Psychologie Das On-Leid

Mit der Verbreitung von Smartphones wird die Informationsflut allgegenwärtig – und der Mangel an Aufmerksamkeit zur Epidemie. Wie viel online macht krank?

Nur ein Wort pro Atemzug. Die fünf Meter zur Toilette müssen in einer Viertelstunde zurückgelegt werden. Das Binden der Schnürsenkel soll mindestens zehn Minuten dauern. So lauten die Vorgaben für das Zeitlupenseminar von George Pennington, das er in Lenzwald in Oberbayern abhält. Fünf Tage Zeit müssen die Teilnehmer mitbringen, um zu lernen, sich in Zeitlupe zu bewegen und ihre Aufmerksamkeit wieder zu kontrollieren.

Das Seminar ist als Extrembehandlung für gestresste Seelen gedacht. Für Menschen, die an Krankheiten leiden, die es vor zehn Jahren noch nicht gab, die inzwischen aber um sich greifen wie eine Epidemie und nicht nur Manager, sondern längst auch normale Angestellte oder Jugendliche erfassen. Die Betroffenen leiden an einer Überdosis Information, sie leiden an E-Mail, Facebook und an ihrem Smartphone.

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ZEIT Wissen 5/2011
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In Lenzwald sind sie auf Entzug. Kein Handy, kein Telefon, kein Internet. Der erste Tag des Zeitlupenseminars sei der schwierigste, sagt der studierte Psychologe Pennington, »viele Menschen haben Angst vor der Langsamkeit«. Diejenigen, die das Seminar am nötigsten hätten, melden sich an und sagen drei Wochen vorher wieder ab. Diejenigen aber, die das Zeitlupenseminar besuchen, wollen am dritten Tag nicht mehr aufhören.

Die Möglichkeit, andauernd und überall online zu sein, kann Freundschaften bereichern und die Arbeit erleichtern. Sie kann aber auch krank machen. Mediziner und Psychologen beginnen die Grenze zwischen dem Normalzustand und dem Pathologischen auszuloten. Sie beginnen zu verstehen, wann aus dem Netzbürger ein Netzkranker wird und wie man ihn therapieren kann. In den kommenden Jahren werden sie viel zu tun haben.

Anfangs waren da nur die Manager mit ihren BlackBerrys. Damals, 2006, wurden sie noch belächelt. Eine winzige Tastatur, ein winziger Bildschirm, Hauptsache online, es erschien albern; der kann nicht abschalten, dachten andere. Heute rufen diejenigen Verwunderung hervor, die kein mobiles Internet haben. Vom Handwerker über den Verwaltungsbeamten bis zum Theaterregisseur, wer mit seinem Handy nicht online ist, gilt zunehmend als Exot. Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens comScore sind knapp 30 Prozent der Handybesitzer inzwischen mit einem Smartphone unterwegs, im vergangenen Jahr stieg der Anteil um 65 Prozent. Das Phänomen hat eine neue Dimension erreicht: das Privatleben.

Aber was ist noch normal, und was ist krank? Der Kollege, der in der Teamsitzung immer wieder verstohlen auf sein Handy schielt: süchtig? Die Freundin, die das Schmusen wegen einer neuen SMS unterbricht: beziehungsgestört? Man selbst, weil man immer noch kein Smartphone besitzt: borniert?

Robindro Ullah zum Beispiel verbringt fast jede freie Minute im Netz, und es stört ihn nicht. Der 32-Jährige leitet eine Abteilung bei der Deutschen Bahn und hat sein Leben so organisiert, dass es keine Leerlaufzeiten mehr gibt. »Wenn ich beim Arzt im Wartezimmer bin«, sagt er, »dann verfolge ich mit meinem Smartphone die Meldungen von Bekannten über Twitter und beobachte bei Facebook, was die Freunde machen.« Von Sucht könne keine Rede sein. »Ich nutze die Vorteile, die der Fortschritt mit sich bringt.«

Der 33-jährige PR-Manager Benjamin Nickel ruft drei Nachrichtenportale mehrmals täglich ab, dazu Dutzende Blogs und Twitter-Feeds; fünf Newsletter hat er abonniert, die ihn über »Breaking News« informieren. Er sagt: »In der Sauna und wenn ich schlafe, da bin ich offline. Sonst bin ich immer online.« Und warum auch nicht? »Ich habe die Möglichkeit, immer unmittelbar vernetzt und informiert zu sein. Warum sollte ich das nicht ausnutzen?«

