Wenn eine Krise die Zukunft bedroht, stellt sich die Frage nach den Gründen. So auch jetzt, wo mögliche Staatspleiten den Euro gefährden. Die Gier der »Bankster« sei schuld, sagen die einen, die Politiker hätten versagt, sagen andere, Länder wie Griechenland hätten schlicht über ihre Verhältnisse gelebt, meinen Dritte. Für Bernard Lietaer streifen solche Antworten nur die Oberfläche. Der Ökonom hat in Diensten der belgischen Zentralbank gestanden und einen globalen Hedgefonds geleitet. Er gilt als einer der profiliertesten Kritiker der Finanzmärkte – und ist überzeugt: »Der Fehler steckt im Geldsystem selbst.«

Das moderne Geld erfüllt viele Funktionen: Es ist Tauschmittel und Wertmaßstab, Vermögensspeicher und Spekulationsobjekt. Und außerdem Einnahmequelle der Banken: Sie verdienen an ihm, indem sie es gegen Zinsen verleihen. Ist das Geld mit der Vielzahl der Aufgaben überfordert? Liegt darin die Gefahr? Weltweit haben sich Menschen auf die Suche gemacht nach Alternativen, die einzelne Funktionen von klassischen Währungen übernehmen könnten.

Bernard Lietaer gilt da vielen als Guru. Der Ex-Zentralbanker macht die »Monokultur von Nationalwährungen« dafür verantwortlich, dass das Finanzsystem instabil ist. Er mahnt: »Wir brauchen auch beim Geld eine ›Artenvielfalt‹.« Also Währungen, die nicht alles auf einmal sein wollen, die stattdessen ein sozialeres Wirtschaften ermöglichen, die mehr Unabhängigkeit von Banken versprechen – und dank Internet und Computertechnik immer leichter zu installieren sind.

Ursprünglich entstand das Geld als neutrales Tauschmittel. Eigentlich eine geniale Erfindung: In einer arbeitsteiligen Welt macht es das mühselige direkte Tauschen von Schrauben gegen Äpfel, von Büchern gegen Haarschnitte überflüssig. Für Àlvaro Solache ist das die eigentliche Funktion von Geld. Der Spanier hat 2010 Comunitats gegründet: eine Mischung aus Tauschsystem und Sozialem Netzwerk. »Die Nutzer zahlen mit Zeit«, sagt Solache. Wer etwa eine Stunde Webdesign anbietet, bekommt, wenn jemand das in Anspruch nimmt, auf seinem Konto eine Stunde gutgeschrieben. Die kann er später gegen eine Stunde einer anderen Dienstleistung einlösen. Das Zeitkonto darf vorübergehend auch ins Minus rutschen. Was zählt, ist das Vertrauen, dass alle Beteiligten es ernst meinen.

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Zeitbanken wie Comunitats sind eine Variante der Tauschsysteme, die seit den achtziger Jahren in vielen Ländern entstanden sind. Anlass war die Beobachtung, dass Geld für einen arbeitslosen oder schlecht bezahlten Menschen äußerst knapp sein kann. Dennoch hat er womöglich Talente – die er aber nicht zu Geld machen kann. Der Kanadier Michael Linton antwortete 1983 auf dieses Problem mit dem ersten Local Exchange Trading System (LETS) , in dem Nutzer ihre Dienste ohne kanadische Dollar handeln konnten. LETS wurde zum Prototyp für viele Alternativ-Währungssysteme, deren Verrechnungseinheit Time Dollars, Stunden oder auch Minutos heißt. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Geld auf seinen Kern zurückführen wollen: ein reines Tauschmittel, ohne zinsbelastete Kredite.

