EU-ForschungswettbewerbEinfühlsame Pullover

Allgegenwärtige Sensoren sollen unsere Schutzengel werden. Leider brauchen sie Energie. von Alexander Stirn

In einem Regal liegen Pullover.

In einem Regal liegen Pullover.  |  © petfed/photocase.com

Es klingt wie eine Entschuldigung, aber auch ein wenig trotzig: »Von allen Flaggschiff-Projekten«, sagt Adrian Ionescu, »ist unseres wahrscheinlich am komplexesten.« Der Halbleiterphysiker von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne geht mit einem ebenso ambitionierten wie sperrigen Vorhaben ins Rennen um den Forschungsjackpot . »Schlaue, autonome, energieautarke persönliche Assistenten« möchte Ionescu mit seinen Partnern entwickeln.

Komplexität verkauft sich allerdings nicht gut, schon gar nicht bei den Politikern, die letztlich über den Gewinner des Milliarden-Jackpots entscheiden müssen. Die Initiatoren haben ihrem Vorhaben daher einen eingängigen und vielversprechenden Namen verpasst: »Guardian Angels« . Auf Deutsch: Schutzengel.

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Initiative

Mit ihrer »Flaggschiff-Initiative« will die EU-Kommission zwei visionäre Großprojekte in der Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) voranbringen. 26 Forscherteams haben ihre Ideen eingereicht – zuletzt kämpften noch sechs Kandidaten um die die Endausscheidung. Die zwei Sieger unter den Flaggschiff-Finalisten erhalten ab 2013 eine jährliche Projektunterstützung in Höhe von 100 Millionen Euro. Diese Projekte haben sich beworben.

Sensoren

Intelligente, autonome Minisensoren sollen uns künftig wie Schutzengel im Alltag begleiten. Sie könnten zum Beispiel vor Naturkatastrophen warnen oder verschiedene Körperfunktionen messen und die Daten an Ärzte weiterleiten. Forscher unter Führung der ETH in Zürich und Lausanne wollen die Technik-Engel entwickeln.

Graphen

Es gilt als Wundermaterial des 21. Jahrhunderts: Graphen ist eine Schicht aus Kohlenstoff, die nur eine Atomlage dünn ist, dabei stärker als Diamant und hundertmal fester als Stahl – jedoch leicht und flexibel. Unter Koordination der schwedischen Chalmers University of Technology soll das ganze Potenzial des Wunderstoffs erforscht werden.

Futur-ICT

Von einem »Wissensbeschleuniger« träumen Forscher um Dirk Helbing von der ETH Zürich. Sie wollen einen »Living Earth Simulator« schaffen, eine weltumspannende Analyseplattform, die mit Echtzeitdaten gefüttert wird und globale Abhängigkeiten und Zusammenhänge aufzeigt. Damit sollen sich zum Beispiel Krisen in Politik, Umwelt und Gesellschaft besser vorhersagen lassen.

HBP

Wie simuliert man das menschliche Gehirn? Und wie bringt man Computern »menschliches« Denken bei? Solche Fragen will ein europaweites Forscherkonsortium im Human-Brain-Project (HBP) unter Leitung von Henry Markram beantworten.

Medizin

Die maßgeschneiderte Therapie ist das Ziel eines Projektes, das der Berliner Genomforscher Hans Lehrach koordiniert. Eine riesige Datenbank soll mit allen vorhandenen medizinischen Informationen gefüttert werden und für jeden Patienten eine individuelle Behandlung ermöglichen.

Roboter

Begleitroboter könnten uns künftig in allen Lebenslagen zur Seite stehen. Davon träumen Forscher an der italienischen Scuola Superiore Sant’Anna. Ihr Ziel: Technische Gefährten mit emotionalen und kognitiven Fähigkeiten ausstatten und sie so zum gefälligen Diener des Menschen machen.

Digitale Schutzengel, so die Vision, sollen den Menschen künftig überallhin begleiten. Eingenäht in den Pullover, überwachen sie den Puls und andere Vitalfunktionen, und bei verdächtigen Veränderungen benachrichtigen sie automatisch den Hausarzt. Sie kommunizieren mit anderen Sensoren und warnen zum Beispiel Autofahrer, dass gleich ein Kind – das einen digitalen Schutzengel in seinem Schulranzen trägt – zwischen den parkenden Fahrzeugen hervorspringen wird. Am Ende sollen die Sensoren sogar menschliche Emotionen erfassen können, indem sie Mimik und Schweiß analysieren. »Unsere Technologie wird den Menschen von der Kindheit bis ins hohe Alter vor komplexen oder gefährlichen Situationen bewahren«, schwärmt Ionescu.

ZEIT Wissen 5/2011
ZEIT Wissen 5/2011

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Diese Idee hatten schon andere: Der Chiphersteller Intel, einer der 28 Partner im Guardian-Angels-Konsortium, präsentiert seit Jahren auf seiner Hausmesse Geräte, die den menschlichen Gang analysieren und Senioren vor drohenden Stürzen warnen sollen. Noch sind die Beschleunigungssensoren, die die Probanden dazu in ihre Socken stopfen müssen, recht klobig, verbrauchen viel Strom und haben eine begrenzte Reichweite.

Datenverarbeitung, Kommunikation und besonders die Energieversorgung sind daher die grundlegenden Probleme, die die Schutzengel-Schöpfer lösen müssen: Niemand will ständig die Batterie seines Pullovers wechseln. Die schlauen Messfühler müssen sich stattdessen selbst mit Strom versorgen, indem sie aus Sonnenlicht, Bewegungen oder Wärmeunterschieden Energie gewinnen. 