Tatsächlich ist nicht jeder krank, der dauernd mit seinem Smartphone spielt. Dass Soziale Netzwerke uns zu emotionalen Analphabeten machen, ist ebenso widerlegt. Nach medizinischen Maßstäben spricht man erst dann von einer manifesten Erkrankung, wenn die Patienten selbst das Gefühl haben, dass ihr Verhalten nicht richtig ist – oder wenn sie ihr übriges Leben nicht mehr im Griff haben.

So war es bei Joachim Jung*. Der 39-Jährige leitet seit sechs Jahren zusammen mit seinem Vater ein mittelständisches Unternehmen. »Wir haben eine Menge Kunden im Ausland, viele von ihnen in den USA. Wenn es hier mitten in der Nacht ist, schicken sie dort am späten Nachmittag häufig noch eine E-Mail mit Fragen. Das war erst einmal kein Problem«, sagt er. Er beantwortete sie einfach am nächsten Morgen, einen E-Mail-Zugang hatte er nur im Büro. Nach einem Software-Update konnte er aber auch von zu Hause aus Mails abrufen. »Ich schaute manchmal vorm Schlafengehen, was mich am nächsten Morgen erwartet. Oft antwortete ich dann gleich«, sagt Jung. Die Probleme begannen vor zwei Jahren.

»Ich war schon einige Zeit bei Facebook und mit vielen Geschäftspartnern dort auch befreundet«, erzählt Jung. »In den USA geht das ziemlich schnell.« Als er sich ein Smartphone mit einer mobilen Internetflatrate zulegte, hielt er das für einen Fortschritt. »Ich konnte jederzeit sehen, wenn es etwas gab. Auch wenn ich unterwegs war. Das war beruhigend.« Er reagierte, wenn es notwendig war. Doch bald geriet er unter Druck: »Ich war ziemlich aktiv in der Kommunikation mit Freunden über Facebook, auch abends.« Aber wenn er etwas auf seiner Seite veröffentlichte, wusste er, dass auch die Geschäftspartner sahen, dass er noch online war. »Das ist von deren Seite vielleicht kein Problem. Aber mich setzte es unter Druck. Ich hatte das Gefühl, dann müsse ich ihnen auch antworten.« Die Trennung zwischen Privatleben und Arbeit weichte auf, »sie existierte eigentlich gar nicht mehr«, sagt Joachim Jung.

Bald konnte er mit Freunden nicht mehr entspannt kommunizieren. »Geschäftlich kam es zu einem Tief, das hatte damit natürlich nichts zu tun, aber ich bildete mir ein, dass ich es besser machen könnte, wenn ich schnell antworte«, sagt Jung. Manchmal wachte er nachts auf und checkte sein Handy nach neuen Nachrichten. Einmal ging er während eines Films aus dem Kino, weil er auf eine Antwort aus den USA wartete. »Ich konnte nicht mehr schlafen und mich nicht mehr auf mein Umfeld konzentrieren. Ich wartete förmlich auf das Vibrieren in meiner Hosentasche.« Wo immer er war, er war nur halb anwesend. Schließlich trennte sich seine Lebensgefährtin von ihm. Sie brauche einen Mann, der ganz bei ihr sei, sagte sie zur Begründung. Jung dagegen sei »wie ein Geist«. Das war der Wendepunkt.

Jung meldete sich von Facebook ab. Er löschte den E-Mail-Zugang vom Privatcomputer zu Haus. Das Smartphone hat er zwar behalten, aber er geht darüber nicht mehr ins Internet. »Es war erst einmal sehr schwer, aber die Trennung hatte mich wachgerüttelt«, sagt Jung. Seine Beziehung hat er nicht mehr retten können, doch er fühlte sich besser.

