Bis zur dritten Klasse war Markus gern zur Schule gegangen. Dann plötzlich sperrte er sich. »Ich will ja wirklich hin, aber ich kann einfach nicht«, erklärte der Achtjährige immer wieder unter Tränen. »Da ist eine hohe Mauer um die Schule, und ich komm nicht rüber.« Wenn er vor dem Gebäude stand, bekam er keine Luft mehr. Das Herz raste, Schweiß trat auf die Stirn, ihm wurde übel. Und das, obwohl er sich eigentlich auf die Freunde in seiner Klasse und den Unterricht freute.

Die Mutter von Mira brauchte eine Weile, bis sie die Schwierigkeiten ihrer ältesten Tochter erkannte. Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes arbeitete sie oft bis spätabends, um sich und den drei Kindern den Lebensstandard zu erhalten. Dass die 15-Jährige immer magerer wurde, fiel ihr lange nicht auf. Das Mädchen aß fast nichts mehr.

Johannes war in der sechsten Klasse, als die Lehrerin seine Mutter ansprach. Immer wenn die Kinder Rechenaufgaben lösen sollten, fing er an zu summen. Das störte die Mitschüler, doch die Mahnungen der Lehrerin fruchteten nicht. »Ich merke es nicht, dass ich Töne mache«, beteuerte der Zwölfjährige. »Ich will das gar nicht.« Drei Jahre später hatte er zwar gelernt, das Summen zu kontrollieren. Dafür schockierte er seine Mutter, indem er ihr massive Selbstmordgedanken gestand.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Markus, Mira und Johannes leiden an psychischen Störungen. Eine schwere Phobie diagnostizierte der Psychiater bei dem Schulverweigerer Markus. Mira hat eine Essstörung, sie ist magersüchtig . Und Johannes’ Probleme beruhten anfangs auf ADHS, einer Aufmerksamkeitsstörung . Dann kam eine Depression hinzu. Allein waren die Eltern dem Kampf gegen die Krankheiten nicht gewachsen. Die drei Kinder brauchten professionelle Hilfe. Es ging um ihre Zukunft, um ihr Leben.

Etwa jedes vierte Kind in Deutschland zeigt psychische Auffälligkeiten, vor zehn Jahren war es nur jedes fünfte. Das hat eine Studie des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) in Hamburg ergeben. Weltweit sind psychische Erkrankungen, noch vor Unfällen, bei jungen Menschen zwischen 10 und 24 Jahren die häufigste Ursache dafür, dass ihnen Lebensjahre durch frühen Tod oder eine lang anhaltende Krankheit verloren gehen, stellte jetzt die Weltgesundheitsorganisation fest.

Bleiben die Störungen im Kindesalter unbehandelt, verfestigen sie sich womöglich und werden chronisch. »Etwa die Hälfte der psychischen Erkrankungen von Erwachsenen hat bereits im Kindes- oder Jugendalter begonnen«, sagt Michael Schulte-Markwort, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (KJPP) und Chefarzt am UKE. Dennoch ist Hilfe rar. In keinem anderen Fachgebiet der Medizin herrscht ein solcher Ärztemangel wie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Ende 2009 versorgten 1443 derart spezialisierte Mediziner, jeweils etwa zur Hälfte niedergelassen oder stationär, die 13,3 Millionen Minderjährigen in Deutschland. In der Liste des Deutschen Ärzteblatts zu den Fachärzten, die von Kliniken besonders gesucht sind, belegen sie den ersten Platz.

Es ist wirklich hart. Den ganzen Tag über Notfälle. Krise, Krise, Krise
Alexander Naumann, Chefarzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Obwohl die stationäre Aufnahme nur bei sehr ausgeprägten Krankheitsbildern nötig ist und deswegen selten, beträgt die Wartezeit für einen Platz in der UKE-Kinder- und Jugendpsychiatrie sechs Monate. »Das ist ethisch völlig unzumutbar«, sagt deren Chef Schulte-Markwort. Dabei sei die Versorgung in einer Großstadt wie Hamburg sogar noch vergleichsweise gut. In manchen Regionen gebe es nicht einmal niedergelassene Kinder- und Jugendtherapeuten, die ambulant Hilfe bieten. Dabei könnten sie in vielen Fällen den Klinikaufenthalt vermeiden helfen und noch schwerere Erkrankungen verhindern.

Im niedersächsischen Lüneburg hatten viele der jungen Patienten keinerlei ambulante Unterstützung, bevor sie hier in die Kinder- und Jugendpsychiatrie aufgenommen wurden. »Sehr, sehr viele Kinder brauchen Hilfe«, sagt deren Chefarzt, Alexander Naumann. »Wir sind die letzte Hoffnung für sie und ihre Eltern, wenn jahrelang alles schiefgelaufen ist.« Die Klinik ist für sieben Landkreise mit 1,1 Millionen Einwohnern zuständig. Einige der Kinder wohnen über 100 Kilometer entfernt. Da fehlt manchen Eltern sogar das Geld für die Fahrkarte, um sie übers Wochenende nach Hause zu holen oder regelmäßig zu besuchen. Naumanns Fazit: »In den ländlichen Regionen ist die Versorgung eine Katastrophe.«

Entsprechend lang warten Betroffene auf einen Platz in der Lüneburger Kinder- und Jugendpsychiatrie – 323 Tage waren es bei einem Jungen. »Wir haben so viele Notfälle, die nehmen den Kindern von der Warteliste die Plätze weg«, sagt Naumann. »Es ist wirklich hart. Den ganzen Tag über Notfälle. Krise, Krise, Krise.« Und: Häufig wird eine Erkrankung erst zum Notfall, weil das Kind zu lange warten musste.

Vier Jahre lang versuchten die Eltern von Markus, die Schulangst ihres Sohnes selbst in den Griff zu bekommen. Mal gelang es dem Jungen, die vermeintliche Mauer zu überwinden. Dann wieder kehrte er notgedrungen vor dem Gebäude um. »Ich kann einfach nicht verstehen, was in seinem Kopf vorgeht«, sagt der Vater. »Es ist für mich nicht nachvollziehbar. Aber ich muss es hinnehmen.«