LaktoseintoleranzDie weiße Revolution

Wer keine Milch verträgt, ist in Deutschland in der Minderheit. Vor 7.000 Jahren aber war das noch anders. Wie die Europäer zu Milchtrinkern wurden. von Julia Kimmerle

Milch ist – global betrachtet – nur für wenige gesund: 75 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung können sie nicht verdauen, diesen Menschen fehlt das Enzym Laktase. Säuglinge spalten damit den Milchzucker Laktose auf – die Voraussetzung, um ihn überhaupt verwerten zu können. Fehlt die Laktase, gelangt die Laktose als ganzes Molekül in den Darm, wo es ein gefundenes Fressen für die Bakterien ist, die sich dort befinden. Sie vergären die Laktose, es entstehen Gase, die zu Blähungen führen, und Milchsäure, die Wasser anzieht – Durchfälle sind die Folge. Im Erwachsenenalter geht die Fähigkeit zum Spalten der Laktose normalerweise verloren, der Mensch entwickelt eine Laktoseintoleranz. Er verträgt dann weder Kuh- noch Ziegen- oder Schafsmilch.

Die meisten Europäer aber können aufgrund einer Genmutation ein Leben lang Milch trinken, ohne Bauchschmerzen zu bekommen. Durchschnittlich 90 Prozent der erwachsenen Nordeuropäer vertragen Milch. Je weiter es in Richtung Süden geht, desto weniger werden es: Mehr als zwei Drittel der Südeuropäer haben eine Laktoseintoleranz, in Asien vertragen nur etwa sechs Prozent der Bevölkerung Milch.

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ZEIT Wissen 5/2011
ZEIT Wissen 5/2011

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Die Ursache dieser Unterschiede will das EU-Forschungsprojekt LeCHE ergründen. Archäologen, Paläogenetiker und Archäozoologen von 13 europäischen Universitäten erforschen die Geschichte der Milch. Sie fanden heraus, dass die ersten Milchbauern vor etwa 7.500 Jahren aus Südosteuropa oder Anatolien nach Nordeuropa kamen. Sie konnten Milch aber nur als Joghurt oder Kefir verdauen – beides enthält kaum noch Milchzucker. Das wiesen die Wissenschaftler anhand von Milchfetten in Steinzeit-Kochtöpfen nach.

Der am LeCHE-Projekt beteiligte Anthropologe Joachim Burger von der Universität Mainz ist überzeugt, dass Milch auf die Gesellschaft der frühen Europäer eine revolutionäre Wirkung hatte. Denn die ersten Milchtrinker hatten entscheidende Vorteile. Da sie ihre Kinder nach dem Abstillen mit Kuhmilch füttern konnten, ging die Säuglingssterblichkeit zurück, sie hatten mehr Helfer auf den Feldern und mussten weniger hungern. Das könnte die biologische Selektion verstärkt haben. Die Zahl der Milchtrinker, so die Datenlage, scheint innerhalb von 3.000 Jahren von null auf 50 Prozent der Bevölkerung angestiegen zu sein. Eine enorm schnelle Veränderung, für die die Wissenschaft bisher kaum Erklärungen hat. Eine mögliche Erklärung, warum sich die Milchtrinker so schlagartig durchsetzten, könnte höchstens eine bisher unbekannte Völkerwanderung im 4. Jahrtausend vor Christus liefern. Doch dafür gibt es keine Belege. Fest steht für Forscher wie Burger deshalb nur eines: Die Fähigkeit, Milch zu verdauen, ist die »stärkste evolutionäre Kraft, die je im Genom der Europäer untersucht worden ist«.

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    • Schlagworte Revolution | Bevölkerung | Jesus | Enzym | Gas | Genom
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