Mitteln wahrnehmen können, die uns selbstverständlich geworden sind.«

Mathias Mertens, Autor des Buchs »Ladezeit. Andere Geschichten vom Computerspielen«