Suchmaschinen Freundschafts-Dienste
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Wie bringt man einem Computer bei, einen Freundeskreis zu verstehen?

Den Unterschied zwischen klassischer und sozialer Suche hat Damon Horowitz, Mitgründer der sozialen Suchmaschine Aardvark, mit zwei Bildern verdeutlicht: der Bibliothek und dem Dorf. In einer Bibliothek werden Bücher in verschiedene Rubriken eingeteilt, um sie rasch finden zu können. Wer eine Frage zum Sonnensystem hat, muss nicht sämtliche Regalreihen ablaufen, sondern geht direkt in die Abteilung Astronomie. Er vertraut darauf, dass die Bibliothekare alle Bücher sinnvoll einsortiert haben. Die ersten Suchmaschinen der neunziger Jahre funktionierten genau so – mit einer Redaktion, die Webseiten statt Bücher katalogisierte. Auch Google, das die Websuche im vergangenen Jahrzehnt wie kein anderer beherrscht hat, ist aus einem Projekt der Stanford University für eine digitale Bibliothek hervorgegangen.

In dem Dorf läuft die Suche dagegen anders ab: Wer ein Problem mit dem Wasseranschluss der neuen Waschmaschine hat, wird entweder eine kompetente Person seines Vertrauens fragen oder sich umhören, ob irgendjemand im Dorf Bescheid weiß. Wie schnell man eine Antwort erhält, hängt auch davon ab, wie gut man sich kennt und wie sehr man sich schätzt. Während die Bibliothek effizient Faktenwissen zugänglich macht, vermittelt das Dorf sehr gut praktische Erfahrungen.

Die große Herausforderung für Onlinedienste ist nun: Wie bringt man einem Computer bei, einen Freundeskreis zu verstehen? Die Antwort gibt die Mathematik: Freundeskreise werden als sogenannte soziale Graphen dargestellt. In diesen Datenkonstrukten werden die Verbindungen zwischen Onlinefreunden – im mathematischen Jargon als »Kante« oder englisch edge bezeichnet – ausgewertet.

ZEIT Wissen 4/2011
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

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Einer der Vorreiter der sozialen Suche, die auf solchen Graphen aufbaut, ist Facebook. Denn die Startseite des Netzwerks ist im Prinzip nichts anderes als eine Trefferliste. Weil das System Nutzern, die viele Freunde haben, aus schlichten Platzgründen nie sämtliche Statusmeldungen auf einmal zeigen kann, muss es die interessantesten herausfiltern. Das Rechenverfahren, das Facebook dazu erfunden hat, heißt in Anspielung auf Googles Algorithmus »Edgerank«.

Gewinnt etwa die Facebook-Nutzerin Alexa den Nutzer Christoph als neuen Freund, fügt sie ihrem sozialen Netzwerk eine neue Verbindung hinzu. In der Folge bekommt Alexa alle Mitteilungen, die Christoph auf Facebook schreibt. Weil ihr ein geistreicher Spruch von ihm zu einem Kinofilm gefällt, bewertet sie ihn positiv. Als er später ihre Lieblingsband verreißt, schreibt sie einen sarkastischen Kommentar unter seine Mitteilung. Und Facebook merkt sich: Offenbar ist die Verbindung zwischen diesen beiden Nutzern wichtig.

Wie wichtig genau, berechnet Edgerank anhand von drei Faktoren: der sozialen Nähe, dem Gewicht und dem Alter des Austauschs. Die soziale Nähe zwischen Alexa und Christoph hängt davon ab, wie häufig sie in Facebook miteinander kommunizieren. Die Gewichtung richtet sich nach der Art des Austauschs: Ein Kommentar wiegt schwerer als ein schnell hingeklicktes »Gefällt mir«. Und je älter der letzte Austausch ist, desto unwichtiger wird die Verbindung. Für jede einzelne Verbindung, die ein Nutzer zu anderen hat, wird so eine Punktzahl errechnet. Die Summe ergibt dann den Edgerank, den Rang eines Facebook-Nutzers: Je höher der ist, desto eher landen dessen Mitteilungen in der News-Übersicht eines Freundes.

Dank Edgerank gilt nun auch im Netz: Freundschaften müssen gepflegt werden. Wer nur darauf aus ist, seinem Profil möglichst viele Facebook-Freunde hinzuzufügen, und Belanglosigkeiten in die Welt setzt, mit denen andere Nutzer nicht interagieren, verschwindet schnell aus dem Spitzenfeld der Facebook-Nachrichten. Was für Privatpersonen nur ein Ärgernis ist, kann für Unternehmen zum Problem werden. Wollen sie in dem 600-Millionen-Netzwerk Verbraucher erreichen, müssen sie umdenken: weg von der klassischen Suchwelt à la Google, in der die trickreiche Gestaltung von Angeboten half, von Pagerank in den Trefferlisten ganz oben platziert zu werden. Hin zu authentischen Botschaften, die die Nutzer wirklich interessieren!

Leser-Kommentare
  1. Ein kompetenter und interessanter Artikel: Vielen Dank!

  2. Die neue Welt wird schlecht weil Unternehmen glauben einem jeden Menschen bevormunden zu können.

    Am besten alle Dienste abstellen... nur leider ist mindestens die google Suche zu praktisch geworden... (auch wenn sie teilweise erst nach 8 Monaten richtig funktioniert... dank filter bubble)

    Das Endergebnis ist dass wir die Vielfalt um und herum nicht mehr wahrnehmen und uns nur noch im Kreis drehen - als Endstadium verblöden wir daran.

  3. Viele Admins benutzen Google Analytics. Wenn Google nun einfach trackt, was auf den Websites passiert, so wie Admins es tun, also das Besucherverhalten, hat es eine hervorragende Bewertungsgrundlage: es kann sehen, wie lange sich Besucher auf der Website aufhalten, ob Formulare und Scripte funktionieren etc. also die Qualität der Websites messen und die Reaktionen der Leser darauf. Das läßt große, echte Rückschlüsse auf die Qualität der Website zu, und das kann Google in sein Rankung einbauen. Seiten, die nach Sekunden von den meisten Besuchern wieder verlassen werden, sind nicht relevant für die Suchbegriffe. Das kann Google über Google Analytics wissen und ein besseres Ranking anbieten.
    Im übrigen gilt: nur wer inteligent sucht, findet das, was er sucht. Gegen Unkreativität hilft auch kein noch so guter Suchalgorithmus oder sonstiges System. Und die Freundeskreise sind höchstwahrscheinlich nicht durchlässig genug, um das leisten zu können, was der Artikel suggeriert.
    Wir betreiben ein Portal in einer Nische, wo man denken könnte, die meisten Leute, die diesen Sport betreiben, kennen sich oder sind vernetzt. Aber die meisten Besucher bekommen wir über Google, knapp 70%.Da kann es mit den Mechanismen der Mundpropaganda nicht weit her sein. Die sich kennen, haben zuwenig Kontakt mit den anderen. Das ist bei facebook etc. nicht anders. Funktionieren tut das nur in Bewertungsportalen, und die gibt´s schon lange.

    Eine Leser-Empfehlung

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