Demenz Vertraute Kulisse

Demenzkranke brauchen ein überschaubares Umfeld. Eine neuartige Siedlung in den Niederlanden verfolgt ein ungewöhnliches Konzept.

Dass in Henk de Rooys Wohnort Hogewey etwas anders ist als in der normalen Welt, merkt man bereits bei einem Gang in den Supermarkt. De Rooy, ein rüstiger älterer Herr mit verschmitzten Gesichtszügen, kauft hier mehrmals die Woche ein. »Fast immer Eiscreme für meine Freundin und die anderen Mitbewohner«, sagt der 76-Jährige. An diesem Nachmittag stehen außerdem Kartoffeln, Traubensaft und Teebeutel auf seiner Liste. Nicht alles davon findet de Rooy auf Anhieb. Immer wieder schiebt er seinen Wagen an den Regalen entlang, erkundigt sich bei der Verkäuferin und blickt, wie um sich ständig zu vergewissern, auf seinen Einkaufszettel.

Das Außergewöhnliche ereignet sich an der Kasse: Obwohl alle Einkäufe über das Fließband wandern, eine freundliche Dame sie über den Scanner zieht und am Ende ein Preis aufblinkt, holt de Rooy keinen Cent hervor. Stattdessen wünscht er der Verkäuferin noch einen schönen Tag, winkt und schiebt langsamen Schrittes mit seinem Wagen davon.

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Ob beim Frisör, im Restaurant oder eben im Supermarkt – in Hogewey können Bewohner wie de Rooy das Bezahlen buchstäblich vergessen. Denn die Siedlung aus verklinkerten Reihenhäusern, Geschäften, breiten Fußwegen und mit Gartenzwergen ausgestatteten Vorgärten ist eigentlich ein Pflegezentrum – und zwar für Demenzkranke. Am Rande der Kleinstadt Weesp im Süden Amsterdams wohnen 152 Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, ihren Alltag selbstständig zu bewältigen. Doch wenn Henk de Rooy im Supermarkt einkauft, erscheint es ihm, als würde er genau dies noch immer schaffen.

Alzheimerrisiko
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Um Pflegebedürftige nicht vollständig aus ihren gewohnten Lebensmustern herauszureißen, schafft man ihnen in Hogewey ein möglichst vertrautes Umfeld – und simuliert dafür auf mehr als 15.000 Quadratmetern rund um die Uhr den ganz normalen Alltag. »Die Idee dahinter ist, dass es Demenzkranken nur dann gut gehen kann, wenn sie ihre Umgebung verstehen«, sagt Frans Boshart, 51, der Manager der Pflegesiedlung. Gegen Mittag sitzt er im Café von Hogewey, wo es nach heißem Zitronentee und frischem Gebäck duftet. Zum Brummen der Kaffeemaschine erklingen Volkshymnen aus der Anlage, eine Gruppe älterer Herren singt aus vollem Halse mit. Der Oranje-Boven-Club, der die Fans der niederländischen Dynastie vereint, hat sich versammelt. Mit Fahnen, Fotoalben und orangefarbenem Kuchen lassen die Mitglieder das nationale Königshaus hochleben, so wie jeden Monat. Für viele Bewohner sei dies ihr Leben lang ein wichtiges Ritual gewesen, sagt Boshart. Also wollten sie auch jetzt im Alter nicht darauf verzichten. Ähnlich beliebt sind der Back- und der Bingoverein.

ZEIT Wissen 6/2011
Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

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Noch vor einigen Jahren gab es in Hogewey kein Café und keine Vereine. Damals, erinnert sich Boshart, sei Hogewey ein gewöhnliches Pflegeheim gewesen. »Ein Hochhaus, unpersönlich und steril, fast wie ein Krankenhaus.« Die meisten Bewohner hätten in Einzelzimmern gelebt und untereinander selten Kontakt gehabt. Viele seien aggressiv oder ängstlich gewesen, weil die fremde Umgebung ihre Orientierungslosigkeit noch verschlimmerte. Andere hätten stark unter Einsamkeit und Langeweile gelitten. Sie hätten immer weiter abgebaut, weil sie trotz körperlicher Fitness nicht mehr am alltäglichen Leben teilhaben konnten. Vor etwas mehr als drei Jahren habe man deshalb ein neues Betreuungskonzept entwickelt.

Gleich hinter dem Eingangsbereich Hogeweys beginnt heute eine beschauliche Parallelwelt, die dem Leben außerhalb des Pflegezentrums bis ins Detail nachempfunden ist. Jedes der 24 Reihenhäuser hat seine eigene Nummer, jede Gasse ihr eigenes Straßenschild. Das Herz Hogeweys bildet ein breiter, mit Bäumen gesäumter Boulevard, der zum Bummeln und Treffen der Nachbarn einlädt. Links und rechts davon gibt es einen Friseursalon, ein Fitnessstudio und auch ein Theater.

