Occupy-Demonstranten in Frankfurt © Daniel Roland/AFP/Getty Images

Wenn eine Krise die Zukunft bedroht, stellt sich die Frage nach den Gründen. So auch jetzt, wo mögliche Staatspleiten den Euro gefährden. Die Gier der »Bankster« sei schuld, sagen die einen, die Politiker hätten versagt, sagen andere, Länder wie Griechenland hätten schlicht über ihre Verhältnisse gelebt, meinen Dritte. Für Bernard Lietaer streifen solche Antworten nur die Oberfläche. Der Ökonom hat in Diensten der belgischen Zentralbank gestanden und einen globalen Hedgefonds geleitet. Er gilt als einer der profiliertesten Kritiker der Finanzmärkte – und ist überzeugt: »Der Fehler steckt im Geldsystem selbst.«

Das moderne Geld erfüllt viele Funktionen: Es ist Tauschmittel und Wertmaßstab, Vermögensspeicher und Spekulationsobjekt. Und außerdem Einnahmequelle der Banken: Sie verdienen an ihm, indem sie es gegen Zinsen verleihen. Ist das Geld mit der Vielzahl der Aufgaben überfordert? Liegt darin die Gefahr? Weltweit haben sich Menschen auf die Suche gemacht nach Alternativen, die einzelne Funktionen von klassischen Währungen übernehmen könnten.

Bernard Lietaer gilt da vielen als Guru. Der Ex-Zentralbanker macht die »Monokultur von Nationalwährungen« dafür verantwortlich, dass das Finanzsystem instabil ist. Er mahnt: »Wir brauchen auch beim Geld eine ›Artenvielfalt‹.« Also Währungen, die nicht alles auf einmal sein wollen, die stattdessen ein sozialeres Wirtschaften ermöglichen, die mehr Unabhängigkeit von Banken versprechen – und dank Internet und Computertechnik immer leichter zu installieren sind.

Ursprünglich entstand das Geld als neutrales Tauschmittel. Eigentlich eine geniale Erfindung: In einer arbeitsteiligen Welt macht es das mühselige direkte Tauschen von Schrauben gegen Äpfel, von Büchern gegen Haarschnitte überflüssig. Für Àlvaro Solache ist das die eigentliche Funktion von Geld. Der Spanier hat 2010 Comunitats gegründet: eine Mischung aus Tauschsystem und Sozialem Netzwerk. »Die Nutzer zahlen mit Zeit«, sagt Solache. Wer etwa eine Stunde Webdesign anbietet, bekommt, wenn jemand das in Anspruch nimmt, auf seinem Konto eine Stunde gutgeschrieben. Die kann er später gegen eine Stunde einer anderen Dienstleistung einlösen. Das Zeitkonto darf vorübergehend auch ins Minus rutschen. Was zählt, ist das Vertrauen, dass alle Beteiligten es ernst meinen.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

Zeitbanken wie Comunitats sind eine Variante der Tauschsysteme, die seit den achtziger Jahren in vielen Ländern entstanden sind. Anlass war die Beobachtung, dass Geld für einen arbeitslosen oder schlecht bezahlten Menschen äußerst knapp sein kann. Dennoch hat er womöglich Talente – die er aber nicht zu Geld machen kann. Der Kanadier Michael Linton antwortete 1983 auf dieses Problem mit dem ersten Local Exchange Trading System (LETS) , in dem Nutzer ihre Dienste ohne kanadische Dollar handeln konnten. LETS wurde zum Prototyp für viele Alternativ-Währungssysteme, deren Verrechnungseinheit Time Dollars, Stunden oder auch Minutos heißt. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Geld auf seinen Kern zurückführen wollen: ein reines Tauschmittel, ohne zinsbelastete Kredite.

Nicht alle Tauschsysteme sind, wie die Zeitbanken, von offiziellem Geld völlig abgekoppelt. Ein neues System in Griechenland erlaubt etwa, Euro in Ovolos zu tauschen . Mehr als 5.000 Menschen haben bereits ein Onlinekonto für die Tauschwährung angemeldet, die Ende 2010 gestartet ist. »Jeden Tag kommen neue Nutzer hinzu«, freut sich Nikos Bogonikos, der das System mitgegründet hat. Das Ziel: angesichts der explodierenden Arbeitslosigkeit einen eigenen Fluss von Waren und Dienstleistungen jenseits des Euro in Gang zu setzen und sich den massiv steigenden Zinsen entgegenzustemmen. Es gehe darum, »unsere Gesellschaft in diesen schwierigen Zeiten zu unterstützen«. Herkömmliche Kredite sind in Griechenland derzeit schwer zu bekommen und sehr teuer. Ovolos-Kredite hingegen sind zinslos.

Der Zins spielt im traditionellen Geldsystem eine überaus wichtige Rolle. In allen Ländern leiht die Zentralbank den Geschäftsbanken gegen einen bestimmten Prozentsatz Geld, das diese dann in Umlauf bringen. Um auch den Zins zurückzahlen zu können, müssen die Geschäftsbanken zusätzliches Geld verdienen. Das tun sie, indem sie ihrerseits Geld verleihen und dafür Zinsen nehmen. Umgekehrt bieten sie allen, die bei ihnen Geld aufbewahren, ebenfalls Zinsen, weil sie dieses Geld weiterverleihen können.

Nicht alle sehen darin nur eine Win-win-Situation. Einige Kritiker argumentieren wie der Ökonom Silvio Gesell , dass dadurch dem Wirtschaftskreislauf Geld entzogen werde. Deshalb entwickelte Gesell bereits in den zwanziger Jahren die Idee des sogenannten Freigelds: Anstatt dass es Zinsen dafür gibt, das Geld nicht auszugeben, verlieren die Scheine am Ende eines Quartals zwei Prozent des aufgedruckten Wertes. Dann muss, gegen eine »Umlaufsicherungsgebühr« in Höhe der zwei Prozent, eine Marke auf den Schein geklebt werden. Das soll die Menschen dazu anhalten, das Geld möglichst schnell wieder auszugeben. Da die Währung nur in der jeweiligen Region gilt, verhindert sie auch, dass zu viel Geld in andere Gegenden abfließt. »Das Projekt der Regionalwährungen ist sympathisch, weil es die lokalen Wirtschaftsbeziehungen stärkt und das grenzenlose Übermaß an Arbeitsteilung und Globalisierung ein Stück bremst«, urteilt Peter Spahn , Ökonom an der Universität Hohenheim.