PsychologieDas On-Leid

Mit der Verbreitung von Smartphones wird die Informationsflut allgegenwärtig – und der Mangel an Aufmerksamkeit zur Epidemie. Wie viel online macht krank?

Nur ein Wort pro Atemzug. Die fünf Meter zur Toilette müssen in einer Viertelstunde zurückgelegt werden. Das Binden der Schnürsenkel soll mindestens zehn Minuten dauern. So lauten die Vorgaben für das Zeitlupenseminar von George Pennington, das er in Lenzwald in Oberbayern abhält. Fünf Tage Zeit müssen die Teilnehmer mitbringen, um zu lernen, sich in Zeitlupe zu bewegen und ihre Aufmerksamkeit wieder zu kontrollieren.

Das Seminar ist als Extrembehandlung für gestresste Seelen gedacht. Für Menschen, die an Krankheiten leiden, die es vor zehn Jahren noch nicht gab, die inzwischen aber um sich greifen wie eine Epidemie und nicht nur Manager, sondern längst auch normale Angestellte oder Jugendliche erfassen. Die Betroffenen leiden an einer Überdosis Information , sie leiden an E-Mail, Facebook und an ihrem Smartphone .

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ZEIT Wissen 5/2011
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

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In Lenzwald sind sie auf Entzug. Kein Handy, kein Telefon, kein Internet. Der erste Tag des Zeitlupenseminars sei der schwierigste, sagt der studierte Psychologe Pennington, »viele Menschen haben Angst vor der Langsamkeit«. Diejenigen, die das Seminar am nötigsten hätten, melden sich an und sagen drei Wochen vorher wieder ab. Diejenigen aber, die das Zeitlupenseminar besuchen, wollen am dritten Tag nicht mehr aufhören.

Die Möglichkeit, andauernd und überall online zu sein, kann Freundschaften bereichern und die Arbeit erleichtern. Sie kann aber auch krank machen. Mediziner und Psychologen beginnen die Grenze zwischen dem Normalzustand und dem Pathologischen auszuloten. Sie beginnen zu verstehen, wann aus dem Netzbürger ein Netzkranker wird und wie man ihn therapieren kann. In den kommenden Jahren werden sie viel zu tun haben.

Anfangs waren da nur die Manager mit ihren BlackBerrys. Damals, 2006, wurden sie noch belächelt. Eine winzige Tastatur, ein winziger Bildschirm, Hauptsache online, es erschien albern; der kann nicht abschalten, dachten andere. Heute rufen diejenigen Verwunderung hervor, die kein mobiles Internet haben. Vom Handwerker über den Verwaltungsbeamten bis zum Theaterregisseur, wer mit seinem Handy nicht online ist, gilt zunehmend als Exot. Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens comScore sind knapp 30 Prozent der Handybesitzer inzwischen mit einem Smartphone unterwegs, im vergangenen Jahr stieg der Anteil um 65 Prozent. Das Phänomen hat eine neue Dimension erreicht: das Privatleben.

Aber was ist noch normal, und was ist krank? Der Kollege, der in der Teamsitzung immer wieder verstohlen auf sein Handy schielt: süchtig? Die Freundin, die das Schmusen wegen einer neuen SMS unterbricht: beziehungsgestört? Man selbst, weil man immer noch kein Smartphone besitzt: borniert?

Robindro Ullah zum Beispiel verbringt fast jede freie Minute im Netz, und es stört ihn nicht. Der 32-Jährige leitet eine Abteilung bei der Deutschen Bahn und hat sein Leben so organisiert, dass es keine Leerlaufzeiten mehr gibt. »Wenn ich beim Arzt im Wartezimmer bin«, sagt er, »dann verfolge ich mit meinem Smartphone die Meldungen von Bekannten über Twitter und beobachte bei Facebook, was die Freunde machen.« Von Sucht könne keine Rede sein. »Ich nutze die Vorteile, die der Fortschritt mit sich bringt.«

Der 33-jährige PR-Manager Benjamin Nickel ruft drei Nachrichtenportale mehrmals täglich ab, dazu Dutzende Blogs und Twitter-Feeds; fünf Newsletter hat er abonniert, die ihn über »Breaking News« informieren. Er sagt: »In der Sauna und wenn ich schlafe, da bin ich offline. Sonst bin ich immer online.« Und warum auch nicht? »Ich habe die Möglichkeit, immer unmittelbar vernetzt und informiert zu sein. Warum sollte ich das nicht ausnutzen?«

Tatsächlich ist nicht jeder krank, der dauernd mit seinem Smartphone spielt. Dass Soziale Netzwerke uns zu emotionalen Analphabeten machen, ist ebenso widerlegt. Nach medizinischen Maßstäben spricht man erst dann von einer manifesten Erkrankung, wenn die Patienten selbst das Gefühl haben, dass ihr Verhalten nicht richtig ist – oder wenn sie ihr übriges Leben nicht mehr im Griff haben.

