Seelische GesundheitDer Wahn-Sinn

In seinem Buch über psychische Störungen erkundet der britische Psychiater Neel Burton die Grenze zwischen Normalität und Krankheit – und ergründet, ob die sonderbaren Zustände der Seele einen tieferen Sinn haben. von Claudia Wüstenhagen

ZEIT Wissen: Dr. Burton, Millionen Menschen leiden unter psychischen Störungen. Sie sagen, diese Zustände könnten einen tieferen Sinn haben. Wie kommen Sie darauf?

Neel Burton:Psychisch Kranken haftet ein Stigma an , dabei haben ihre Störungen häufig biologische Grundlagen. Außerdem liegen die Symptome, etwa Leid oder der Verlust des Realitätsbezugs, auf einem Kontinuum mit normalen menschlichen Erfahrungen. Ich denke, Angststörungen, Depression oder Persönlichkeitsstörungen könnten aus unserem Bedürfnis entstanden sein, mit unserer Umwelt fertig zu werden und unsere Erfahrungen zu bewältigen. Psychische Störungen können zu Anpassungsvorteilen führen.

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ZEIT Wissen: Welche Vorteile sollen das sein?

Burton: Eine Depression etwa kann durch existenzielle Krisen ausgelöst werden und uns zeigen, dass etwas völlig schiefläuft und verändert werden muss. Wer depressiv ist, betrachtet zudem die Welt realistischer und kann Ereignisse besser einordnen, das ist ein Vorteil. Und es gibt Hinweise darauf, dass die Gene, die anfällig für Schizophrenie oder bipolare Störung machen, zugleich Kreativität begünstigen können.

ZEIT Wissen 5/2011
ZEIT Wissen 5/2011

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

ZEIT Wissen: Inwiefern?

Burton: Gerade die bipolare Störung tritt in höheren sozioökonomischen Schichten auf, was darauf hindeutet, dass die verantwortlichen Gene zu mehr Leistungen und Erfolg führen. Das hat Vorteile für ganze Populationen: Gruppen mit vielen kreativen Menschen sind sehr wahrscheinlich technisch weit fortgeschritten und kulturell hoch entwickelt, was das Identitätsbewusstsein und den Zusammenhalt stärkt.

ZEIT Wissen: Im Buch beziehen Sie sich auf Künstler wie Ernest Hemingway , der an bipolarer Störung litt. Glauben Sie, dass das Leiden mancher Künstler ihren Erfolg ausmacht?

Burton: Das ist möglich. Man schätzt, dass die bipolare Störung unter Künstlern 10- bis 40-mal häufiger auftritt als in der Normalbevölkerung. Viele Kreative, etwa Virginia Woolf, haben selbst ihr Genie der Krankheit zugeschrieben. In depressiven Phasen können Betroffene in sich gehen, Gefühle und Gedanken sortieren, unwichtige Ideen streichen. In manischen Phasen sammeln sie ihre Visionen, ihr Selbstvertrauen und Durchhaltevermögen für die kreative Arbeit.

ZEIT Wissen: Ist das nicht eine Romantisierung? Hemingway und Woolf haben sich schließlich umgebracht.

Burton: Es ist sehr wichtig, solche Leiden nicht zu romantisieren – wer krank ist, muss behandelt werden. Ebenso wichtig ist es aber, psychische Krankheiten nicht zu stigmatisieren. Wir sollten sie als das begreifen, was sie sind: ein Ausdruck unserer tiefsten menschlichen Natur. 

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Leserkommentare
    • snm81
    • 26. August 2011 17:40 Uhr

    ja nun wirklich nicht sehr revolutionär...
    "Ich denke, Angststörungen, Depression oder Persönlichkeitsstörungen könnten aus unserem Bedürfnis entstanden sein, mit unserer Umwelt fertig zu werden "

    ach nee, woher soll es denn sonst kommen?

    Eine Leserempfehlung
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    "dabei haben ihre Störungen häufig biologische Grundlagen." - Was denn sonst?

    Kann es sein, daß Psychologie mehr ein Erraten als eine Wissenschaft ist?

    • Timo K
    • 26. August 2011 17:52 Uhr

    Sehr unbefriedigendes Interview.
    Das gesagte ist ja nun wirklich als Common Sense zu bezeichnen.

    • Meldir
    • 26. August 2011 18:20 Uhr

    Das Interview bietet leider kaum Informationswert.

    Das Schizophrenie oft mit erhöhter Kreativität einhergeht ist ja nun wirklich keine Neuigkeit.

  1. "Psychische Leiden drücken unsere tiefste menschliche Natur aus" oder "... psychische Störungen ..." - beides geht nicht. Da muss er sich schon entscheiden, alles andere ist recht konfus. Wie kann ein Stoerung unsere tiefste Natur sein. Das ist schon per Definition absurd.

