ZEIT Wissen: Frau Professor Duflo, für Ihre Ideen zur Entwicklungshilfe hat das Magazin »Time« Sie zu einer der hundert einflussreichsten Personen der Welt gekürt . Was ist Ihre Wunderwaffe gegen Armut?

Esther Duflo: Das Ergebnis unserer Forschung ist gerade, dass es keine Wunderwaffe gibt.

ZEIT Wissen: Schade.

Duflo: Auch in der Medizin gibt es kein Allheilmittel, sondern je nach Leiden unterschiedliche Medikamente. Genauso gibt es unterschiedliche Ansätze, Armut zu bekämpfen.

ZEIT Wissen: Andere Ökonomen reden gern über große Lösungen oder das große Versagen der Entwicklungshilfe . Die Linken plädieren für hohe Investitionen, um Länder aus der Armutsfalle zu befreien. Die Konservativen behaupten, dass Entwicklungshilfe mehr schadet als nutzt. Wo stehen Sie?

Abhijit Banerjee: Die erste Frage ist: Sollen wir überhaupt Geld geben? Hier sind wir auf der Seite derjenigen, die Sie links nennen – wer Geld sinnvoll ausgibt, kann eine Menge erreichen. Die zweite Frage ist: Trauen wir den Verteilungsmechanismen in der Entwicklungshilfe? Hier sind wir auf der anderen Seite, aber nicht aus denselben Gründen, die von den Konservativen angeführt werden. Dass die Entwicklungshilfe ihren Zweck oft nicht erfüllt, liegt weniger an strukturellen Problemen. Meistens liegt es schlicht daran, dass niemand darüber nachdenkt, wie man das Geld gut investiert.

ZEIT Wissen: Sie machen Studien wie in der Medizin, um die Wirkung einzelner Maßnahmen zu untersuchen. Die Vision ist eine Entwicklungshilfe, die evidenzbasiert ist, die also auf wissenschaftlich belastbaren Daten beruht. Können Sie ein Beispiel schildern?

Duflo: Viele. Schlagen Sie ein Thema vor.

ZEIT Wissen: Malaria gilt als Ursache für eine Armutsfalle: Die Krankheit schwächt die Bevölkerung und verursacht den Tod vieler Kinder. Die Familien bleiben arm und können sich keine Malarianetze leisten, so entsteht ein Teufelskreis. Wie kommen die Betroffenen da wieder raus?

Duflo: Niemand zweifelt am Sinn dieser Netze. Wenn ausreichend Menschen nachts unter so einem Netz schlafen, könnte man die Malaria sogar regional ausrotten. Auch sind sich alle einig, dass man die Netze subventionieren sollte, damit die Armen sich welche leisten können. Es gibt aber Streit darüber, ob man sie verschenken soll oder nicht.

ZEIT Wissen: Angeblich wurden verschenkte Netze als Hochzeitsschleier zweckentfremdet.

Duflo: Ja, oder als Fischernetz. Aber das sind Einzelfälle. Zwei unserer Studenten haben Moskitonetze mithilfe von rund 30 Krankenhäusern an Schwangere ausgegeben, in einigen Kliniken kostenlos, in den anderen für einen niedrigen Preis.