Leser-Kommentare
  1. 1. zwang

    Es ist ja nicht so, als ob man eine Chance hätte. Die studenten haben kein Bachelor eingeführt und die Schüler nicht das turboabi.
    Privat will ich aber nichtmehr ohne meine Technik. Es ist einfac nett die Dinge schnell erledigen zu können, für die man früher viel länger gebraucht hat.
    Und mal im ernst: wenn ich Ein leben auf dem Lebensstandard meiner Eltern führen wollte, dann braucht man den ganzen Kram auch nicht, denn wenn man wenig konsumiert, braucht man weniger Geld.
    Pausen und Auszeiten sind wichtig und Man darf halt kein rückgratloser Mitläufer sein und auf die Frage: "warum biste Net ans Tel gegangen? Ich hab die ganze Zeit versucht anzurufen." antworten: Jo ich hab mein Handy Net immer an. Ohne weitere Begründung :)

    via ZEIT ONLINE plus App

  2. 2. zwang

    Es ist ja nicht so, als ob man eine Chance hätte. Die studenten haben kein Bachelor eingeführt und die Schüler nicht das turboabi.
    Privat will ich aber nichtmehr ohne meine Technik. Es ist einfac nett die Dinge schnell erledigen zu können, für die man früher viel länger gebraucht hat.
    Und mal im ernst: wenn ich Ein leben auf dem Lebensstandard meiner Eltern führen wollte, dann braucht man den ganzen Kram auch nicht, denn wenn man wenig konsumiert, braucht man weniger Geld.
    Pausen und Auszeiten sind wichtig und Man darf halt kein rückgratloser Mitläufer sein und auf die Frage: "warum biste Net ans Tel gegangen? Ich hab die ganze Zeit versucht anzurufen." antworten: Jo ich hab mein Handy Net immer an. Ohne weitere Begründung :)

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  3. ... diesen wunderbar verfassten artikel. Er trifft das problem im kern, verfolgt gute argumentationslinien, weitet das feld gut aus.
    Ich denke, viele würden sich wiedererkennen, ich selbst musste manchmal zusammenzucken. Weitere private anekdoten und erfahrungen anzubringen, wäre absolut redundant.

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    • sevens
    • 13.09.2011 um 21:07 Uhr

    macht dick?

    Warum stellt die ZEIT so plakative, pseudowissenschaftliche Fragen, die außer Acht lassen, daß man die Wirklichkeit etwas differenzierter betrachten sollte, als das so mancher Journalist gerne hätte?

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  4. Ich finde, nicht nur die Gesellschaft muss sich darauf einstellen, sondern auch die Wissenschaft.

    Was mich an der vermeintlichen "Internetsucht" bzw. der Diagnose stört ist, dass überhaupt nicht belegt wird, inwiefern das Internet hier das Problem sein soll. Letztlich könnte man mit den klassischen Merkmalen der Internetsucht auch einen Journalisten oder Politiker beschreiben, vielleicht sogar eine Leseratte oder eben jeden, der irgendwas dauernd macht.

    Seine Post mitten in der Nacht zu beantworten ist schräg, geht aber auch mit Briefpost und sowas hat es bestimmt früher auch gegeben. Das ein Cheffe kolabiert, wenn sein Telefon ausfällt, hat auch nichts mit dem Telefon zu tun. In der Regel kann er sich direkt ein neues kaufen, oder das Telefon eines Kollegen verwenden...

    Ich glaube die Internetsuchtgeschichte nicht. Das ist genau so, als würde man eine Atemsucht beschreiben.

    Vielleicht gibt es vielmehr so etwas wie eine Diagnosesucht? Alles kann man zur Krankheit umlabeln. Es nervt langsam.

    Und wenn man schon entschleunigt, dann bitte sinnvoll. 15 Minuten zum Klo sind quatsch. Die anderen Übungen ok, aber an dieser Übung sieht man schon, ganz gesund ist der Behandler auch nicht...