Leserkommentare
    • Nest
    • 02. August 2011 18:59 Uhr

    ...Angst und Bange werden.
    "[...]Am Ende sollen die Sensoren sogar menschliche Emotionen erfassen können, indem sie Mimik und Schweiß analysieren."
    und wie üblich werden Unautorisierte die Daten mitlesen.
    Man braucht gar nicht mehr rot zu werden, wenn einen die Klassen-/Büro-/Sonstige-Schönheit anlächelt, der mitteilsame Kollege hat sofort die Pulsfrequenz parat – und das ist der denkbar harmloseste Fall.

    OT: ich hab zuerst gelesen: "Allgegenwärtige Senioren sollen unsere Schutzengel werden."
    hihi

    • Talor
    • 02. August 2011 19:19 Uhr
    2. Nein,

    vielen Dank, brauch ich nicht, ich kann noch selbst denken.

    Unabhänging von meiner persönlichen Meinung ist mir aber ein Satz besonders aufgefallen:

    "Komplexität verkauft sich allerdings nicht gut, schon gar nicht bei den Politikern"
    Das wäre allerdings ein Armutszeugnis. Kompliziertheit - okay. Aber Komplexität? Wofür gibt es denn Berufe?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Den Politikern könnte man das wahrscheinlich ganz einfach verkaufen: "Damit lassen sich viele Daten über jedermann sammeln" - Bing - 1 Mrd für das Projekt...

    • hareck
    • 02. August 2011 19:31 Uhr

    da kriege ich ja Schüttelfrost.

    »Unsere Technologie wird den Menschen von der Kindheit bis ins hohe Alter vor komplexen oder gefährlichen Situationen bewahren«, schwärmt Ionescu.

    Und schöne dicke fette Dateien über den gläsernen Menschen an die Behörden senden. Und hirnlose, unselbständige Zombies schaffen, die sich irgendwann ohne ihren Datenpulli nicht mehr auf die Straße trauen.

    Vielen Dank, meinen Hausarzt rufe ich weiterhin gern allein an.

  1. Heute ist es schon möglich Standorte und damit auch Reiserouten durch Mobiles (ich mag Handy nicht) festzustellen und daraus alles mögliche abzuleiten. Sie schauen sich eine Demo an, die dann in Krawall ausartet ... Die Polizei könnte Ihnen nachweisen, dass Sie dabei waren.

    Und jetzt das. Wie schon "hareck" angedeutet hat, alle menschlichen Emotionen können analysiert und damit auch, wem auch immer, verfügbar gemacht werden. Das ist dann schon "Big brother".

    > »Unsere Technologie wird den Menschen von der Kindheit bis ins hohe Alter vor komplexen oder gefährlichen Situationen bewahren«, schwärmt Ionescu. <

    Sie wird ihn nicht "bewahren" sondern "gläsern" machen.

    • Jabutze
    • 02. August 2011 20:28 Uhr

    "»Unsere Technologie wird den Menschen von der Kindheit bis ins hohe Alter vor komplexen oder gefährlichen Situationen bewahren«, schwärmt Ionescu."
    Das ist doch fürchterlich.
    Wieso sollte man Menschen besonders vor komplexen Situation bewahren sollen?
    Schön und gut, man kann die Welt vereinfachen aber es einer Gesellschaft abzugewöhnen sich mit Problemen und Emotionen, wie es im Artikel angedeutet worden ist, auseinanderzusetzen halte ich für höchst gefährlich und schlichtweg dumm.
    So ein Leitfaden für virtuelle Intelligenzen halte ich höchstens für Autisten, die Emotionen nicht bewerten können, sinnvoll - aber auch bloß als Krücke.
    Probleme werden so nicht gelöst, bloß die Konfrontation mit ihnen vermieden.
    Sollen sie z.B. lieber sichere Straßen bauen oder mehr Geld in frühkindlichen Umgang mit Verkehr stecken, damit Kinder nicht vor Autos laufen, statt so ein unnötig kompliziertes System zu entwickeln.

  2. Kauft mehr Secondhand Pullover und Unisex-T-Shirts. Schutz O.K., Personenprofil Ohje. ;-) Die Chinesen machen es doch auch so, die Zensurbehörde schafft es nicht mehr alles zu kontrollieren, da es zuviel wird.

    @NEST, wenn es der Sensor meldet, bekommst du ja vielleicht ein Feedback auf deinen Puls ;-)

  3. tolle allmachtsphantasie. gabs sowas nicht schon in den 1960er jahren? diese vorstellung von intelligenten haushalten und mitdenkenden konsumgütern verfolgt uns jedenfalls schon seit längerem, und herausgekommen ist bislang nichts.

    leider scheint die tatsache, dass unsere gesellschaft kompliziert ist, in den köpfen vieler naturwissenschaftler noch nicht angekommen zu sein - was eine derartige technische aufrüstung stets an der realität scheitern lassen wird.

    "vor komplexen oder gefährlichen situationen bewahren", my ass. solche technik wird sich stets so entwickeln, wie man sich es vorher nie vorgestellt hat. was seine guten, aber auch seine schlechten seiten haben kann.

  4. Statt zuviel Elektronikmüll zu produzieren, sollte das Geld in die Rückverfolgung der Herstellung gesteckt werden.

    Wer musste, wo, wie lange dafür arbeiten und was hat die arbeitende Person für die Herstellung des Kleidungsstück bekommen ?

    Beim Einkaufen muss aus dem Etikett erkennbar sein, ob ich bei einem Ausbeuter einkaufe, oder bei jemandem, der für seine Mitarbeiter sorgt oder sie gut behandelt und fair bezahlt. (FairTrade z.B.)

    Das ganze ist natürlich meine unmaßgebliche Meinung.

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