Nicht alle Tauschsysteme sind, wie die Zeitbanken, von offiziellem Geld völlig abgekoppelt. Ein neues System in Griechenland erlaubt etwa, Euro in Ovolos zu tauschen . Mehr als 5.000 Menschen haben bereits ein Onlinekonto für die Tauschwährung angemeldet, die Ende 2010 gestartet ist. »Jeden Tag kommen neue Nutzer hinzu«, freut sich Nikos Bogonikos, der das System mitgegründet hat. Das Ziel: angesichts der explodierenden Arbeitslosigkeit einen eigenen Fluss von Waren und Dienstleistungen jenseits des Euro in Gang zu setzen und sich den massiv steigenden Zinsen entgegenzustemmen. Es gehe darum, »unsere Gesellschaft in diesen schwierigen Zeiten zu unterstützen«. Herkömmliche Kredite sind in Griechenland derzeit schwer zu bekommen und sehr teuer. Ovolos-Kredite hingegen sind zinslos.

Der Zins spielt im traditionellen Geldsystem eine überaus wichtige Rolle. In allen Ländern leiht die Zentralbank den Geschäftsbanken gegen einen bestimmten Prozentsatz Geld, das diese dann in Umlauf bringen. Um auch den Zins zurückzahlen zu können, müssen die Geschäftsbanken zusätzliches Geld verdienen. Das tun sie, indem sie ihrerseits Geld verleihen und dafür Zinsen nehmen. Umgekehrt bieten sie allen, die bei ihnen Geld aufbewahren, ebenfalls Zinsen, weil sie dieses Geld weiterverleihen können.

Nicht alle sehen darin nur eine Win-win-Situation. Einige Kritiker argumentieren wie der Ökonom Silvio Gesell , dass dadurch dem Wirtschaftskreislauf Geld entzogen werde. Deshalb entwickelte Gesell bereits in den zwanziger Jahren die Idee des sogenannten Freigelds: Anstatt dass es Zinsen dafür gibt, das Geld nicht auszugeben, verlieren die Scheine am Ende eines Quartals zwei Prozent des aufgedruckten Wertes. Dann muss, gegen eine »Umlaufsicherungsgebühr« in Höhe der zwei Prozent, eine Marke auf den Schein geklebt werden. Das soll die Menschen dazu anhalten, das Geld möglichst schnell wieder auszugeben. Da die Währung nur in der jeweiligen Region gilt, verhindert sie auch, dass zu viel Geld in andere Gegenden abfließt. »Das Projekt der Regionalwährungen ist sympathisch, weil es die lokalen Wirtschaftsbeziehungen stärkt und das grenzenlose Übermaß an Arbeitsteilung und Globalisierung ein Stück bremst«, urteilt Peter Spahn , Ökonom an der Universität Hohenheim.

Regiogeld und Bitcoins

Vor knapp zehn Jahren lebte die Idee im bayerischen Chiemgau wieder auf. Seitdem sind vor allem im deutschsprachigen Raum Dutzende solcher »Regiogelder« entstanden. Inzwischen arbeiten auch sie mit Digitaltechnik. Wer etwa im Berchtesgadener Land »Sterntaler« haben will, bekommt sie gegen Euro auf eine »Regiocard« oder auf ein eigenes Konto gebucht. Mit der Regiocard kann man seine Lebensmittel etwa im Edeka-Markt in Mitterfelden bargeldlos bezahlen. »Soll Regiogeld mehr als nur eine Spielerei sein, ist der Einsatz von Informationstechnik absolut notwendig«, sagt Franz Galler, gelernter Bankkaufmann und Gründungsvorstand der Regiostar-Genossenschaft. Innerhalb von drei Jahren hat sich die Menge der umlaufenden Sterntaler auf 100.000 mehr als verdoppelt. Die Zahl der Unternehmen, die sie akzeptieren, stieg um gut 50 Prozent auf 231.

Für Kontenverwaltung und Onlinebanking nutzt die Regiogeld-Bewegung inzwischen kostenlose Open-Source-Programme wie Cyclos . »Darin können Sie Mitglieds- und Umlaufsicherungsgebühren selbst einstellen«, sagt der Wirtschaftsinformatiker und Regiogeld-Experte Norbert Rost . Der kürzlich gestartete »Lausitzer« kommt erstmals auch mit einer Onlinekarte, die Rost mitentwickelt hat. Sie verzeichnet Geschäfte und Dienstleister, die das Regiogeld annehmen. Entscheidet sich etwa ein Bäcker für den Lausitzer, kann er sich in den Regionalatlas selbst eintragen. Die Karte basiert auf dem offenen Dienst Open Street Map.

