Andere Weisheiten sind zweifelhaft: Immer wieder werden einzelnen Lebensmitteln besonders schützende Wirkungen gegen Krebs oder andere Leiden zugesprochen, etwa Tomaten oder Brokkoli. »Aber das hat sich nicht durchgängig in allen Studien gezeigt«, sagt Boeing. »Man muss sich von der Idee verabschieden, dass es ein Lebensmittel gibt, das vor einer bestimmten Krankheit schützt.« Er rät deshalb, sich aus der ganzen Palette an Obst und Gemüse zu bedienen.

Bei den Fetten hingegen gibt es große Unterschiede. So gilt etwa das einfach ungesättigte Olivenöl als Grund dafür, dass die mediterrane Ernährung so gesund ist. »Es macht die Zellmembranen geschmeidiger als gesättigte Fettsäuren und verbessert so die Stoffwechselvorgänge«, sagt der Jenaer Ernährungsphysiologe Gerhard Jahreis . Zudem sei es für die Arterien gesünder als mehrfach ungesättigte Fettsäuren, denn die oxidierten stärker, und dies könne zu Ablagerungen an der Arterienwand führen – einer häufigen Ursache von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Bis vor nicht allzu langer Zeit galten Antioxidantien noch als Wunderwaffe gegen das Altern, genauer gesagt, gegen »oxidativen Stress« – eine Folge des natürlichen Stoffwechsels, die man für schädlich hält. Antioxidantien wie Vitamin C, so die Annahme, könnten freie Sauerstoffradikale binden und so die Zellen schützen. Dafür spricht, dass Menschen mit einem hohen Blutspiegel an Vitamin C und E oder auch Selen langsamer altern und geistig fitter sind. Inzwischen ist Ernüchterung eingekehrt, denn keine Studie konnte zeigen, dass Antioxidantien in Pillenform das Leben verlängern. Wissenschaftler raten nun sogar von der Einnahme ab. Die Vitamine scheinen nur dann zu wirken, wenn wir sie in ihrer natürlichen Umgebung verzehren, also als Apfel oder Möhre.

Eine ebenso wichtige Rolle wie der Ernährung schreiben Forscher der Bewegung zu. Körperliche Aktivität wirkt, »auch wenn man erst spät damit anfängt«, sagt Wilfried Briest, Forschungskoordinator am Leibniz-Institut für Altersforschung in Jena. Ein 70-jähriger Ausdauersportler etwa hat ein ebenso leistungsfähiges Herz-Kreislauf-System wie ein 30-Jähriger, der nicht trainiert.

Beim Sport kommt es nicht so sehr darauf an, was wir machen, sondern dass wir etwas machen. Für die meisten Menschen reichen schon 30 Minuten Bewegung am Tag. »Man sollte sich fit halten, es dabei aber nicht übertreiben«, sagt Thomas von Zglinicki: »Leistungssportler sind sicher nicht so langlebig.« Und: Wer sich gut entspannen kann, hat wohl mehr vom Leben. Es sei »definitiv nicht gut, unter psychischem Stress zu leiden, wenn man alt werden will«, sagt von Zglinicki. Denn ein ganz wichtiger Faktor beim Altern seien Entzündungsprozesse, etwa eine Parodontitis. »Diese nehmen im Alter zu, das ist nicht gut für die Langlebigkeit. Und solche Prozesse werden auch durch psychische Einflüsse aktiviert.«

Stressresistenz scheint tatsächlich eines der Erfolgsgeheimnisse von Menschen zu sein, die 100 Jahre und älter sind. In einer Auswertung der New England Centenarian Study , der weltweit größten Untersuchung von über Hundertjährigen und ihren Familien, zeigte sich, dass die betagten Probanden eine ausgeprägte innere Ruhe besaßen und sich nicht sehr mit Selbstzweifeln quälten.

Ob Ernährung, Bewegung oder Psyche: Wer auf sich achtet, kann schon viel gewinnen. Doch die Wissenschaftler wollen noch mehr, sie möchten tief in die zellulären und molekularen Prozesse unseres Körpers eingreifen und so das Altern hinauszögern. Am vielversprechendsten ist erstaunlicherweise ein Ansatz, der wiederum mit dem Essen zu tun hat.

