Das Schicksal, das alle Eltern fürchten, hat in diesem Fall Christiane Benson ereilt. Christiane ist acht Jahre alt, hat lange braune Haare und ein glucksendes Lachen. Und sie stirbt langsam – vergiftet von Stoffen, die ihr eigener Körper produziert: Ceroid-Lipofuszinen . Die wachsartigen Substanzen entstehen beim Stoffwechsel in den Zellen. Normalerweise werden sie abgebaut, doch bei Christiane Benson führt ein Enzymfehler dazu, dass sie sich im Gewebe ablagern. Für die Gehirnzellen ist das toxisch – es tötet sie.

Als Erstes wurde Christiane blind. Als Nächstes werden wohl epileptische Anfälle folgen. Und mit jedem Monat, den sie lebt, wird ihr Gehirn weiter zerfallen. Allmählich wird sie nicht mehr sprechen, essen, laufen und atmen können. Irgendwann um ihren 20. Geburtstag wird sie vermutlich sterben. "Das Ende ist grausam", sagt Christianes Mutter, Charlotte Benson. Es gibt bisher keine Heilungsmöglichkeit.

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Verursacht wird Christianes Krankheit durch einen winzigen Fehler in ihrem Erbgut. Solche Fehler sind häufig. Studien zeigen, dass jeder von uns 250 bis 300 davon im Genom trägt. Meist hat das keine Folgen, denn wir besitzen von jedem Gen zwei Varianten – ist eine Fassung schadhaft, arbeitet der Körper mit der anderen. Zeugen aber zwei Menschen, die zufällig den gleichen Fehler im Erbgut aufweisen, ein Kind, besteht ein 25-prozentiges Risiko, dass dieses sowohl vom Vater als auch von der Mutter das defekte Gen mitbekommt. Dann wird es meist krank.

Damit soll es bald vorbei sein. Angespornt von einer Stiftung, die Christiane Bensons Eltern eingerichtet haben, hat ein US-Forscher vor Kurzem einen neuen Test für Paare mit Kinderwunsch entwickelt. Vor der Zeugung können sie prüfen lassen, ob sie eine von 448 Erbkrankheiten in den Genen tragen. Ist dies der Fall, stehen ihnen mehrere Methoden zur Verfügung, die Natur auszutricksen und in jedem Fall ein gesundes Kind zur Welt zu bringen. Die Präimplantationsdiagnostik, die in Deutschland nun in Ausnahmefällen erlaubt wird , ist eine davon. Willkommen im ethischen Labyrinth der Fortpflanzungsmedizin.

Der Gentest für Paare ist nur der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die die einen mit Schrecken und die anderen mit Hoffnung erfüllt: Der Mensch bringt die Zufälle der Fortpflanzung mehr und mehr unter Kontrolle.

Wir bestimmen heute mit Verhütungsmitteln , wann wir uns vermehren und wann nicht. Wir haben Techniken entwickelt, mit denen Menschen Kinder kriegen können, obwohl sie unfruchtbar sind. Und zunehmend beeinflussen wir auch, was für ein Kind zur Welt kommt.

Ergibt etwa der Gentest, dass ein Paar tatsächlich Erbkrankheiten weitergeben kann, kann es stattdessen von Ärzten einen Embryo im Reagenzglas kreieren und sichten lassen, um sicherzustellen, dass er gesund ist, bevor die Frau ihn austrägt. Solche und andere Reproduktionstechniken (siehe Infografik rechts) halfen weltweit bereits bei der Zeugung von geschätzt rund vier Millionen Babys. Abermillionen weitere werden jedes Jahr natürlich gezeugt, verdanken aber ihr Dasein der Tatsache, dass sie jene Qualitätskontrolle – die "pränatalen Tests" – überstanden haben, der wir heute fast jeden Embryo unterziehen. 

Kollektiv verhindern diese Verfahren viel Leid. Die Neuronale Ceroid-Lipofuszinose etwa, an der Christiane leidet, ist nur eine von rund 6.000 Krankheiten, die durch fehlerhafte DNA vererbt werden. Sie verursachen weltweit jeden fünften Tod im Kleinkindalter und jede zehnte Einweisung in ein Kinderhospital. Aber die Techniken könnten auch auf den Kopf stellen, was Fortpflanzung biologisch und sozial bedeutet.