Früher gab es Geld im Wesentlichen als Bargeld, in Form von Münzen oder Scheinen, inzwischen existiert es vor allem in digitaler Form. Über 85 Prozent sind heute reine Daten in den Computern von Banken, die etwa als Gehaltszahlungen dorthin gebucht wurden. Dieses »Buchgeld« verleihen die Banken, bis auf die Mindestreserve: an Familien, die ein Haus bauen, an Firmen, die Maschinen brauchen, oder an andere Banken. Weil Geld heute immer als verzinster Kredit in die Welt kommt, nimmt die Geldmenge Jahr für Jahr zu. Geld gilt nur, weil Staaten es zum gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt haben. Denn es ist längst nicht mehr von Gold gedeckt.

Den sogenannten Goldstandard hob US-Präsident Richard Nixon am 15. August 1971 auf . Bis dahin konnten Zentralbanken untereinander Währungen jederzeit gegen Gold eintauschen, zu einem festgelegten Preis von 35 Dollar pro Feinunze. Weil seit Ende des Zweiten Weltkriegs im sogenannten Bretton-Woods-System andere Währungen in festen Wechselkursen an den Dollar gebunden waren, galt indirekt auch für sie eine Golddeckung. Als die weggefallen war, folgten im Westen prompt einige Jahre wirtschaftlicher Turbulenzen, darunter Inflation.

Bereits Ende der neunziger Jahre gab es einen ersten Versuch, eine Goldwährung in digitaler Form einzuführen. Inzwischen bieten einige Handelsplattformen wie Goldmoney.com nicht nur die Lagerung von Edelmetallen, sondern auch Zahlungen zwischen Kunden an, die Wert auf »richtiges« Geld legen. In den vergangenen fünf Jahren habe sich die Anzahl der Konten vervierfacht, sagt Goldmoney-Sprecher Axel Preukschaut, der Betrag an verwalteten Edelmetallen sei fast zwölfmal so hoch. Als Überweisungseinheit dient das goldgram (gg). Die kleinste Menge, die sich überweisen lässt, sind 0,001 gg. Wie viel Dollar, Euro oder Pfund damit beglichen werden können, hängt vom Tagespreis am Goldmarkt ab.

Eine Rückkehr zum allgemeinen Goldstandard findet Bernard Lietaer weder sinnvoll noch machbar. Man wisse heute, dass schon um 1900 die Bank of England den damals gültigen Goldstandard gebrochen habe, weil sie nicht mehr genug Vorräte besaß, um alle Pfundnoten zu decken. »Ein Währungssystem auf einer Lüge aufzubauen ist keine gute Idee«, spottet Lietaer. Derzeit lagern ganze 30.500 Tonnen in den Tresoren der Nationalstaaten. »Ein neuer Goldstandard müsste dann bei 100.000 oder einer Million Dollar pro Feinunze liegen«, sagt der Belgier.

Heute können die Regierungen theoretisch unbegrenzt neues Geld drucken lassen, da ihre Zentralbanken nicht den Gegenwert in Gold besitzen müssen. Sie können so die Wirtschaft ankurbeln und verursachen gleichzeitig eine Inflation. Der Japaner Satoshi Nakamoto fand eine solche Finanzpolitik anscheinend unseriös und gefährlich. Kurz nach der Pleite von Lehman Brothers im September 2008 veröffentlichte er in einem Kryptografie-Forum das Konzept für eine reine Digitalwährung, Bitcoin genannt, die in einem globalen, dezentralen Netzwerk ohne Zutun von Finanzbehörden operiert. Im Januar 2009 stellte Nakamoto die Software fertig und produzierte die ersten Bitcoins . So will es jedenfalls die Legende – Genaues über Nakamoto weiß niemand.