So scheint vor allem eine besonders karge Kost das Leben zu verlängern. Seit Jahrzehnten haben Wissenschaftler immer wieder Fadenwürmer, Fliegen, Fische und Ratten drastischen Hungerkuren unterzogen, immer mit dem gleichen Ergebnis: Reduziert man die empfohlene Kalorienzufuhr um 20 bis 50 Prozent, bleiben die Tiere länger am Leben und werden seltener krank. Fastende Fruchtfliegen erreichen sogar das Doppelte ihrer Lebensspanne. Vorläufige Ergebnisse einer Langzeitstudie mit Rhesusaffen in den USA deuten darauf hin, dass die Dauerdiät auch bei höher entwickelten Lebewesen den Alterungsprozess verzögert. Erste Untersuchungen bei Menschen, die die Hungerkur freiwillig testen, weisen unter anderem auf ein vermindertes Arterioskleroserisiko hin. »Es spricht sehr viel dafür, dass die Kalorienrestriktion auch bei Menschen funktioniert«, sagt Michael Ristow.

Bei Energiemangel lasse der Körper seine Zellkraftwerke, die Mitochondrien, effizienter arbeiten, damit sie Nährstoffe besser umsetzen könnten. Ristow vergleicht die Wirkung mit der von Ausdauersport. Dass die gesteigerte Effizienz der Mitochondrien lebensverlängernd wirke, halten die Wissenschaftler für plausibel, weil andersherum ein gestörter Energiestoffwechsel eine Begleiterscheinung des Alterns ist. Welche Mechanismen im Einzelnen für die Lebensverlängerung verantwortlich sind, ist allerdings noch nicht endgültig geklärt. Eine wichtige Rolle scheinen bestimmte Enzyme zu spielen, Sirtuine, die als eine Art molekulare Schutztruppe vor dem Altern bewahren. Die Proteine gibt es auch beim Menschen.

Diesen Ansatz will die Pharmaindustrie nutzen. Sie untersucht Substanzen wie Resveratrol , das sich vor allem in Trauben und Beeren findet und auch über die Sirtuine wirken soll – wie die Kalorienrestriktion. Bei Versuchstieren konnte Resveratrol schon das Leben verlängern. Die Hoffnung ist, dass dies auch beim Menschen funktioniert. Ein Beleg dafür steht aber aus. Eine Substanz mit einem ähnlichen Wirkmechanismus ist der Zucker 2-Desoxy-D-Glucose, kurz 2DG. In Tierversuchen wirkte er zwar lebensverlängernd – in etwas höherer Konzentration aber auch tödlich.

David Sinclair, einer der drei Altersforscher mit den seltsamen Angewohnheiten, glaubt fest an den Wirkmechanismus über die Sirtuine: Die Pillen, die er seit 2003 nimmt, enthalten Resveratrol. Er vertraut dem Stoff so sehr, dass er eine Firma gegründet hat, die die Wirkung ähnlicher Substanzen erforscht.

Und die anderen beiden Forscher, was treibt sie zu ihren skurrilen Ritualen? Bei Mark Mattson, der auf viele Mahlzeiten verzichtet, ist die Erklärung einfach: Er glaubt an die lebensverlängernde Wirkung der reduzierten Kalorienzufuhr. Bei Thomas Perls, der Blut spendet , ist es komplizierter. Er glaubt, dass es gut ist, etwas zu wenig Eisen im Blut zu haben, und senkt den Eisenspiegel mit der Spende. Denn Eisen führt zu einer Freisetzung schädlicher freier Radikale. Zugespitzt formuliert: Je weniger Eisen, desto weniger Radikale, desto langsamer altert man. Für diese Theorie spricht, dass Frauen, die ja regelmäßig Blut verlieren, im Schnitt älter werden als Männer. Perls sagt: »Ich habe keine Menstruation, aber ich kann zumindest Blut spenden.«