Nur ein Wort pro Atemzug. Die fünf Meter zur Toilette müssen in einer Viertelstunde zurückgelegt werden. Das Binden der Schnürsenkel soll mindestens zehn Minuten dauern. So lauten die Vorgaben für das Zeitlupenseminar von George Pennington, das er in Lenzwald in Oberbayern abhält. Fünf Tage Zeit müssen die Teilnehmer mitbringen, um zu lernen, sich in Zeitlupe zu bewegen und ihre Aufmerksamkeit wieder zu kontrollieren.

Das Seminar ist als Extrembehandlung für gestresste Seelen gedacht. Für Menschen, die an Krankheiten leiden, die es vor zehn Jahren noch nicht gab, die inzwischen aber um sich greifen wie eine Epidemie und nicht nur Manager, sondern längst auch normale Angestellte oder Jugendliche erfassen. Die Betroffenen leiden an einer Überdosis Information , sie leiden an E-Mail, Facebook und an ihrem Smartphone .

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In Lenzwald sind sie auf Entzug. Kein Handy, kein Telefon, kein Internet. Der erste Tag des Zeitlupenseminars sei der schwierigste, sagt der studierte Psychologe Pennington, »viele Menschen haben Angst vor der Langsamkeit«. Diejenigen, die das Seminar am nötigsten hätten, melden sich an und sagen drei Wochen vorher wieder ab. Diejenigen aber, die das Zeitlupenseminar besuchen, wollen am dritten Tag nicht mehr aufhören.

Die Möglichkeit, andauernd und überall online zu sein, kann Freundschaften bereichern und die Arbeit erleichtern. Sie kann aber auch krank machen. Mediziner und Psychologen beginnen die Grenze zwischen dem Normalzustand und dem Pathologischen auszuloten. Sie beginnen zu verstehen, wann aus dem Netzbürger ein Netzkranker wird und wie man ihn therapieren kann. In den kommenden Jahren werden sie viel zu tun haben.

Anfangs waren da nur die Manager mit ihren BlackBerrys. Damals, 2006, wurden sie noch belächelt. Eine winzige Tastatur, ein winziger Bildschirm, Hauptsache online, es erschien albern; der kann nicht abschalten, dachten andere. Heute rufen diejenigen Verwunderung hervor, die kein mobiles Internet haben. Vom Handwerker über den Verwaltungsbeamten bis zum Theaterregisseur, wer mit seinem Handy nicht online ist, gilt zunehmend als Exot. Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens comScore sind knapp 30 Prozent der Handybesitzer inzwischen mit einem Smartphone unterwegs, im vergangenen Jahr stieg der Anteil um 65 Prozent. Das Phänomen hat eine neue Dimension erreicht: das Privatleben.

Aber was ist noch normal, und was ist krank? Der Kollege, der in der Teamsitzung immer wieder verstohlen auf sein Handy schielt: süchtig? Die Freundin, die das Schmusen wegen einer neuen SMS unterbricht: beziehungsgestört? Man selbst, weil man immer noch kein Smartphone besitzt: borniert?

Robindro Ullah zum Beispiel verbringt fast jede freie Minute im Netz, und es stört ihn nicht. Der 32-Jährige leitet eine Abteilung bei der Deutschen Bahn und hat sein Leben so organisiert, dass es keine Leerlaufzeiten mehr gibt. »Wenn ich beim Arzt im Wartezimmer bin«, sagt er, »dann verfolge ich mit meinem Smartphone die Meldungen von Bekannten über Twitter und beobachte bei Facebook, was die Freunde machen.« Von Sucht könne keine Rede sein. »Ich nutze die Vorteile, die der Fortschritt mit sich bringt.«

Der 33-jährige PR-Manager Benjamin Nickel ruft drei Nachrichtenportale mehrmals täglich ab, dazu Dutzende Blogs und Twitter-Feeds; fünf Newsletter hat er abonniert, die ihn über »Breaking News« informieren. Er sagt: »In der Sauna und wenn ich schlafe, da bin ich offline. Sonst bin ich immer online.« Und warum auch nicht? »Ich habe die Möglichkeit, immer unmittelbar vernetzt und informiert zu sein. Warum sollte ich das nicht ausnutzen?«

Tatsächlich ist nicht jeder krank, der dauernd mit seinem Smartphone spielt. Dass Soziale Netzwerke uns zu emotionalen Analphabeten machen, ist ebenso widerlegt. Nach medizinischen Maßstäben spricht man erst dann von einer manifesten Erkrankung, wenn die Patienten selbst das Gefühl haben, dass ihr Verhalten nicht richtig ist – oder wenn sie ihr übriges Leben nicht mehr im Griff haben.