Wer in Hogewey wohnt, kann sich hier Aufführungen ansehen und anschließend über den Marktplatz schlendern, um im direkt gegenüber liegenden Restaurant noch etwas zu trinken. Er kann aber auch zu Hause Gäste empfangen, den eigenen Garten pflegen und im Supermarkt einkaufen. »Wenn da mal eine Packung Tee zu viel besorgt wurde, wandert die einfach wieder ins Regal zurück«, sagt Boshart. Ziel sei, die verbliebenen Kompetenzen der Erkrankten zu stimulieren und gleichzeitig so viel Normalität wie möglich herzustellen.

Leser-Kommentare
    • keibe
    • 11.10.2011 um 21:53 Uhr

    "»Die Idee dahinter ist, dass es Demenzkranken nur dann gut gehen kann, wenn sie ihre Umgebung verstehen«, sagt Frans Boshart, 51, der Manager der Pflegesiedlung."

    Und andererseits:

    "Das Außergewöhnliche ereignet sich an der Kasse: Obwohl alle Einkäufe über das Fließband wandern, eine freundliche Dame sie über den Scanner zieht und am Ende ein Preis aufblinkt, holt de Rooy keinen Cent hervor. Stattdessen wünscht er der Verkäuferin noch einen schönen Tag, winkt und schiebt langsamen Schrittes mit seinem Wagen davon."

    Das Nichtbezahlen von Waren gehört also zum "kapitalistischen System" der Niederlande und ermöglicht Demenzkranken das Verstehen ihrer Umgebung.

    Wie gesagt, nur eine kleine Kritik.

  1. Also bevor ich mich mit Demenzkranken beschäftigte, hätte ich geurteilt: was für eine ungemein schwachsinnige Idee.

    Jetzt, wo das Thema aus fam. Gründen näher gerückt ist, vermag ich zu schreiben: eine ungemein interessante Idee. Hochachtung!

  2. Vermutlich ist die ganze globalisierte Welt inzwischen so etwas wie ein fingiertes Demenzzentrum. Oswald Wiener hat das übrigens schon immer vermutet.

    • mhaase
    • 11.10.2011 um 22:50 Uhr

    Von den vielen Ansätzen im Umgang mit Dementen, die man so in den Medien mitkriegt, ist der hier beschriebene eindeutig der verständnisvollste, der liebevollste. Wenn ich mal gaga werden sollte (wovor ich reichlich Angst habe), dann möchte ich auch in so eine abgeschirmte Realität.

    Ich habe neulich (war's auch in der Zeit?) über einen anderen Ansatz gelesen. In dem Heim, um das es da ging, wurden Gegenstände wie Wandschmuck oder Tischdekorationen festgeschraubt, damit sie niemand wegnehmen konnte. Das konnte ich zwar nachvollziehen, aber so eine Herangehensweise kommt aus der Sicht der Pflegenden und nicht aus der der Kranken. Da wird die Welt so stabil gemacht, dass die Kranken in die Arbeit des Pflegepersonals passen. In Hogewey hat man genau den entgegengesetzten Blickwinkel. We need more empathy - dank Hogewey hat die Welt ein bisschen mehr davon, wie schön!

    P.S. @keibe
    Kleiner Tipp: Keine Sorge, es ist keineswegs zwangsläufig ein Ausweis von Dummheit, wenn man bei einem Thema, zu dem man nichts zu sagen hat, die Klappe hält. Im Gegenteil, manche Leute würden das sogar für guten Stil halten.

  3. Lieber keine kleine Kritik.
    Das ungewöhnliches Konzept verdient keine Kritik.

    Wie will man einen Anfang kritisieren. Es müssen

    schon
    einige Blüten auf
    gegangen sein.

    je verstaan.

  4. ich finde das eine sehr gute Idee, bisher der beste Lösungsansatz für diese problematische Lebenssituation bzw. überhaupt erst einmal einer, soweit ich informiert bin. Es sieht dem Bericht nach so aus, als sei allen beteiligten damit am besten geholfen: Zunächst den Kranken selbst, aber genauso den bemitleidenswerten Verwandten und auch dem Pflegepersonal. Die Holländer sind doch immer schon ein findiges Völkchen gewesen, was Lebensqualität angeht. Aber ich möchte bei all dem nicht versäumen, darauf hinzuweisen, daß die Demenz-Forschung, falls es denn überhaupt eine nennenswerte gibt, wahrscheinlich nicht in die richtige Richtung zielt. Ich habe den Verdacht, daß man hier wieder einmal immer nur wieder neue medikamente entwickelt und ausprobiert, anstatt mehr nach den Ursachen zu forschen.