»Jung war krank und therapierte sich selbst«, erklärt Michael Immelmann, Psychologe an den Fachkliniken Nordfriesland, »so geht es wahrscheinlich vielen.« Wie vielen, darüber lässt sich nur spekulieren. Die Dunkelziffer der Menschen, deren Internet- und Handykonsum schon als krankhaft bezeichnet werden kann, ist hoch. »Die Grenzen sind schwer zu ziehen«, sagt Immelmann. Wer vier Stunden am Tag auf Facebook verbringe, komme normalerweise nicht auf die Idee, ein Problem zu haben, das behandelt werden muss. »Was jemand in seiner Freizeit macht, das wissen allenfalls noch die Angehörigen, und auch die haben nur begrenzten Einblick«, sagt Immelmann. Unter den Betroffenen selbst überwiegt die Euphorie über die neuen Möglichkeiten. Das Gefühl, permanent mit seinen Freunden, Verwandten oder Mitarbeitern verbunden zu sein, übt eine Faszination aus, der man sich anfangs nur schwer entziehen kann.

Erst langsam entwickelt sich ein Bewusstsein für all jene Probleme, die diese neue Stufe der Vernetzung der vergangenen zwei, drei Jahre mit sich bringt. Was, wenn nicht mehr wir unser Smartphone dirigieren, sondern wenn wir von ihm dirigiert werden? Für das, was wir bekommen, müssen wir auch etwas geben: Aufmerksamkeit. Wer sich bei Facebook nie an Diskussionen beteiligt, darf kaum persönliche Nachrichten erwarten. Um Teilhabe zu bekommen, muss man auch teilen. Und das kann negative Folgen haben.

Eine im Mai veröffentlichte Studie des US-Marktforschungsunternehmens United Sampler ergab, dass Soziale Netzwerke wie Facebook für 60 Prozent der Arbeitsunterbrechungen verantwortlich sind. 45 Prozent der Befragten könnten nur 15 Minuten lang ungestört arbeiten, bevor die nächste Meldung ihre Aufmerksamkeit fordere. Pro Tag gehe dadurch eine Stunde verloren, das entspreche 10.375 Dollar Gehalt pro Arbeitnehmer im Jahr.

Unterschiedlichen Studien zufolge brauchen wir nach einer Ablenkung von 30 Sekunden zwischen fünf und 15 Minuten, um wieder konzentriert bei der Sache zu sein. Und an Ablenkung mangelt es nicht. »Mit dem Smartphone hat jeder die ständigen Unterbrechungen in der Tasche, die um unsere Aufmerksamkeit kämpfen«, sagt der Leipziger Philosoph Christoph Türcke, der ein Buch namens Erregte Gesellschaft geschrieben hat. »Jedes Mal, wenn wir unterwegs digital kommunizieren, fördern wir die Entwicklung zu dieser Unterbrechungsgesellschaft noch.« Viele Menschen lebten in einem Stand-by-Modus.

Unser Gehirn stellt sich ein Stück weit auf dieses Informationsrauschen ein. »Aber die Leistungsfähigkeit des Gehirns hat auch sehr enge Grenzen«, sagt der Hirnforscher Gerald Hüther von der Universität Göttingen. »Multitasking geht zulasten von Gedächtnis und Lernfähigkeit.«

»Weil die Informationen so bruchstückhaft sind, so kleinteilig, können wir kaum noch etwas Zusammenhängendes nachhaltig erfassen«, sagt Christoph Türcke. Ohne es zu merken, seien wir »fragmentierte Menschen« geworden: Bei einer Suchanfrage wirft uns Google Tausende Fragmente hin. Das »Wischen« auf den Touchscreens der Smartphones verbildlicht unser anschließendes Vorgehen: Eine hastige Handbewegung, und wir holen etwas aus den Tiefen des Netzes herbei – eine weitere, und wir wischen es wieder weg.

Der amerikanische Psychiater Edward Hallowell spricht bereits von einem Attention Deficit Trait (ADT), einem Aufmerksamkeitsdefizit-Charakterzug. Kaum hat man einen klaren Gedanken gefasst, wendet sich die Aufmerksamkeit dem nächsten digitalen Informationshappen zu. Und wenn dieser ausbleibt, leiden wir unter Entzug. Nomophobie, abgeleitet von »no mobile phone«, nennen die Briten die Angst, ohne Mobiltelefon zu sein. Einer Umfrage der britischen Post zufolge wird jeder Zehnte unruhig, wenn das Telefon auch nur ausgeschaltet ist. Es wäre keine Überraschung, wenn der Begriff demnächst in den medizinischen Fachbüchern auftauchte.

