Die Sonne war schon untergegangen, als Michael Strasser das Okay gab, den Planeten Erde anzubohren. Er brauchte dafür kein Tageslicht, in der Tiefsee ist es ohnehin stockfinster. Dort unten helfen nur Tiefenmesser und Unterwasserkameras. Die Chikyu rollte 43 Seemeilen vor Japans Küste in der Dünung und machte keine Fahrt mehr, sechs Turbinen, zusammen so stark wie 50 Formel-1-Motoren, hielten das Schiff in Position. Der erste Offizier hatte Michael Strasser auf die Brücke gerufen. 136º, 40,89' östliche Länge, 33º, 9,42' nördliche Breite. Ob dies die richtige Position sei, fragte er.

Michael Strasser kannte die Zielkoordinaten der Mission auswendig, er schaute trotzdem noch einmal in sein Notizbuch. Es war sein großer Moment. Strasser war in der Schweiz aufgewachsen und hatte mit Blick auf die Alpen Geologie studiert, aber nun stand er hier auf einem 200 Meter langen Schiff über einer der gefährlichsten Erdbebenzonen der Welt und leitete sein erstes Experiment. Unter dem Rumpf hing ein drei Kilometer langes Bohrgestänge, es schwebte wenige Meter über dem Meeresboden. Strasser nickte dem Offizier zu. »This is correct!« Der Mann sprach etwas in ein Funkgerät, der Bohrer stieß zu.

Ein Megabeben der Stärke 9, ein Tsunami und der atomare GAU. Wie bewältigt Japan die Katastrophe? Ein Schwerpunkt zum Thema © Kazuhiro Nogi/AFP/Getty Images

Es war so etwas wie die Mondlandung, nur drei Kilometer unter Wasser. Der Vorstoß in eine unbekannte Welt. Mehrere Kilometer unter dem Meeresboden rutscht an dieser Stelle die philippinische Kontinentalplatte unter die eurasische Platte, jedes Jahr drückt sie vier Zentimeter in Richtung Japan. In den vergangenen Jahrmillionen hat sie dabei unter Wasser einen Steilhang aus Schlamm und Geröll vor der japanischen Küste angehäuft.

Wie Schnee vor einem Schneepflug, so hatte es Michael Strasser seinen Studenten erklärt, er mochte diesen Vergleich, mit Schnee kannte er sich aus. Und mit Steilhängen im Ozean, die bei einem Erdbeben abrutschen und Tsunamis verursachen, deswegen war er jetzt auf der Chikyu. Drei Jahre lang hatte er sich auf die Fahrt vorbereitet.

Das war kurz vor Weihnachten 2010, die Mission von damals dauert bis heute an. Sie ist Teil eines kühnen Vorhabens, das nach dem Erdbeben vom 11. März 2011 umso drängender erscheint. Mit der Chikyu, dem größten Forschungsbohrschiff der Welt, stoßen Wissenschaftler in die Erdbebenzone vor Südjapan vor. In mehreren Expeditionen wollen sie ein Dutzend Löcher in die Erdkruste bohren, bis zu sieben Kilometer tief, genau dorthin, wo die philippinische Platte sich mit der eurasischen verhakt und diese spannt wie einen Flitzebogen.

Wenn die eurasische Platte zurück nach oben schnellt, wird das nächste Megabeben das Land erschüttern, inklusive Tsunami. Nach demselben Prinzip wurde das Sendai-Beben am 11. März ausgelöst, dort allerdings durch die pazifische und die nordamerikanische Platte vor der japanischen Hauptinsel Honshu. »Bis jetzt hat noch niemand eine Hand auf eine ozeanische Erdbebenzone gelegt«, sagt Strasser. Sie wollen jetzt gleichsam den Finger hineinstecken.

Die Forschungsmission soll Fragen beantworten, die für Küstenbewohner in Erdbebengebieten über Leben und Tod entscheiden können: Wie hoch ist das Tsunami-Risiko durch submarine Hangrutschungen während eines Erdbebens? Wie entstehen Megabeben der Stärke 8 und mehr? Sogar das V-Wort nehmen manche Wissenschaftler wieder in den Mund: Lässt sich ein Megabeben in Subduktionszonen wie vor Japan, Chile, Alaska und Indonesien vorhersagen?

Große Aufmerksamkeit hat das Sendai-Beben der Chikyu beschert und den alten Streit um die Berechenbarkeit von Erdbeben neu entfacht. Michael Strasser und sein Chef Achim Kopf vom Bremer Forschungszentrum Marum hoffen, dass neuartige Messgeräte an der Plattengrenze Vorboten eines Megabebens entdecken könnten, Minuten oder gar Stunden vor dem großen Knall. Der Seismologe Robert Geller von der Universität Tokyo hält das für so gut wie ausgeschlossen. »Bisher hat noch niemand Vorboten eines Bebens entdeckt, weil es diese Vorboten nicht gibt«, sagt Geller. »Erdbeben sind Zufallsprozesse.«

Nach dem Sendai-Beben schrieb Geller einen wütenden Kommentar im Fachblatt Nature und forderte die japanischen Behörden auf, keine Risikokarten mehr zu veröffentlichen. Verheerende Beben traten in Vergangenheit stets da auf, wo die Behörden ein vergleichsweise geringes Risiko vorhergesagt hatten. Allerdings beruhen diese Karten auf Computersimulationen und Erdbebenstatistik. Messgeräte in den Bohrlöchern der Chikyu sollen dagegen bald kontinuierlich Daten aus dem Untergrund liefern.