Krankheitsängste Und wenn doch was ist?

Noch nie gab es im Internet so viele Informationen über Krankheiten. Das hilft Patienten – verwandelt aber auch Millionen in Hypochonder.

Liza Ackermann durchsuchte das Internet, um sich von der Angst zu befreien, doch was sie fand, versetzte sie nur noch mehr in Panik. Die 22-jährige Medienkauffrau aus Ulm hatte sich den Kopf an einem Türrahmen gestoßen und auch Stunden danach noch immer starke Kopfschmerzen. War das eine Gehirnerschütterung? Sollte sie zum Arzt gehen?

Auf einer Gesundheitswebsite stieß sie auf einen Eintrag über Hirnblutungen. Häufigste Ursache: Unfälle. Dauert die Blutung an, kann es zu »irreversiblen Schädigungen der Gehirnsubstanz« kommen, stand da. Ackermann ging sofort zum Arzt. Der untersuchte und beruhigte sie: kein Hinweis auf eine Blutung, wahrscheinlich sei es nicht einmal eine Gehirnerschütterung. »Gelegentlich nimmt mir das Internet die Sorgen«, sagt die junge Frau, »meist aber schürt es meine Angst vor Krankheiten nur noch mehr.«

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Das Phänomen ist so verbreitet, dass Experten ihm mittlerweile einen eigenen Namen gegeben haben: »Cyberchondrie«. Von Gesundheitsportalen über Medizinlexika bis hin zu Selbsthilfeforen bietet das Internet unzählige Möglichkeiten, sich mit Krankheiten zu beschäftigen – und, ohne es zu wollen, die Angst davor anzufachen.

ZEIT Wissen 4/2011
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

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Das Netz, fürchten Experten, könnte ein Problem verschärfen, das hierzulande ohnehin schon besonders häufig ist: Schätzungen zufolge haben fast zehn Prozent der Deutschen krankhafte Angst vor Krankheiten. Die Hypochondrie zieht sich durch alle Schichten, Frauen und Männer sind gleichermaßen betroffen. Ihr Leid ist oft immens, Hypochondrie kann selbst zur Krankheit werden. Der Übergang zwischen gelegentlicher Sorge und manifesten Ängsten ist fließend. Jeder fünfte Betroffene leidet unter so ausgeprägter und anhaltender Krankheitsangst, dass sein Leben deutlich eingeschränkt ist. Wem es so geht, der braucht eine Therapie.

Ironischerweise wird das Problem ausgerechnet dadurch gefördert, dass wir in einer Gesundheitsgesellschaft leben. Wir treiben Sport, essen Biogemüse, lesen Gesundheitstipps – und bemühen uns so, nicht krank zu werden. Aufwendige Kampagnen haben das Prinzip der Vorsorge in den Köpfen der Menschen verankert. Beim Frauenarzt lernen schon junge Mädchen, ihre Brust regelmäßig auf Verhärtungen abzutasten. Aktionstage zu Darmkrebs erinnern daran, sich spätestens ab 55 alle zehn Jahre einer Darmspiegelung zu unterziehen, um Tumore rechtzeitig zu erkennen. Eigentlich eine gute Entwicklung, Vorsorge hat die Lebenserwartung nachweislich verlängert. Doch die damit verbundene Botschaft, dass jeder selbst für seinen Körper verantwortlich ist, kann auch Ängste hervorrufen.

Aber warum setzt sich der eine besorgt an den Computer, nachdem er sich den Kopf gestoßen hat, während ein anderer schulterzuckend zum Tennistraining geht?

Allein durch das Internet entstehe Hypochondrie nur sehr selten, erklärt Hans-Joachim Helling, Psychotherapeut aus Berlin. Wenn aber eine Veranlagung vorhanden sei, könne jede Möglichkeit, sich über Krankheiten zu informieren, die Entstehung von Hypochondrie fördern. Und wer lange genug bei Google sucht, findet auch etwas, das ihn beunruhigt. Manchmal sogar Informationen über tödliche Krankheiten, deren Symptome man bei sich selbst entdeckt. »Der Laie kann den Wahrheitsgehalt der Aussagen im Web nicht einschätzen«, sagt Helling, »Da verliert man leicht die Übersicht und wird ängstlich.«

