Entwicklungspolitik : "Intuition hilft nicht"

Die Wirtschaftswissenschaftler Esther Duflo und Abhijit Banerjee plädieren für eine neue Form der Entwicklungshilfe. Mit Zufallsexperimenten, wie sie in der Medizin üblich sind, wollen sie wirksame von unwirksamen Methoden unterscheiden.
Straßenkinder in Mumbai, Indien © Pal Pillai/AFP/Getty Images

ZEIT Wissen: Frau Professor Duflo, für Ihre Ideen zur Entwicklungshilfe hat das Magazin »Time« Sie zu einer der hundert einflussreichsten Personen der Welt gekürt . Was ist Ihre Wunderwaffe gegen Armut?

Esther Duflo: Das Ergebnis unserer Forschung ist gerade, dass es keine Wunderwaffe gibt.

Esther Duflo

Sie machte eine Blitzkarriere und gilt als Kandidatin für den Wirtschaftsnobelpreis. Esther Duflo, geboren 1972, studierte Ökonomie an der École Normale Supérieure in Paris und am Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo sie heute als Professorin forscht. Die Magazine »The Economist«, »Time« und »Foreign Policy« setzten sie auf ihre Listen der einflussreichsten Persönlichkeiten. Unter Kollegen kursiert bei schwierigen Forschungsaufgaben der Spruch: »Esther könnte das. Wir nicht.«

ZEIT Wissen: Schade.

Duflo: Auch in der Medizin gibt es kein Allheilmittel, sondern je nach Leiden unterschiedliche Medikamente. Genauso gibt es unterschiedliche Ansätze, Armut zu bekämpfen.

ZEIT Wissen: Andere Ökonomen reden gern über große Lösungen oder das große Versagen der Entwicklungshilfe . Die Linken plädieren für hohe Investitionen, um Länder aus der Armutsfalle zu befreien. Die Konservativen behaupten, dass Entwicklungshilfe mehr schadet als nutzt. Wo stehen Sie?

Abhijit Banerjee: Die erste Frage ist: Sollen wir überhaupt Geld geben? Hier sind wir auf der Seite derjenigen, die Sie links nennen – wer Geld sinnvoll ausgibt, kann eine Menge erreichen. Die zweite Frage ist: Trauen wir den Verteilungsmechanismen in der Entwicklungshilfe? Hier sind wir auf der anderen Seite, aber nicht aus denselben Gründen, die von den Konservativen angeführt werden. Dass die Entwicklungshilfe ihren Zweck oft nicht erfüllt, liegt weniger an strukturellen Problemen. Meistens liegt es schlicht daran, dass niemand darüber nachdenkt, wie man das Geld gut investiert.

Abhijit Banerjee

Seine Kindheit verbrachte er in Kolkata, und seitdem weiß er, was Armut bedeutet: Mit sechs Jahren spielte Abhijit Banerjee mit den Kindern der Armen, die hinter dem Haus seiner Eltern in Baracken lebten. Später studierte er in Kolkata und an der Harvard University, heute ist er Professor für Entwicklungsökonomie am MIT, wo er mit Esther Duflo das Poverty Action Lab gründete. Für die Weltbank und die indische Regierung arbeitete er als Berater.

ZEIT Wissen: Sie machen Studien wie in der Medizin, um die Wirkung einzelner Maßnahmen zu untersuchen. Die Vision ist eine Entwicklungshilfe, die evidenzbasiert ist, die also auf wissenschaftlich belastbaren Daten beruht. Können Sie ein Beispiel schildern?

Duflo: Viele. Schlagen Sie ein Thema vor.

ZEIT Wissen: Malaria gilt als Ursache für eine Armutsfalle: Die Krankheit schwächt die Bevölkerung und verursacht den Tod vieler Kinder. Die Familien bleiben arm und können sich keine Malarianetze leisten, so entsteht ein Teufelskreis. Wie kommen die Betroffenen da wieder raus?

Duflo: Niemand zweifelt am Sinn dieser Netze. Wenn ausreichend Menschen nachts unter so einem Netz schlafen, könnte man die Malaria sogar regional ausrotten. Auch sind sich alle einig, dass man die Netze subventionieren sollte, damit die Armen sich welche leisten können. Es gibt aber Streit darüber, ob man sie verschenken soll oder nicht.

ZEIT Wissen: Angeblich wurden verschenkte Netze als Hochzeitsschleier zweckentfremdet.

Duflo: Ja, oder als Fischernetz. Aber das sind Einzelfälle. Zwei unserer Studenten haben Moskitonetze mithilfe von rund 30 Krankenhäusern an Schwangere ausgegeben, in einigen Kliniken kostenlos, in den anderen für einen niedrigen Preis.

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Es sind nicht die Millionen

Zwischen den Zeilen zeigt dieses Interview sehr schön auf, dass es bei der Entwicklungshilfe viel weniger um die Menge der verschickten Euros, sondern viel mehr um das analysieren und beseitigen von Problemstellungen geht. Geld ist da sicherlich oft hilfreich, meist aber nicht der Schlüsselfaktor.

"Intuition hilft nicht" [alleine]

"Experimente, mit denen man herausfindet, was wirklich hilft, sind einfach und kosten im Vergleich zum ganzen Programm wenig Geld. (...)Wenn man also durch Experimente die richtigen Antworten findet [welche wirklich effektiv sind], würden diese Milliarden besser investiert. Ein Schnäppchen."

Den Ansatz finde ich wirklich brillant! Danke für dieses Interview!

Das wird ein wichtiges Instrument der Auslese für die
'best practice', ein Evolutionsboost :)

Ich befürworte ein Denken in (großen) Zusammenhängen, in Modellen denken mit Hilfe der eigenen Ratio, aber man braucht die Empirie, um sich der Realität mit den eigenen Denkmodellen wirklich anzunähern. Empirie alleine kommt dem Verzicht auf Gehirnbenutzung gleich. Ratio alleine ist realitätsfern. Ratio und Empirie müssen Hand in Hand gehen.

Für die Diskussion und den Austausch ist eine Harmonie von Ratio und Empirie ebenfalls hilfreich. Was nutzen rationale Ansichten, die aber realitätsfern sind? Was will man mit empirischen Datensalat? Aber rationale Ansichten, die der Feuerprobe der Wahrheit standhalten, dass ist lässt einem das Herz aufgehen :)

Hochgradig spannend..

dieses Interview. Jenseits der Empirie ist Entwicklungshilfe dann doch immer den am Anfang genannten Grundüberzeugungen geschuldet und nicht wissenschaftlich erhobenen Daten. Immer wird beim Spenden verlangt, dass man "weiß wo das Geld hingeht". Aber wo es dann wirklich hingeht und ob es sinnvoll eingesetzt wird, weiß man scheinbar nicht. Kann es auch gar nicht wissen, weil man es nicht misst, oder sinnvoll überprüft und hinterfragt. Die Interviewten leisten in diesem Fall vielleicht mehr, als so manch potenter Spender.

Teilweise Zustimmung

Es stimmt schon, die Betroffenen wissen selbst am besten, was sie benötigen und sollten daher unbedingt in den Entscheidungsprozess über die Vergabe der Gelder einbezogen werden (nicht umsonst heißt es ja inzwischen Entwicklungszusammenarbeit und nicht mehr -hilfe). Aber zum Erreichen dieser Ziele ist eine wissenschaftliche Untermauerung doch eine gute Sache, schließlich ist der Mensch nun einmal nur begrenzt rational und das populärste Projekt ist sicher oft nicht das mit den langfristig besten Auswirkungen.