Der Popularität von Bitcoin tat dies keinen Abbruch. Knapp 7,5 Millionen der Digitalmünzen hat das weltweite Netzwerk bislang hervorgebracht. Sie entstehen in einem aufwendigen Rechenprozess durch leistungsstarke Rechner, Miner genannt. Die wetteifern rund um die Uhr um die Lösung eines kryptografischen Rätsels. Der Computer, der es schafft, kreiert einen neuen Block aus derzeit 50 Bitcoins, die seinem Besitzer gutgeschrieben werden. Der Mining-Algorithmus ist so programmiert, dass alle zehn Minuten ein neuer Bitcoin-Block entsteht.

In 64 Online-Wechselstuben kann man Bitcoins gegen gängige Währungen wie Dollar oder Euro eintauschen; Ende September war ein Bitcoin gut vier Euro wert. Ebenso wie herkömmliches Geld sind auch die virtuellen Münzen durch keinen Gegenwert gedeckt. Rund 15.000 wechseln zurzeit stündlich den Besitzer, um damit online Bücher, Software, Lebensmittel, ja sogar Tennisschläger zu kaufen.

Der große Unterschied zu den Nationalwährungen: Das Bitcoin-System , das finanzpolitischem Einfluss entzogen ist, kann nicht beliebig wachsen. Denn Nakamoto hat in der Software die Menge aller Bitcoins, die je geschaffen werden können, auf 21 Millionen begrenzt – diese Zahl wird 2030 erreicht sein und beugt einer Inflation vor. Weil die Rate, mit der täglich neue Bitcoins entstehen, über die Jahre abnimmt, ist in das System vielmehr eine Deflation eingebaut: Bitcoins werden, sollte das System weiter bestehen, immer wertvoller, sodass die Preise der damit bezahlten Waren und Dienstleistungen sinken. Nun gilt Deflation in der Ökonomie als noch größeres Unheil als Inflation, weil sie für eine schrumpfende Wirtschaft steht – wie in der Weltwirtschaftskrise der frühen dreißiger Jahre. »Im 19. Jahrhundert hat es aber Phasen gegeben, in denen die Preise sanken und die Wirtschaft weiter wuchs«, sagt Ökonom Spahn.

Wer am Bitcoin-System teilnehmen will, lädt sich ein leicht zu bedienendes Programm herunter – fürs iPhone gibt es bereits eine App . Die Software weist dem Nutzer automatisch eine 34-stellige Zeichenkombination als Adresse für Überweisungen zu. Die virtuellen Münzen selbst werden auf seinem Rechner in einer Datei gespeichert. Will er sie überweisen, gibt er die 34-stellige Adresse des Empfängers an und setzt einen Prozess in Gang, in dem das gesamte Netzwerk sein Guthaben prüft – alle vorherigen Transaktionen sind anonymisiert gespeichert. Mit einem kryptografischen Verfahren wird sichergestellt, dass kein Bitcoin wie eine Musikdatei kopiert und mehrmals ausgegeben wird.

Doch die Bitcoins haben nicht nur Fans: Wirtschaftsverbände und Finanzbehörden befürchten, dass die unkontrollierbare Digitalwährung Geldwäsche und Steuerhinterziehung begünstigt. Und Ende Mai entwendete ein Hacker erstmals die Geldbörsendatei eines Nutzers mit 25.000 Bitcoins – die kryptografischen Verfahren des Netzwerks selbst hat bislang jedoch niemand knacken können. Bernard Lietaer ist aus einem anderen Grund skeptisch: »Im Wesentlichen ist Bitcoin bisher ein Werkzeug für Spekulation.« Tatsächlich versuchen manche Nutzer – wie auf dem Devisenmarkt –, Bitcoins zu kaufen in der Hoffnung, dass ihr Gegenwert zu Euro oder Dollar steigt.

Ohnehin wird keines der Alternativgelder demnächst den etablierten Währungen den Rang ablaufen. Die Miete, das Auto, den Computer wird man bis auf Weiteres nicht ohne Euro oder Dollar bezahlen können. Doch die neuen Zahlungsmittel geben all denen, die nicht genug »richtiges« Geld haben, die Chance, selbst wirtschaftlich aktiv zu werden. Der Boom der Alternativwährungen ist ein riesiges Experiment. Vielleicht bringt es eines Tages das Geld der Zukunft hervor, das wir uns heute noch nicht vorstellen können.