  2. Depressionen sind ein notwendiges Übel zur Reifebildung des Menschen.
    Die Seele wird geläutert, man wird von niederen Trieben und Emotionen gereinigt. Es wird "sublimiert".
    Allerdings kann es für Körper und Geist gefährlich werden, wenn die Depressionen zu starke Ausmaße annimmt.
    Dann empfiehlt sich medizinische und therapeutische Hilfe.
    Was mich stört ist, dass Depressionen von Medizinern oft als Krankheit abgestempelt werden.
    Der Satz: "Wer depressiv ist, betrachtet zudem die Welt realistischer und kann Ereignisse besser einordnen, das ist ein Vorteil." muss relativiert werden. Denn Depressive neigen nicht selten kurz-bis mittelfristig zu einer verzerrten Wahrnehmung.
    An vielen Studien und Aussagen von Wissenschaftlern erkennt man, dass die moderne Psychologie noch in den Kinderschuhen steckt.

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    verzerrt, sondern die Verarbeitung derselben ist eingeengt auf bestimmte 'Programmpunkte'. Diese 'Programmpunkte' sind quasi eindimensional und orientieren sich nicht an der Vielfalt möglicher Ausdrucksformen des Gegenüber. Das wir Filtern und Kanalisieren ist nicht das Unnormale, sondern als unnormal werden die verwendeten Filter und Kategoriemuster erlebt.
    In der Auseinandersetzung mit der Welt, würde ich sagen, gerät der Depressive in die Spirale seiner ungenügenden Selbsteinschätzung zu den in der Umwelt vorhandenen Möglichkeiten. Weniger die Umwelt wird 'falsch' eingeschätzt, als vielmehr die eigenen Fähigkeiten darauf 'erfolgreich' reagieren zu können, diese im eigenen Interesse gestalten zu können.

    Neulich hörte ich auch, dass Depressive besonders kreativ seien - doch was nützt es diesen, wenn sie nicht in der Lage sind, dies produktiv nach Außen zu realisieren... . Diese Crux abe auch. Zudem gibt es ja verschiedene depressive Formen, worunter es den gängigen Rückzieher genauso gibt, wie den Workaholic.

  3. ...Aussage bezieht sich auf folgende Studie:
    http://www.news-magazin24...

    Deine Aussagen sind deshalb nicht falsch, aber offenbar hat die Sache doch mehrere Seiten.

    "aber nicht weil sie die Dinge realistisch sehen, sondern pessimistisch"

    Dem würde ich widersprechen wollen, wenn ich von mir ausgehe, fehlt mir während einer Depression einfach der Antrieb. Es erscheint mir schlicht sinnlos dies oder jenes zu tun (mag aber bei anderen anders sein).

    Das kann durchaus auch zu einem hinterfragen eigener Ziele und Anstrengungen führen, zu einer Art Erdung im ewigen Hamsterrad. Ich schätze das hängt sehr von der Schwere und Dauer der Depression ab. Wer früh nicht mehr aus dem Bett kommt, hat definitiv ein ernstes Problem...

    Antwort auf "Realistisch...?"
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    Ich denke, man muss klarstellen, ob man von einer Depression im umgangssprachlichen Sinne redet, d.h. von einem vorübergehenden Zustand psychischer Niedergeschlagenheit, der Traurigkeit und des Nachdenkens ‒ oder von klinischer Depression, also einer tatsächlichen Krankheit, die das Urteilsvermögen der Betroffenen oft massiv beeinträchtigt. Im ersten Fall mag das alles richtig sein, im zweiten ist es ziemlich daneben.

    Besonders ein Psychiater, der gut mit klinischer Depression vertraut sein sollte, sollte das im Zusammenhang mit solchen Aussagen deutlich klarstellen. Denn wenn so jemand "Depression" sagt, muss ich davon ausgehen, dass er die klinische Depression meint.

    Ich muss aber dazu sagen, dass ich nicht weiß, was er im Interview tatsächlich gesagt hat, denn das wird wohl nicht auf deutsch geführt worden sein. In Übersetzungen wird leider auch oft geschludert und die eigentliche Aussage verzerrt wiedergegeben.

  4. recht mageres blabla.

    Die medizinische Sichtweise auf psychische Störungen scheint ja derart simpel zu sein, dass die Erkenntnis, "Eine Depression etwa kann durch existenzielle Krisen ausgelöst werden und uns zeigen, dass etwas völlig schiefläuft und verändert werden muss." in diesen Kreisen offenbar etwas völlig Neues darstellt.

    Man könnte ja glatt annehmen, dass bei Psychiatern eine differenzierte Sichtweise gar nicht nötig ist, weil man ja schnell mal alle drei Monate nur ein neues Rezept für Antidepressiva ausstellen muss und sich ein differenzierter Blick auf die Lebensumwelt weitgehend erübrigt.

    Erstaunlich, dass sich Journalisten vom weißen Kittel derart blenden lassen, dass sie aus solchen Banalitäten noch einen Artikel zimmern. Oder ist es die Annahme, dass die Leser so unreflektiert sind?

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  • Schlagworte Virginia Woolf | Ernest Hemingway | Depression | Glaube | Künstler | Schizophrenie
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