Aber auch Menschen vom Fach kann die Krankheitsangst befallen. Johanna Seibert* wurde gerade ihr Fachwissen zum Verhängnis. Während ihres Medizinstudiums hatte sie fast alle Erkrankungen im Detail kennengelernt. Zunächst war das kein Problem. »Ich lernte meinen Traumberuf, an meinen eigenen Körper dachte ich bei der Ausbildung fast nie«, sagt Seibert. Ihr Vater war Soldat, und auch sie hatte sich für 17 Jahre verpflichtet und studierte über ein Stipendium der Bundeswehr. 2008 trat sie eine Stelle als Ärztin am Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg an. Mehrmals stellte sie bei Patienten, die mit ganz allgemeinen Beschwerden und unbestimmten Schmerzen zu ihr gekommen waren, die Diagnose Krebs. Bald fing sie an, in ihren eigenen Körper hineinzuhorchen. Jedes Zwicken im Bauch, jedes Stechen in der Hüfte beobachtete sie genau. War es ein bösartiger Tumor, womöglich in den Eierstöcken? Fußschmerzen wiesen auf Knochenkrebs hin, Kopfschmerzen auf einen Hirntumor. Immer wieder ließ sie sich untersuchen: Ultraschall, Röntgen, MRT. Danach war sie für ein paar Tage beruhigt, bis sie erneut nachts besorgt aufwachte. Eines Tages rief die Truppenärztin sie zu sich. 18 Arztbesuche in fünf Monaten, sie solle einen Psychiater aufsuchen.

Leser-Kommentare
    • 3cpo
    • 08.07.2011 um 12:32 Uhr

    Endlich. Gerade gestern hatten wir es darüber. Die Betroffenen, die sich in Foren tummeln und Krankheiten diskutieren wie die Nerds die Codes. Herrlich. Eigentlich ist man, wenn man ein Wehwehchen hat und danach googled, schon tot. Man findet die absurdesten Dinge. Da wird aus dem blauen Fleck gleich mal Leukämie gemacht. Und aus 2x die Woche Kopfweh wächst sofort ein Hirntumor. "Hey, wenn ich morgens nach dem Zähneputzen in den Spiegel schaue, dann habe ich immer so ein Ziehen im Genick." Welcome to the Club. Nicht nur, dass man jede Meneg Leute findet, die das auch haben. Nein, auch jede Menge Diagnosen. Und natürlich Therapien und Arztvorschläge. Ein Tip: Niemals nach einer Beschwerde googlen. Sie werden Ihres Lebens nicht mehr froh und sollten sich am besten gleich einen Sarg zimmern lassen.

    mfg

    Eine Leser-Empfehlung
  1. Es gibt aber auch das genau Gegenteil von Hypochondrie durch das Internet, nämlich Leute die glauben, sie könnten sie durch angelesenen Halbwissen aus dem Internet selbst untersuchen und diagnostizieren.

    Meine liebste Anekdote hierzu, ist aus einem Erste Hilfe Forum, in dem ein Forumsteilnehmer monierte:

    "Hilfe habe seit 2 Wochen blutigen Husten, was soll ich tun?"

    Die Beste Antwort hierzu kam prompt 30 Sekunden später:" Geh zum Arzt du Idiot."

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    • 3cpo
    • 08.07.2011 um 13:24 Uhr

    Sehr schön. Ja, da geben sich oft auch Idioten die Hand.

    • 3cpo
    • 08.07.2011 um 13:24 Uhr

    Sehr schön. Ja, da geben sich oft auch Idioten die Hand.

    • 3cpo
    • 08.07.2011 um 13:24 Uhr
    3. nice 1

    Sehr schön. Ja, da geben sich oft auch Idioten die Hand.

    Antwort auf "Meine liebste..."
    • wd
    • 08.07.2011 um 14:08 Uhr

    Es gibt viele Diagnosefehler! Es gibt viele Fehlbehandlungen! Es gibt viele Krankheiten, die die Schulmedizin nicht heilen kann und dabei nur an den Symptomen „herumdoktort“.

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    Und ich dachte immer, Ärzte wären so etwas wie menschliche Roboter, die keine Fehler machen können.

    Und ich dachte immer, Ärzte wären so etwas wie menschliche Roboter, die keine Fehler machen können.

  2. Ein lesenswerter Artikel - fast eine Pflichtlektüre für alle, die nach eigenen Beschwerden googeln und auch für jene, die schnell mit Ratschlägen und Differentialdiagnosen in Medizinforen antworten.
    Die letzte Fomulierung "fast null Prozent" wird jedoch keinem Besorgten weiterhelfen. Um das Beispiel aus dem Text aufzugreifen: Ein ängstlicher Beifahrer wird auch nicht durch den Hinweis beruhigt, dass die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls bei 160 km/h für diese Fahrt fast null Prozent betrage.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Neulich war ich mit meinem Freund im Kino. Da bemerkte ich einen flaschenähnlichen Gegenstand in seiner Hose. Nun meine Frage. Ist mein Freund Alkoholiker?!

  4. Nur weil man Hypochonder ist, heißt das nicht, dass man nicht auch ernsthafte Krankheiten haben kann ...

    Warum sucht man denn Informationen im Internet? Unter anderem, weil die Ärzte lange Wartezeiten haben, sich wenig Zeit für Patienten nehmen und oft falsche Diagnosen stellen. Wenn mir Ärzte eine Vermutung oder eine Diagnose nicht auf einem normalen allgemeinsprachlichen Niveau (und damit ist keinesfalls das häufig anzutreffende Kindergartenniveau gemeint) erklären kann, schlage ich die Diagnose natürlich nach. Im Internet wird das alles wenigstens verständlich erklärt.

