ZEIT Wissen: Herr Dr. Jänisch, in »Contagion« sterben in kurzer Zeit Tausende Menschen an einer Seuche. Können sich Viren wirklich so schnell ausbreiten?

Thomas Jänisch: Ja, besonders, wenn sie durch Tröpfcheninfektion – also über die Luft – verbreitet werden und wenn es schnell geht, bis ein infizierter Mensch den nächsten ansteckt. Natürlich spielt bei einem Infizierten auch der Zeitraum eine Rolle, bis er bettlägrig wird und schließlich stirbt. Je schneller das passiert, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er die Krankheit an andere weitergibt. Das bedeutet aber auch, dass sich ein Virus besonders schnell weiterverbreiten kann, wenn der Infizierte andere ansteckt, noch bevor Krankheitssymptome auftreten.

ZEIT Wissen: Dann nützt es auch nichts, die Kranken zu isolieren, was man normalerweise tun würde?

Jänisch: Genau, eine Isolation ist in einem solchen Fall nicht besonders effektiv. Es bleiben dann allgemeine Hygienemaßnahmen wie etwa Mundschutz oder häufiges Händewaschen. Epidemiologen können eine Epidemie mathematisch simulieren und so am Computer erforschen, welche Interventionen erfolgreich sein könnten – etwa Kindergärten oder Schulen zu schließen.

ZEIT Wissen: Gibt es solche Viren wie im Film auch in der Natur?

Jänisch: Das Virus im Film hat zwei entscheidende Eigenschaften, die bisher in der Natur nicht gemeinsam vorgekommen sind: Es verbreitet sich sehr schnell durch Tröpfcheninfektion, und es hat eine hohe Letalität, es sterben also viele der Infizierten.

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ZEIT Wissen: Also ist das Szenario im Film nicht realistisch?

Jänisch: Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass so etwas passiert – aber es ist auch nicht unmöglich.

ZEIT Wissen: Im Film versucht ein Vertreter der Seuchenbehörde, Panik durch Beschwichtigungen einzudämmen. Ist das der richtige Weg?

Jänisch: Eigentlich sollte immer sehr offen kommuniziert werden, um so das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. In der Praxis kommt es allerdings oft zu einer Gratwanderung zwischen der möglichen Überbewertung oder Unterbewertung der Gefährlichkeit.

ZEIT Wissen: Was heißt das?

Jänisch: Oft muss die Bevölkerung informiert werden, obwohl man noch nicht genug Daten hat . Wenn zu viel und unnötig gewarnt wird, kann eine Ermüdung eintreten, sodass die Menschen zukünftige Warnungen nicht mehr ernst nehmen. Noch schlimmer wäre allerdings, wenn zu wenig gewarnt und sich eine Epidemie unkontrolliert ausbreiten würde.

ZEIT Wissen: Wie gut sind wir denn auf eine Seuche wie in »Contagion« vorbereitet?

Jänisch: In den letzten Jahren hat man sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Eine Epidemie wie im Film wäre trotzdem eine Katastrophe.