ZEIT Wissen: Herr Professor Layard, mit einem Internetprojekt wollen Sie die Briten und dann die ganze Welt glücklicher machen. Was soll das?

Richard Layard: Die »Action for Happiness« -Bewegung basiert auf einem Ideal aus der Zeit der Aufklärung: Die beste Gesellschaft ist diejenige, in der es am meisten Glück und am wenigsten Elend gibt. Dank der Glücksforschung wissen wir heute, was für die Menschen wirklich zählt. Wie viel Geld jemand verdient, trägt zum Beispiel weniger zum persönlichen Glück bei, als viele glauben. In den USA gibt es seit 60 und in Deutschland seit 40 Jahren trotz enormer Einkommenssteigerung keine nennenswerte Zunahme von Glück und Zufriedenheit. Mit unserem Projekt wollen wir glücksorientiertes Denken fördern.

ZEIT Wissen: Was heißt das konkret?

Layard: Die Teilnehmer geloben zunächst, dass sie das Glück in der Welt mehren wollen. Wir machen ihnen auf der Website dann 50 Vorschläge, wie sie zum Beispiel die Atmosphäre am Arbeitsplatz verbessern oder auch ihr eigenes Glücksgefühl steigern können, etwa durch Meditation. Es geht darum, mehr für andere zu tun, aber auch sich selbst zu achten.

ZEIT Wissen: Ist das nicht etwas banal?

Layard: Dahinter steckt das weite Feld der Positiven Psychologie, die lehrt, sich auf seine Stärken zu konzentrieren, statt dauernd über Schwächen zu grübeln. In der Berufswelt brauchen wir zudem weniger Konkurrenzdenken und mehr Kooperation. Im Familienleben sollten sich Paare verpflichten, ihre Kinder gemeinsam großzuziehen. Wir plädieren nicht für mehr »emotionale Intelligenz« und gute Beziehungen, um aus anderen mehr rauszuholen. Wir plädieren für eine Ethik, die das Geben vor das Nehmen setzt.

Tun Sie etwas für andere: Wählen Sie einen Tag in der Woche aus, an dem Sie fünf Menschen einen Gefallen tun. Warum? Neue Erkenntnisse der Hirnforschung bestätigen, dass wir auf Liebe und Zuwendung regelrecht gepolt sind. Es geht nicht immer nur um darum, dem persönlichen Erfolg nachzujagen.
Die Glücksformeln sind gekürzte Auszüge von Lanyards Webseite "Action for Happines"

ZEIT Wissen: Ist die Glücksbewegung ein Religionsersatz?

Layard: Sie ist eine säkulare Ethik.

ZEIT Wissen: Oder eine Diktatur des positiven Denkens.

Layard: Eine Idee diktiert nicht. Wir werden keine glücklichen Bürger haben, wenn sie ihre Ziele nicht in einer freien Gesellschaft selbst bestimmen können.

ZEIT Wissen: Warum interessieren Sie sich als Ökonom überhaupt für Glück?

Layard: Ich bin Ökonom geworden, weil die Volkswirtschaftslehre das menschliche Wohlbefinden zu maximieren versprach. Aber ich stellte schnell fest, dass Ökonomen eine viel zu beschränkte Sicht auf die Ursachen des Wohlbefindens haben.

ZEIT Wissen: Kann eine Website eine Massenbewegung auslösen?

Layard: Das hängt davon ab, ob sich Gruppen bilden, die diese Werte teilen. Wir sehen erste Erfolge. Seit April sind wir online, inzwischen haben wir 14500 Mitglieder aus 115 Ländern. An Studenten verteilen wir Arbeitsmaterialien, anhand derer sie über den Sinn des Lebens diskutieren können. Außerdem vermitteln wir Redner, die sich mit Zufriedenheit im Berufsleben auskennen. Mit ihrer Hilfe können Arbeitnehmer Diskussionen mit dem Management anregen.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

ZEIT Wissen: Eine sanfte Form des Sozialismus?

Layard: Da gibt es durchaus Überschneidungen. Der Sozialismus hat auch an den Altruismus appelliert.

ZEIT Wissen: Der Glücksindex sozialistischer Länder ist aber nicht besonders hoch.

Layard: Ich rede nicht vom dogmatischen Sozialismus, sondern von einer westeuropäischen Variante mit einer starken idealistischen Komponente. Zugegeben, der Kommunismus hatte auch eine idealistische Komponente, er hatte aber auch die Geheimpolizei.