Graphen. Mehr braucht Jari Kinaret eigentlich nicht zu sagen. Ein Wort genügt dem Festkörperphysiker von der schwedischen Chalmers-Universität, um die Bedeutung seines Flaggschiff-Projekts klarzumachen. Denn Graphen gilt derzeit als das Wundermaterial schlechthin. 2004 wurde die Kohlenstoffvariante, die aus einer einzigen Atomlage besteht, erstmals hergestellt, und schon im vergangenen Jahr erhielten ihre Entdecker dafür den Physiknobelpreis . Heute arbeiten mehr als 140 Gruppen in ganz Europa an dem verheißungsvollen Material. Fast alle sind an dem Flaggschiff-Antrag beteiligt und hoffen auf einen Anteil an den Forschungsmilliarden.

Graphen werde die Welt verändern, sagen seine Anhänger, es werde Silizium als Basis aller elektronischen Geräte ablösen und so alltäglich werden wie heutzutage das Plastik. Seine Kritiker sagen, es sei völlig überbewertet und müsse seine Praxistauglichkeit erst noch unter Beweis stellen.

Graphen ist ein Stoff der Superlative. Die in einem flachen Sechseck angeordneten Kohlenstoffatome – eine Miniaturvariante des Hasendrahts – leiten den Strom weitaus besser als Silizium. Zugleich haben sie die beste Wärmeleitfähigkeit aller bekannten Materialien. Chiphersteller, die mit der Abwärme ihrer immer dichter gepackten Schaltkreise zu kämpfen haben, lässt das aufhorchen.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Seine festen Kohlenstoffbindungen machen Graphen zudem zum stärksten aller Materialien. Trotz des geringen Gewichts ist es mehr als hundertmal so reißfest wie Stahl. Neue Verbundwerkstoffe im Auto- und Flugzeugbau scheinen möglich. Graphen ist transparent und damit interessant für die Produktion von Touchscreens. Es ist flexibel genug, um in Kleidungsstücken verarbeitet werden zu können. Und es ändert seine Leitfähigkeit, wenn es mit anderen Molekülen in Kontakt kommt – ideal für empfindliche Sensoren.

Das Flaggschiff-Projekt will sich um sämtliche Superlative kümmern. Manche Hoffnung werde man sicherlich enttäuschen, sagt Jari Kinaret, dafür werde es andere Überraschungen geben. So sei Forschung eben. Vollmundig verspricht man schon mal einen »radikalen Wandel in der Informationstechnologie«.