Mediziner ordnen das überzogene Kommunikations- und Informationsbedürfnis in die Gruppe der Suchterkrankungen ein. Die Symptome sind ähnlich wie die von Alkohol- und Nikotinsucht, darunter starkes Verlangen, innerer Zwang, Kontrollverlust, Entzugserscheinungen. Studien zufolge leiden drei Prozent der Bevölkerung inzwischen unter Internetsucht, die Zahlen für Handysucht seien wohl ähnlich, vermutet der Psychologe Michael Immelmann, die ersten Untersuchungen dazu sind noch nicht abgeschlossen.

Ein Paradebeispiel für die Nebenwirkungen der Online-Droge ist der handysüchtige Manager, der unlängst kollabierte, nachdem er sein Mobiltelefon verloren hatte. Oder der Internetsüchtige, der monatelang statt in die Schule ins Internetcafé ging. Solche Geschichten werden gerne weitererzählt, gebloggt und getwittert, sie lenken aber davon ab, dass es zahlreiche weniger krasse Fälle gibt.

Die Betroffenen leiden unter Konzentrations- und Schlafstörungen, sie vereinsamen und vernachlässigen Familie und Beruf. »Der Anspruch der jederzeitigen Erreichbarkeit wirkt sich auch massiv auf das Sexualleben aus«, sagt der Hamburger Sexualtherapeut Wolfgang John, der in den vergangenen Jahren einen enormen Zuwachs an damit verbundenen Problemen in seiner Praxis verzeichnet hat. Mediziner und Psychologen stellen sich allmählich auf die neuen Kranken ein. Am Mainzer Universitätsklinikum wurde 2008 die bundesweit erste Ambulanz für Spiel- und Internetsucht gegründet, in Hannover kann man sich bereits stationär behandeln lassen.

Ärztliche Hilfe aber nehmen die meisten erst dann in Anspruch, wenn sie kurz vor dem Informationsinfarkt stehen. Dabei kann eine Behandlung schon viel früher Erfolg haben. Die Ärzte greifen auf Therapien zurück, die sich bei der Behandlung anderer Suchterkrankungen bewährt haben, allen voran die kognitive Verhaltenstherapie. »Wir versuchen, den Patienten ihren exzessiven Umgang mit Smartphone und Internet bewusst zu machen«, sagt Michael Immelmann. »Ist diese Voraussetzung erfüllt, müssen sie lernen, ihn mit unserer Hilfe und durch selbst gesetzte Beschränkungen und Limits zu kontrollieren.«

Für den Wirtschaftspädagogen Karlheinz Geißler ist das grundsätzliche Problem damit noch nicht gelöst. Die im klassischen Sinne Kranken seien nur Extremfälle einer Veränderung, die unsere gesamte Gesellschaft durchdrungen habe, sagt Geißler, dessen jüngstes Plädoyer für eine »neue Zeitkultur« im September als Buch erscheint. Darin kritisiert er auch die Rahmenbedingungen: Die Ausbildung sei inzwischen zu stark verdichtet, die Schulzeit verkürzt, das Studium verschult – auf dem Papier entstehe ein mustergültiger Lebenslauf, im Kopf ein Haufen ungeordnetes Wissen. Das Internet mache alles noch schlimmer.

»Die Tweets bei Twitter und die Statusmeldungen bei Facebook geben mittlerweile einen Takt vor, der Anfang und Ende nicht mehr zulässt. Stattdessen wird nur ein- und ausgeschaltet. Es gibt keine eingebetteten natürlichen Pausen mehr«, klagt Geißler und ergänzt die Liste der Therapiemaßnahmen um: Kinder. »Bis zum sechsten Lebensjahr kennen sie kein Zeitdiktat, sie schaffen sich ihre eigene Zeit.« Kinder helfen ihren Eltern, zu entschleunigen. Und sie sind die Zukunft. Wenn sie älter werden, darf man ihnen bloß nicht zu früh ein Smartphone schenken.

