Die Ärzte schöpften erst Verdacht, als die Probanden sich weigerten, die Tabletten zurückzugeben. Eigentlich wollten die Mediziner in der Studie in den neunziger Jahren untersuchen, ob ihr Wirkstoff bei Durchblutungsstörungen im Herzen hilft. Zwar waren die Ergebnisse enttäuschend. Doch ihre Pillen gaben die Teilnehmer nicht freiwillig wieder ab. Die Ärzte standen vor einem Rätsel.

Sie fragten die Patienten, bekamen aber nur ausweichende Antworten. Warum hielten die Probanden so an ihren Pillen fest? Erst nach einigen Wochen wurde es klar: Sildenafil, so der Name des Wirkstoffs, führt zu Erektionen – was wohl vielen der überwiegend älteren Patienten gefiel. Eine Nebenwirkung, die schnell zur Hauptwirkung wurde: 1998 brachte der Pharmakonzern Pfizer das Mittel unter dem Namen Viagra zur Behandlung von Erektionsstörungen auf den Markt.

Auch das wohl bekannteste Medikament überhaupt, Aspirin , hat ein heilendes Potenzial, das man anfangs nur erahnte. Als Schmerz-, Fieber- und Entzündungsmittel zugelassen und eingesetzt, fiel erst später auf, dass die Patienten schneller bluteten, nachdem sie den Wirkstoff Acetylsalicylsäure eingenommen hatten. Das wurde zunächst als unerwünschte Wirkung vermerkt, aber dann beantragte der Hersteller Bayer eine weitere Zulassung, zur Behandlung von Gerinnungsstörungen. Heute wird Aspirin Millionen Menschen verabreicht zur Vorbeugung gegen einen erneuten Herzinfarkt oder Schlaganfall, die oft die Folge eines Blutgerinnsels sind.

Aspirin ist in der Medizin unentbehrlich geworden, und Viagra wurde schnell zum Blockbuster. Mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz bescherte das Potenzmittel seinem Hersteller in den ersten Jahren. Solche Erfolgspillen sind selten geworden. "Blockbuster wird oft nur ein Medikament, das bei vielen Patienten angewendet werden kann, bei Volkskrankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes zum Beispiel. Durch die schon vorhandenen Blockbuster aber wird für Neuentwicklungen ein durchschlagender Erfolg schwieriger", sagt Claudia Leopold, Direktorin des Instituts für Pharmazie der Universität Hamburg . Für die Pharmaindustrie, die zu einem erheblichen Teil von neuen Medikamenten lebt, ist das ein großes Problem. Es fehlen die Substanzen, die ein Unternehmen über Jahre finanziell tragen.

Auf der Suche nach neuen Möglichkeiten blickt man nun zunehmend auch dorthin, wo alles schon entdeckt zu sein scheint: in die eigene Medikamentenliste. Was auf den ersten Blick wie eine Verzweiflungstat aussieht, kann sich auszahlen – für Patient und Hersteller. "In einigen bereits zugelassenen Medikamenten dürfte noch eine Reihe von Wirkungen schlummern, die man bisher nicht ausgeschöpft hat", sagt der Pharmakologe Ulrich Förstermann von der Universität Mainz. Werden für bestehende Arzneien neue Anwendungsgebiete entdeckt, können sie manchen Menschen das Leben retten und dem Hersteller Millionen in die Kassen spülen. Zudem ist für die Patienten auch das Risiko geringer, das mit der Substanz verbunden ist, weil sie ja meist schon in anderer Form auf dem Markt ist, lediglich in anderer Dosierung, Einnahmeform oder in Kombination mit anderen Wirkstoffen. Für die Pharmafirmen wiederum wird das Zulassungsverfahren einfacher: Manche der Prüfungen müssen sie nicht wiederholen. Kein Wunder also, dass sie sich ihre eigene Produktpalette genauer anschauen. Vielleicht steckt dort ja der nächste Blockbuster.

Unwahrscheinlich ist das nicht. Denn Viagra und Aspirin sind keine Einzelfälle. Sogenannte Antihistaminika etwa, Mittel gegen Allergien, machen nebenbei müde – und sind heute auch als Schlafmittel erhältlich. Der von Morphin abstammende Wirkstoff Loperamid wurde ursprünglich als Schmerzmittel eingesetzt, seine Nebenwirkung aber, die Minderung der Verdauungstätigkeit, spielt heute eine viel größere Rolle – unter dem Handelsnamen "Immodium akut" ist Loperamid als Mittel gegen Durchfall bekannt. Geld bringende Medikamente, die die Hersteller in ihrer eigenen Pipeline gefunden und anschließend mit weniger Aufwand als sonst auf den Markt gebracht haben. Das lohnt sich.