Die Frage nach dem freien Willen gehört zu den Klassikern der Geistesgeschichte. Um das Jahr 400 las Augustinus aus der Bibel, dass Gott uns mit freiem Willen ausgestattet haben müsse. Der englische Mathematiker Thomas Hobbes leugnete zwölf Jahrhunderte später den freien Willen, weil er den Lauf der Welt für festgelegt hielt. Je mehr das naturwissenschaftliche Denken dominierte, desto enger wurde es für den freien Willen. »Diese Idee ist mit wissenschaftlichen Überlegungen prinzipiell nicht zu vereinbaren«, sagt Wolfgang Prinz, Direktor am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Als die Neurophysiologen in den achtziger Jahren begannen, die Gehirnzellen beim Denken zu belauschen, schienen die Chancen für den freien Willen auf null zu sinken.

In einem Experiment zeigte der amerikanische Physiologe Benjamin Libet , dass sich bei Probanden, die sich zwischen zwei Tasten zu entscheiden haben, diese Entscheidung aus den elektrischen Reizmustern des Gehirns (dem sogenannten Bereitschaftspotenzial) lesen lässt, noch bevor der Proband sie bewusst trifft. Seither haben Forscher in aller Welt Libets Experiment wiederholt und verfeinert, stets mit demselben Befund: Bevor wir uns bewusst zu entscheiden glauben, hat das Gehirn die Entscheidung bereits vorweggenommen. »Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun«, sagt Prinz.

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Es sieht also aus, als habe die Hirnforschung den freien Willen als Illusion entlarvt. Das wäre eine gewaltige Erschütterung für unser Menschenbild, vor allem für unsere Begriffe von Schuld und Verantwortung. Wie soll man einen Verbrecher verurteilen, wenn er gar nicht anders konnte?

Bevor man den freien Willen als Illusion abschreibt, sollte man darüber nachdenken, was man überhaupt damit meint. Freier Wille bedeutet, dass Menschen selbstbestimmt handeln. Ihre Wünsche und Absichten sind Ursachen ihrer Handlungen. So gesehen ist es nicht überraschend, dass sich Entscheidungen aus Reizmustern im Gehirn vorhersagen lassen. Denn dort sind auch unsere Wünsche und Absichten versteckt.

Es bestehen also noch Chancen auf freien Willen. Ob wir ihn nun haben oder nicht, es kann hilfreich sein, an ihn zu glauben: Psychologen haben gezeigt, dass Zweifel am freien Willen Menschen aggressiver, weniger hilfsbereit und unmotivierter macht. Italienische Forscher haben sogar gemessen, dass allein der Glaube an freien Willen die Stärke des Bereitschaftspotenzials im Libetschen Versuch verändert.