*Name von der Redaktion geändert.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. zwang

    Es ist ja nicht so, als ob man eine Chance hätte. Die studenten haben kein Bachelor eingeführt und die Schüler nicht das turboabi.
    Privat will ich aber nichtmehr ohne meine Technik. Es ist einfac nett die Dinge schnell erledigen zu können, für die man früher viel länger gebraucht hat.
    Und mal im ernst: wenn ich Ein leben auf dem Lebensstandard meiner Eltern führen wollte, dann braucht man den ganzen Kram auch nicht, denn wenn man wenig konsumiert, braucht man weniger Geld.
    Pausen und Auszeiten sind wichtig und Man darf halt kein rückgratloser Mitläufer sein und auf die Frage: "warum biste Net ans Tel gegangen? Ich hab die ganze Zeit versucht anzurufen." antworten: Jo ich hab mein Handy Net immer an. Ohne weitere Begründung :)

    via ZEIT ONLINE plus App

  2. 2. zwang

    Es ist ja nicht so, als ob man eine Chance hätte. Die studenten haben kein Bachelor eingeführt und die Schüler nicht das turboabi.
    Privat will ich aber nichtmehr ohne meine Technik. Es ist einfac nett die Dinge schnell erledigen zu können, für die man früher viel länger gebraucht hat.
    Und mal im ernst: wenn ich Ein leben auf dem Lebensstandard meiner Eltern führen wollte, dann braucht man den ganzen Kram auch nicht, denn wenn man wenig konsumiert, braucht man weniger Geld.
    Pausen und Auszeiten sind wichtig und Man darf halt kein rückgratloser Mitläufer sein und auf die Frage: "warum biste Net ans Tel gegangen? Ich hab die ganze Zeit versucht anzurufen." antworten: Jo ich hab mein Handy Net immer an. Ohne weitere Begründung :)

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  3. ... diesen wunderbar verfassten artikel. Er trifft das problem im kern, verfolgt gute argumentationslinien, weitet das feld gut aus.
    Ich denke, viele würden sich wiedererkennen, ich selbst musste manchmal zusammenzucken. Weitere private anekdoten und erfahrungen anzubringen, wäre absolut redundant.

    • sevens
    • 13.09.2011 um 21:07 Uhr

    macht dick?

    Warum stellt die ZEIT so plakative, pseudowissenschaftliche Fragen, die außer Acht lassen, daß man die Wirklichkeit etwas differenzierter betrachten sollte, als das so mancher Journalist gerne hätte?

  4. Ich finde, nicht nur die Gesellschaft muss sich darauf einstellen, sondern auch die Wissenschaft.

    Was mich an der vermeintlichen "Internetsucht" bzw. der Diagnose stört ist, dass überhaupt nicht belegt wird, inwiefern das Internet hier das Problem sein soll. Letztlich könnte man mit den klassischen Merkmalen der Internetsucht auch einen Journalisten oder Politiker beschreiben, vielleicht sogar eine Leseratte oder eben jeden, der irgendwas dauernd macht.

    Seine Post mitten in der Nacht zu beantworten ist schräg, geht aber auch mit Briefpost und sowas hat es bestimmt früher auch gegeben. Das ein Cheffe kolabiert, wenn sein Telefon ausfällt, hat auch nichts mit dem Telefon zu tun. In der Regel kann er sich direkt ein neues kaufen, oder das Telefon eines Kollegen verwenden...

    Ich glaube die Internetsuchtgeschichte nicht. Das ist genau so, als würde man eine Atemsucht beschreiben.

    Vielleicht gibt es vielmehr so etwas wie eine Diagnosesucht? Alles kann man zur Krankheit umlabeln. Es nervt langsam.

    Und wenn man schon entschleunigt, dann bitte sinnvoll. 15 Minuten zum Klo sind quatsch. Die anderen Übungen ok, aber an dieser Übung sieht man schon, ganz gesund ist der Behandler auch nicht...

    • sepuga
    • 13.09.2011 um 22:31 Uhr

    .. kann heute auch noch gelten, oft ist eben weniger mehr. Vor allem muss man es differenzierter betrachten, wenn das Internet so Druck ausübt, dass man nicht schlafen kann oder es die Konzentration stört, ist es sicherlich schädlich. Doch oft kommt der Druck nicht vom Internet.. es ist auch der Arbeitgeber oder die Freunde die einen drängen ständig online zu sein.