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    • sepuga
    • 13.09.2011 um 22:31 Uhr

    .. kann heute auch noch gelten, oft ist eben weniger mehr. Vor allem muss man es differenzierter betrachten, wenn das Internet so Druck ausübt, dass man nicht schlafen kann oder es die Konzentration stört, ist es sicherlich schädlich. Doch oft kommt der Druck nicht vom Internet.. es ist auch der Arbeitgeber oder die Freunde die einen drängen ständig online zu sein.

    Doch muss jeder selber wissen wie er mit dem Medium verantwortungsvoll umgeht immerhin gab es ja auch im Artikel ein Beispiel für Selbstheilung, denn wir wir alle wissen:
    "Dosis facit venenum." (Die Dosis macht das Gift)

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    als das, was ich ihm zugestehe. Wenn sich der Joachim Jung im Artikel beim Einstellen von Inhalten abends bei Facebook durch ihn ansprechende "Freunde" unter Druck gesetzt fühlt, ist es an der Zeit sich zu fragen, ob die Welpenbilder oder die neue Doku eines Projekts tatsächlich nach Feierabend rein müssen. Und die Frage, ob man tatsächlich Spass hat, nachts Mails zu beantworten, muss jeder für sich entscheiden.

    Ich halte es wie Benjamin Nickel im Artikel und lebe mit den Vorzügen des Onlineseins sehr gut. Ich bin selten off, gehe allerdings mit den Kindern z.B. bewußt offline auf Kurzreisen und nutze mit ihnen Karten statt SatNav. Das sind aber bewußte Momente, die in einem online-Alltag existieren und für die nötige Ruhe sorgen.

    Ohne die Flexibilität und die Informationsvielfalt, wäre ich nicht in der Lage so zu leben, wie ich es tue. Allerdings ist es dabei an mir, Grenzen zu ziehen und die ziehe ich beruflich ganz klar.

    Das zu problematisieren weigere ich mich, denn wenn ich diese Flexibilität nicht hätte, die durch das Netz für mich existiert, könnte ich mich nicht in dem Maße meiner Familie widmen und trotzdem meine Arbeit zuverlässig erledigen, denn das 9-5-Schema würde mir Hürden aufbauen, die ich so nicht kenne.

    als das, was ich ihm zugestehe. Wenn sich der Joachim Jung im Artikel beim Einstellen von Inhalten abends bei Facebook durch ihn ansprechende "Freunde" unter Druck gesetzt fühlt, ist es an der Zeit sich zu fragen, ob die Welpenbilder oder die neue Doku eines Projekts tatsächlich nach Feierabend rein müssen. Und die Frage, ob man tatsächlich Spass hat, nachts Mails zu beantworten, muss jeder für sich entscheiden.

    Ich halte es wie Benjamin Nickel im Artikel und lebe mit den Vorzügen des Onlineseins sehr gut. Ich bin selten off, gehe allerdings mit den Kindern z.B. bewußt offline auf Kurzreisen und nutze mit ihnen Karten statt SatNav. Das sind aber bewußte Momente, die in einem online-Alltag existieren und für die nötige Ruhe sorgen.

    Ohne die Flexibilität und die Informationsvielfalt, wäre ich nicht in der Lage so zu leben, wie ich es tue. Allerdings ist es dabei an mir, Grenzen zu ziehen und die ziehe ich beruflich ganz klar.

    Das zu problematisieren weigere ich mich, denn wenn ich diese Flexibilität nicht hätte, die durch das Netz für mich existiert, könnte ich mich nicht in dem Maße meiner Familie widmen und trotzdem meine Arbeit zuverlässig erledigen, denn das 9-5-Schema würde mir Hürden aufbauen, die ich so nicht kenne.

  5. Bin selbst abhängig. Zwar nur ein Frühstadium, daher bin auch froh, kein Smartphone zu besitzen, sonst wäre es wohl um mich geschehen. Aber ich kann das gut nachvollziehen.

    "Aber mich setzte es unter Druck. Ich hatte das Gefühl, dann müsse ich ihnen auch antworten."

    Geht mir häufig auch so. Eines der ersten Dinge, die ich tue, wenn ich nach Hause komme, ist es, den PC anzuschalten. Sofort auf meine 10 präferierten Seiten surfen und dann ist es auch schon geschehen. Ich kann täglich mehrere Stunden damit zubringen. Zum Glück ist die Sucht noch kontrollierbar und ich kann auch mal 2 Wochen ohne Internet auskommen. Aber spätestens wenn ich zurück aus dem Urlaub bin, habe ich das Gefühl, dass mir etwas fehlt und ich viel verpasst habe. Ich glaube, dass ich da ein ganz harmloser Fall bin und es gibt sicher Leute, um die es schlimmer bestellt ist.