  5. Man könnte doch z.B. gerade in solchen Zentren gut epidemiologische Forschung betreiben. Die Patienten bzw. ihre Verwandten könnten möglichst ausführliche Berichte darüber abliefern, was für ein Leben jeder einzelne dort vorher geführt hat, das in der Demenz endete. Welchen Umweltgiften war er ausgesetzt, wie hat er sich ernährt, welchen psychologischen Belastungen war er in seinem Leben ausgesetzt(z.b. Kriegserfahrungen)usw. Ich bin sicher, daß sich daraus nach einiger Zeit ein Muster herausbildet, aus dem in groben Zügen ablesbar ist, was auf diesem Planeten Menschen zunehmend in die Demenz führt! Ich selbst glaube z.B. daß die Ernährung eine viel größere Rolle dabei spielt, als die meisten vermuten.

  6. Es ist ja nun in der sog."China-Study" hinreichend erforscht, daß z.B. tierische Ernährung den menschlichen Organismus schädigt. Das Gehirn ist aber genauso ein Organ, wie alle anderen. Strahlenbelastungen über lange Zeit oder auch Amalgamfüllungen sowie Impfungen und alle Medikamente müssen dabei auch unter die Lupe genommen werden. Das im Amalgam zu 50% ethaltene Quecksilber, was auch in Impfsera enthalten ist, durchbricht nämlich die "Blut-Hirn"-Schranke und lagert sich gern im Gehirn ab! Ich befürchte, daß solche wichtigen Daten, wie die, die ich genannt habe, immer noch nicht sorgfältig genug oder wahrscheinlich überhaupt nicht in Betracht gezogen werden. Es ist wie in der Krebsforschung: Man tut so, als seien diese Krankheiten "vom himmel gefallen".

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    ....ist nämlich auch nicht neu.
    Zu behaupten, Demenz sei eine Art Zivilisationskrankheit, die all den schädlichen, modernen Einflüßen geschuldet sei - das halte ich doch für ein wenig übertrieben.
    Ich möchte die Schädlichkeit von Umweltbelastungen nicht minimieren, aber so wie Sie es hier darstellen, könnte man den Eindruck gewinnen, es hätte diese Krankheit "früher" nicht gegeben.
    Es gab sie durchaus, wenn auch seltener, denn :
    Früher sind Menschen einfach nicht so alt geworden wie heute.
    Aus verschiedenen Gründen.
    Unter anderen aber auch, weil es die von Ihnen viel gescholtenen Impfungen und Medikamente nicht gab.
    heutzutage wird man deutlich älter als noch vor Jahrzehnten - da kann man doch nicht ernsthaft glauben, dass im Körper eines 80-Jährigen ein 50-jähriges Hirn steckt ?!?
    Bei Gelenkschäden im Alter sieht das auch jeder ein - warum sollte es im Hirn anders aussehen ?
    Btw, ein wirklich guter Artikel!

    ...denn eigentlich die im Artikel präsentierte Idee ? Konnte ich neben Ihrem kompakten Verschwörungstherorem nicht erkennen.

    Ach so, der Kommentar war ja auf Autopilot, alles klar !

    ....ist nämlich auch nicht neu.
    Zu behaupten, Demenz sei eine Art Zivilisationskrankheit, die all den schädlichen, modernen Einflüßen geschuldet sei - das halte ich doch für ein wenig übertrieben.
    Ich möchte die Schädlichkeit von Umweltbelastungen nicht minimieren, aber so wie Sie es hier darstellen, könnte man den Eindruck gewinnen, es hätte diese Krankheit "früher" nicht gegeben.
    Es gab sie durchaus, wenn auch seltener, denn :
    Früher sind Menschen einfach nicht so alt geworden wie heute.
    Aus verschiedenen Gründen.
    Unter anderen aber auch, weil es die von Ihnen viel gescholtenen Impfungen und Medikamente nicht gab.
    heutzutage wird man deutlich älter als noch vor Jahrzehnten - da kann man doch nicht ernsthaft glauben, dass im Körper eines 80-Jährigen ein 50-jähriges Hirn steckt ?!?
    Bei Gelenkschäden im Alter sieht das auch jeder ein - warum sollte es im Hirn anders aussehen ?
    Btw, ein wirklich guter Artikel!

    ...denn eigentlich die im Artikel präsentierte Idee ? Konnte ich neben Ihrem kompakten Verschwörungstherorem nicht erkennen.

    Ach so, der Kommentar war ja auf Autopilot, alles klar !

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