    Doch muss jeder selber wissen wie er mit dem Medium verantwortungsvoll umgeht immerhin gab es ja auch im Artikel ein Beispiel für Selbstheilung, denn wir wir alle wissen:
    "Dosis facit venenum." (Die Dosis macht das Gift)

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    als das, was ich ihm zugestehe. Wenn sich der Joachim Jung im Artikel beim Einstellen von Inhalten abends bei Facebook durch ihn ansprechende "Freunde" unter Druck gesetzt fühlt, ist es an der Zeit sich zu fragen, ob die Welpenbilder oder die neue Doku eines Projekts tatsächlich nach Feierabend rein müssen. Und die Frage, ob man tatsächlich Spass hat, nachts Mails zu beantworten, muss jeder für sich entscheiden.

    Ich halte es wie Benjamin Nickel im Artikel und lebe mit den Vorzügen des Onlineseins sehr gut. Ich bin selten off, gehe allerdings mit den Kindern z.B. bewußt offline auf Kurzreisen und nutze mit ihnen Karten statt SatNav. Das sind aber bewußte Momente, die in einem online-Alltag existieren und für die nötige Ruhe sorgen.

    Ohne die Flexibilität und die Informationsvielfalt, wäre ich nicht in der Lage so zu leben, wie ich es tue. Allerdings ist es dabei an mir, Grenzen zu ziehen und die ziehe ich beruflich ganz klar.

    Das zu problematisieren weigere ich mich, denn wenn ich diese Flexibilität nicht hätte, die durch das Netz für mich existiert, könnte ich mich nicht in dem Maße meiner Familie widmen und trotzdem meine Arbeit zuverlässig erledigen, denn das 9-5-Schema würde mir Hürden aufbauen, die ich so nicht kenne.

    als das, was ich ihm zugestehe. Wenn sich der Joachim Jung im Artikel beim Einstellen von Inhalten abends bei Facebook durch ihn ansprechende "Freunde" unter Druck gesetzt fühlt, ist es an der Zeit sich zu fragen, ob die Welpenbilder oder die neue Doku eines Projekts tatsächlich nach Feierabend rein müssen. Und die Frage, ob man tatsächlich Spass hat, nachts Mails zu beantworten, muss jeder für sich entscheiden.

    Ich halte es wie Benjamin Nickel im Artikel und lebe mit den Vorzügen des Onlineseins sehr gut. Ich bin selten off, gehe allerdings mit den Kindern z.B. bewußt offline auf Kurzreisen und nutze mit ihnen Karten statt SatNav. Das sind aber bewußte Momente, die in einem online-Alltag existieren und für die nötige Ruhe sorgen.

    Ohne die Flexibilität und die Informationsvielfalt, wäre ich nicht in der Lage so zu leben, wie ich es tue. Allerdings ist es dabei an mir, Grenzen zu ziehen und die ziehe ich beruflich ganz klar.

    Das zu problematisieren weigere ich mich, denn wenn ich diese Flexibilität nicht hätte, die durch das Netz für mich existiert, könnte ich mich nicht in dem Maße meiner Familie widmen und trotzdem meine Arbeit zuverlässig erledigen, denn das 9-5-Schema würde mir Hürden aufbauen, die ich so nicht kenne.

  5. Bin selbst abhängig. Zwar nur ein Frühstadium, daher bin auch froh, kein Smartphone zu besitzen, sonst wäre es wohl um mich geschehen. Aber ich kann das gut nachvollziehen.

    "Aber mich setzte es unter Druck. Ich hatte das Gefühl, dann müsse ich ihnen auch antworten."

    Geht mir häufig auch so. Eines der ersten Dinge, die ich tue, wenn ich nach Hause komme, ist es, den PC anzuschalten. Sofort auf meine 10 präferierten Seiten surfen und dann ist es auch schon geschehen. Ich kann täglich mehrere Stunden damit zubringen. Zum Glück ist die Sucht noch kontrollierbar und ich kann auch mal 2 Wochen ohne Internet auskommen. Aber spätestens wenn ich zurück aus dem Urlaub bin, habe ich das Gefühl, dass mir etwas fehlt und ich viel verpasst habe. Ich glaube, dass ich da ein ganz harmloser Fall bin und es gibt sicher Leute, um die es schlimmer bestellt ist.

