Wer vor Petra Kleinschmidt an der Kasse steht, hat schon einiges hinter sich. Die Qual der Wahl zwischen zehn verschiedenen Apfelsorten zum Beispiel, die Entscheidung für eine von 80 Joghurtsorten, die prall gefüllte Käsetheke, den Tiefkühltruhen-Slalom. Doch an der Kasse des Rewe-Supermarkts Hamburg-Dehnhaide wird das Einkaufen noch einmal richtig kompliziert: Welche Einkaufstüte soll es sein?

Die einfache aus Plastik für 10 Cent, die mit den Extra-Trageschlaufen für 20 Cent oder die aus gewebtem Plastik für 99 Cent; die braune Papiertüte für 20 Cent oder die Baumwolltasche für 50 Cent? Die Obst- und Gemüsebeutel kosten gar nichts. Und seit ein paar Monaten hat Rewe auch noch "kompostierbare" Bioplastiktüten für 40 Cent im Angebot, "die kaufen diejenigen, die gegen Atomkraft demonstrieren", sagt Petra Kleinschmidt. "Gemeinsam Gutes tun" prangt auf den Tüten.

Eigentlich will man nur seinen Einkauf mit nach Hause nehmen und steht plötzlich vor der großen Frage nach einem verantwortungsvollen Leben .

Was die wenigsten Kunden in Deutschlands Supermärkten wissen: Ganz oben tobt gerade ein heftiger Streit darüber, welche Tüte sie kaufen sollen – und dürfen. Der EU-Umweltkommissar Janez Potočnik schließt ein europaweites Verbot der Plastiktüte nicht aus, das Thema beschäftigt Regierungen, Lobbygruppen, Umweltorganisationen, Parteien. In Italien dürfen die Geschäfte seit Anfang des Jahres keine Plastiktüten mehr ausgeben, auch Österreich macht sich für ein Ende des "Plastiksackerls" stark, beide Länder preisen kompostierbare Bioplastiktüten als Alternative. Bis zum 8. August können Bürger, Umweltschützer und Verbände zu den Plänen der EU-Kommission Stellung nehmen.

Die Tüte ist nur das Vorspiel. Bioplastik aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais, Zuckerrohr oder Kartoffeln könnte eines Tages in großem Maßstab herkömmliche Kunststoffe ersetzen. Im Supermarkt stehen schon Joghurtbecher aus Maisstärke, beworben vom World Wide Fund for Nature (WWF) . Bauern können kompostierbare Mulchfolie für ihr Silo kaufen. Und Autohersteller wie Ford, Toyota und Mazda experimentieren mit Bioplastik für die Innenverkleidung ihrer Fahrzeuge. Kein Produkt jedoch ist so emotional besetzt wie die Einkaufstüte.

"Jute statt Plastik" war einst die Parole der Ökobewegung, seitdem ist die Tüte ein Symbol für die gestörte Beziehung von Mensch und Natur. Jutebeutel rochen muffig und kamen von Kooperativen in Bangladesch. Bioplastik riecht nach Gemüsebrühe und kommt vom Chemiekonzern BASF. Jute hat verloren, Bioplastik könnte gewinnen, wenn die Polyethylen-Tüte verboten wird.

Rund 500 Plastiktüten kauft der Durchschnittseuropäer jedes Jahr, schätzen EU-Experten, inklusive der dünnen Obst- und Gemüsebeutel. Plastiktüten werden aus Polyethylen hergestellt, und der Rohstoff für PE ist Erdöl. Sie halten mehrere Hundert Jahre lang, doch der EU-Bürger benutzt sie meist nur für ein paar Minuten. Dann wirft er sie weg, in den Mülleimer – oder in die Landschaft.