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    Zu einer Diagnose (z.B. Migräne) etwas in einem Buch nachzulesen hat früher genauso wenig geschadet, wie es heute schadet sich im Internet über eine Krankheit zu informieren. Der informierte Patient raubt dem Arzt und anderen Patienten keine Zeit. Er hilft vielmehr mit die zur Verfügung stehende Zeit effektiv zu nutzen. Völlig anderes verhält es sich beim Versuch aus subjektiven Beschwerden aus Internetinformationen eine Eigendiagnose stellen zu wollen. Eigendiagnosen können durchaus manchmal richtig sein, sind aber häufig falsch. Ärzte stellen leider manchmal eine falsche Diagnose. In der Regel sind die ärztlichen Diagnosen aber schon richtig.

    Zu einer Diagnose (z.B. Migräne) etwas in einem Buch nachzulesen hat früher genauso wenig geschadet, wie es heute schadet sich im Internet über eine Krankheit zu informieren. Der informierte Patient raubt dem Arzt und anderen Patienten keine Zeit. Er hilft vielmehr mit die zur Verfügung stehende Zeit effektiv zu nutzen. Völlig anderes verhält es sich beim Versuch aus subjektiven Beschwerden aus Internetinformationen eine Eigendiagnose stellen zu wollen. Eigendiagnosen können durchaus manchmal richtig sein, sind aber häufig falsch. Ärzte stellen leider manchmal eine falsche Diagnose. In der Regel sind die ärztlichen Diagnosen aber schon richtig.

  5. Zu einer Diagnose (z.B. Migräne) etwas in einem Buch nachzulesen hat früher genauso wenig geschadet, wie es heute schadet sich im Internet über eine Krankheit zu informieren. Der informierte Patient raubt dem Arzt und anderen Patienten keine Zeit. Er hilft vielmehr mit die zur Verfügung stehende Zeit effektiv zu nutzen. Völlig anderes verhält es sich beim Versuch aus subjektiven Beschwerden aus Internetinformationen eine Eigendiagnose stellen zu wollen. Eigendiagnosen können durchaus manchmal richtig sein, sind aber häufig falsch. Ärzte stellen leider manchmal eine falsche Diagnose. In der Regel sind die ärztlichen Diagnosen aber schon richtig.

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    "Der informierte Patient raubt dem Arzt und anderen Patienten keine Zeit."

    Das habe ich etwas anders erlebt. Es kommt in der Regel besser, wenn man als Patient dem Arzt seine Internetrecherche und Vermutungen nicht schildert. Sonst fühlen die Ärzte sich in ihrer Kompetenz beschnitten. Kein Arzt mag einen Patienten, der selbst schon zu wissen meint, was er hat.

    Klar sind Internethypochonder auch nicht immer leicht zu erkennen. Und es gibt genug Leute, die bei unspezifischen Allgemeinsymptomen wie Übelkeit oder Kopfschmerzen sofort an Hirnhautentzündung oder Hirntumore denken.

    Und umgekehrt kann das Internet auch zur Beruhigung beitragen. Ich bin auch mal wegen Tumorverdachts vom Arzt ins MRT geschickt worden und war recht besorgt (ich war eigentlich wegen ganz anderen Dingen bei dem Arzt). Nach Netzrecherche und Gesprächen mit befreundeten Medizinern war ich dann doch etwas ruhiger, weil bei der Symptomatik ein Tumor recht unwahrscheinlich ist und die Untersuchung nur der Abklärung diente.

    "Der informierte Patient raubt dem Arzt und anderen Patienten keine Zeit."

    Das habe ich etwas anders erlebt. Es kommt in der Regel besser, wenn man als Patient dem Arzt seine Internetrecherche und Vermutungen nicht schildert. Sonst fühlen die Ärzte sich in ihrer Kompetenz beschnitten. Kein Arzt mag einen Patienten, der selbst schon zu wissen meint, was er hat.

    Klar sind Internethypochonder auch nicht immer leicht zu erkennen. Und es gibt genug Leute, die bei unspezifischen Allgemeinsymptomen wie Übelkeit oder Kopfschmerzen sofort an Hirnhautentzündung oder Hirntumore denken.

    Und umgekehrt kann das Internet auch zur Beruhigung beitragen. Ich bin auch mal wegen Tumorverdachts vom Arzt ins MRT geschickt worden und war recht besorgt (ich war eigentlich wegen ganz anderen Dingen bei dem Arzt). Nach Netzrecherche und Gesprächen mit befreundeten Medizinern war ich dann doch etwas ruhiger, weil bei der Symptomatik ein Tumor recht unwahrscheinlich ist und die Untersuchung nur der Abklärung diente.

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