    Daher kann ich nur dazu raten:
    Gesteht euch das ein und versucht euch zu beschränken! Oder lasst euch helfen! Das muss nicht ausarten und weniger ist meist mehr. :-)

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    • rvn
    • 14.09.2011 um 10:32 Uhr

    sehe ich mich selbst auch. Bei mir kommt aber noch hinzu, dass ich zwar die zehn wichtigsten Seiten ansurfe, aber danach merke, dass ich eigentlich gar nichts gelesen habe, was ich lesen will, bzw. ich habe halt "rumgesurft" und irgendwie nichts behalten, was ich gelesen habe.

    Es ist irgendwie komisch, man springt von Thema zu Thema, und landet bei Artikeln, die einen gar nicht interessieren. Irgendwie braucht man dieses schnelle Umschalten zwischen Informationen aber dann auch, es macht süchtig. Man fühlt sich unwohl, wenn man nicht schnell zwischen verschiedenen Sachen herumspringen kann.

    Wenn ich mal 5 Minuten dasitze und nichts tue, vieleicht sogar versuche zu meditieren, werde ich unruhig. Oft lese ich auch nur noch die Überschriften von Zeitungsartikeln, weil ich schon an der nächsten Nachricht interessiert bin. Ein Buch wie "Erich Fromm - Haben oder Sein" zu lesen, ist schon eine echte Anstrengung. Erstens bleibt es beim Thema, zweitens enthält der Text keine Bilder, und drittens ist es eine nicht leicht verständliche, philosophische Schrift.

    Ich denke, man sollte Zeiten haben, wo man sich zwingt, kein Internet zu haben, und wo man sich auf ein Buch o.ä. konzentriert.

    • rvn
    • 14.09.2011 um 10:32 Uhr

    sehe ich mich selbst auch. Bei mir kommt aber noch hinzu, dass ich zwar die zehn wichtigsten Seiten ansurfe, aber danach merke, dass ich eigentlich gar nichts gelesen habe, was ich lesen will, bzw. ich habe halt "rumgesurft" und irgendwie nichts behalten, was ich gelesen habe.

    Es ist irgendwie komisch, man springt von Thema zu Thema, und landet bei Artikeln, die einen gar nicht interessieren. Irgendwie braucht man dieses schnelle Umschalten zwischen Informationen aber dann auch, es macht süchtig. Man fühlt sich unwohl, wenn man nicht schnell zwischen verschiedenen Sachen herumspringen kann.

    Wenn ich mal 5 Minuten dasitze und nichts tue, vieleicht sogar versuche zu meditieren, werde ich unruhig. Oft lese ich auch nur noch die Überschriften von Zeitungsartikeln, weil ich schon an der nächsten Nachricht interessiert bin. Ein Buch wie "Erich Fromm - Haben oder Sein" zu lesen, ist schon eine echte Anstrengung. Erstens bleibt es beim Thema, zweitens enthält der Text keine Bilder, und drittens ist es eine nicht leicht verständliche, philosophische Schrift.

    Ich denke, man sollte Zeiten haben, wo man sich zwingt, kein Internet zu haben, und wo man sich auf ein Buch o.ä. konzentriert.

  6. Das Thema ist wichtig. Und die Sucht oder das Problem fängt da an, wo es einen Kontrollverlust gibt, wo man also nicht mehr selbst entscheidet und autonom, emanzipiert mit diesen Dingern umgeht. Oder wo der Zwang wächst, sich permanent online herumzutreiben. Bzw. das Gefühl, ständig unterhalten werden zu wollen, ständig in Kontakt sein zu wollen, virtuell. Oder zu fliehen vor Einsamkeit und Leere in den virtuellen Raum, sich dort zu zerstreuen, zu unterhalten ...

    Es fehlt ein aus meiner Sicht wichtiger Aspekt: die Vergeudung von Zeit. Es geht ja kaum um Informiertsein, im qualitativen Sinne, sondern es geht darum, einem Wust von Informationen auf der Spur zu sein, in Echtzeit möglichst, und damit das irrige Gefühl zu haben, am Puls der Zeit zu sein und alles mitzubekommen. De facto ist es aber so, wie der Wettlauf zwischen Hase und Igel ... der Igel ist immer schon da, egal wie schnell der Hase rennt. Man weiss ja, wie's endet.

    Es wäre also sinnvoll, sich zu fragen, was dieser ganze Rausch, diese Jagd und Hetze bringt?

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