    Daher kann ich nur dazu raten:
    Gesteht euch das ein und versucht euch zu beschränken! Oder lasst euch helfen! Das muss nicht ausarten und weniger ist meist mehr. :-)

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    • rvn
    • 14.09.2011 um 10:32 Uhr

    sehe ich mich selbst auch. Bei mir kommt aber noch hinzu, dass ich zwar die zehn wichtigsten Seiten ansurfe, aber danach merke, dass ich eigentlich gar nichts gelesen habe, was ich lesen will, bzw. ich habe halt "rumgesurft" und irgendwie nichts behalten, was ich gelesen habe.

    Es ist irgendwie komisch, man springt von Thema zu Thema, und landet bei Artikeln, die einen gar nicht interessieren. Irgendwie braucht man dieses schnelle Umschalten zwischen Informationen aber dann auch, es macht süchtig. Man fühlt sich unwohl, wenn man nicht schnell zwischen verschiedenen Sachen herumspringen kann.

    Wenn ich mal 5 Minuten dasitze und nichts tue, vieleicht sogar versuche zu meditieren, werde ich unruhig. Oft lese ich auch nur noch die Überschriften von Zeitungsartikeln, weil ich schon an der nächsten Nachricht interessiert bin. Ein Buch wie "Erich Fromm - Haben oder Sein" zu lesen, ist schon eine echte Anstrengung. Erstens bleibt es beim Thema, zweitens enthält der Text keine Bilder, und drittens ist es eine nicht leicht verständliche, philosophische Schrift.

    Ich denke, man sollte Zeiten haben, wo man sich zwingt, kein Internet zu haben, und wo man sich auf ein Buch o.ä. konzentriert.

    • rvn
    • 14.09.2011 um 10:32 Uhr

    sehe ich mich selbst auch. Bei mir kommt aber noch hinzu, dass ich zwar die zehn wichtigsten Seiten ansurfe, aber danach merke, dass ich eigentlich gar nichts gelesen habe, was ich lesen will, bzw. ich habe halt "rumgesurft" und irgendwie nichts behalten, was ich gelesen habe.

    Es ist irgendwie komisch, man springt von Thema zu Thema, und landet bei Artikeln, die einen gar nicht interessieren. Irgendwie braucht man dieses schnelle Umschalten zwischen Informationen aber dann auch, es macht süchtig. Man fühlt sich unwohl, wenn man nicht schnell zwischen verschiedenen Sachen herumspringen kann.

    Wenn ich mal 5 Minuten dasitze und nichts tue, vieleicht sogar versuche zu meditieren, werde ich unruhig. Oft lese ich auch nur noch die Überschriften von Zeitungsartikeln, weil ich schon an der nächsten Nachricht interessiert bin. Ein Buch wie "Erich Fromm - Haben oder Sein" zu lesen, ist schon eine echte Anstrengung. Erstens bleibt es beim Thema, zweitens enthält der Text keine Bilder, und drittens ist es eine nicht leicht verständliche, philosophische Schrift.

    Ich denke, man sollte Zeiten haben, wo man sich zwingt, kein Internet zu haben, und wo man sich auf ein Buch o.ä. konzentriert.

  6. Das Thema ist wichtig. Und die Sucht oder das Problem fängt da an, wo es einen Kontrollverlust gibt, wo man also nicht mehr selbst entscheidet und autonom, emanzipiert mit diesen Dingern umgeht. Oder wo der Zwang wächst, sich permanent online herumzutreiben. Bzw. das Gefühl, ständig unterhalten werden zu wollen, ständig in Kontakt sein zu wollen, virtuell. Oder zu fliehen vor Einsamkeit und Leere in den virtuellen Raum, sich dort zu zerstreuen, zu unterhalten ...

    Es fehlt ein aus meiner Sicht wichtiger Aspekt: die Vergeudung von Zeit. Es geht ja kaum um Informiertsein, im qualitativen Sinne, sondern es geht darum, einem Wust von Informationen auf der Spur zu sein, in Echtzeit möglichst, und damit das irrige Gefühl zu haben, am Puls der Zeit zu sein und alles mitzubekommen. De facto ist es aber so, wie der Wettlauf zwischen Hase und Igel ... der Igel ist immer schon da, egal wie schnell der Hase rennt. Man weiss ja, wie's endet.

    Es wäre also sinnvoll, sich zu fragen, was dieser ganze Rausch, diese Jagd und Hetze bringt?

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