RobotikMaschine mit Gefühl

Roboter werden bald als Pfleger oder Kellner unseren Alltag begleiten, prophezeien Forscher. In einem Großprojekt wollen sie einfühlsame und zurückhaltende Maschinen bauen – und bewerben sich um eine Rekordsumme an Fördergeldern. von Alexander Stirn

Der namenlose Roboter mit dem kräftigen grünen Arm ist alles andere als zutraulich. Will man ihm die Hand schütteln, zieht er sie zurück. Will man über seine metallischen Muskeln streicheln, weicht er aus. Selbst wenn man seine Finger nur leicht anhaucht, ergreift der massige Roboter die Flucht.

Die Maschine, die in einem Pausenraum der Technischen Universität München steht, war nicht immer so zurückhaltend. Gordon Cheng, Professor am Lehrstuhl für Kognitive Systeme , musste dem gelernten Fabrikroboter die Scheu vor dem Menschen erst beibringen. Es war mühsam, aber es war notwendig: »Die meisten Maschinen, die heutzutage in der Produktion eingesetzt werden, sind ziemlich gefährlich«, sagt Cheng. »Wenn wir sie raus aus den Fabriken und rein in die Gesellschaft bringen wollen, brauchen wir eine neue, einfühlsame Generation von Robotern.«

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Genau dieses Ziel hat sich das europäische Forschungsvorhaben Robot Companions for Citizens (Roboter-Begleiter für die Bürger, kurz Robocom) gesetzt. Mit fünf anderen Initiativen konkurriert es um den Titel eines Flaggschiff-Projekts der EU. Der Gewinner wird zehn Jahre lang mit bis zu einer Milliarde Euro gefördert.

Initiative

Mit ihrer »Flaggschiff-Initiative« will die EU-Kommission zwei visionäre Großprojekte in der Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) voranbringen. 26 Forscherteams haben ihre Ideen eingereicht – zuletzt kämpften noch sechs Kandidaten um die die Endausscheidung. Die zwei Sieger unter den Flaggschiff-Finalisten erhalten ab 2013 eine jährliche Projektunterstützung in Höhe von 100 Millionen Euro. Diese Projekte haben sich beworben.

Sensoren

Intelligente, autonome Minisensoren sollen uns künftig wie Schutzengel im Alltag begleiten. Sie könnten zum Beispiel vor Naturkatastrophen warnen oder verschiedene Körperfunktionen messen und die Daten an Ärzte weiterleiten. Forscher unter Führung der ETH in Zürich und Lausanne wollen die Technik-Engel entwickeln.

Graphen

Es gilt als Wundermaterial des 21. Jahrhunderts: Graphen ist eine Schicht aus Kohlenstoff, die nur eine Atomlage dünn ist, dabei stärker als Diamant und hundertmal fester als Stahl – jedoch leicht und flexibel. Unter Koordination der schwedischen Chalmers University of Technology soll das ganze Potenzial des Wunderstoffs erforscht werden.

Futur-ICT

Von einem »Wissensbeschleuniger« träumen Forscher um Dirk Helbing von der ETH Zürich. Sie wollen einen »Living Earth Simulator« schaffen, eine weltumspannende Analyseplattform, die mit Echtzeitdaten gefüttert wird und globale Abhängigkeiten und Zusammenhänge aufzeigt. Damit sollen sich zum Beispiel Krisen in Politik, Umwelt und Gesellschaft besser vorhersagen lassen.

HBP

Wie simuliert man das menschliche Gehirn? Und wie bringt man Computern »menschliches« Denken bei? Solche Fragen will ein europaweites Forscherkonsortium im Human-Brain-Project (HBP) unter Leitung von Henry Markram beantworten.

Medizin

Die maßgeschneiderte Therapie ist das Ziel eines Projektes, das der Berliner Genomforscher Hans Lehrach koordiniert. Eine riesige Datenbank soll mit allen vorhandenen medizinischen Informationen gefüttert werden und für jeden Patienten eine individuelle Behandlung ermöglichen.

Roboter

Begleitroboter könnten uns künftig in allen Lebenslagen zur Seite stehen. Davon träumen Forscher an der italienischen Scuola Superiore Sant’Anna. Ihr Ziel: Technische Gefährten mit emotionalen und kognitiven Fähigkeiten ausstatten und sie so zum gefälligen Diener des Menschen machen.

Viel Geld, viele Versprechen: »Unsere Roboter werden älteren Menschen erlauben, länger ein eigenständiges Leben zu führen, sie werden beim Kampf gegen Naturkatastrophen helfen und die menschliche Leistungsfähigkeit verbessern«, sagt Projektkoordinator Paolo Dario von der Scuola Superiore Sant’Anna in Pisa. Möglich werden soll das durch empfindsame Maschinen: Seit Jahrzehnten versuchen Forscher, ihre Maschinen vor allem mit möglichst schlauen Algorithmen auf alle Eventualitäten des Alltags vorzubereiten – mit mäßigem Erfolg. Jetzt wollen sie sich verstärkt an menschlichen oder tierischen Vorbildern orientieren, deren Augen oder Tastsinn nachbauen, das Verhalten nachahmen. Wie ein kleines Kind soll sich der Roboter seiner Umgebung bewusst sein und entsprechend sozial, emotional und sensibel auf sie reagieren.

ZEIT Wissen 6/2011
ZEIT Wissen 6/2011

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

Deshalb hat Gordon Cheng gemeinsam mit dem Doktoranden Philipp Mittendorfer eine Art Haut für seinen Roboter entwickelt. Die sechseckigen Sensoren registrieren Kräfte, Vibrationen und Temperaturänderungen. »Solch eine Haut kann nur ein erster, einfacher Schritt sein«, sagt Cheng. »Für Robocom müssen wir den aktuellen Stand der Technik weit hinter uns lassen und die Latte ganz hoch hängen.« Noch ist das Konsortium, dem neben der TU München und der Scuola Superiore Sant’Anna acht andere Institutionen angehören, damit beschäftigt, einen Fahrplan für die nächsten zehn Jahre aufzustellen. Und noch weiß es nicht so recht – so zumindest der Eindruck –, wie Robocom überhaupt aussehen soll.

Leserkommentare
  1. Ein alter Menschheitstraum droht in Erfüllung zu gehen. Gottgleich erschaffen wir "Leben".

    Naja, zumindest hoffen das einige. Ein Problem eines Roboters ist es ja, dass er nur ein einfaches Rechenwerk ist, dass man also auch nicht elektronisch, sondern auch mechanisch betreiben könnte, also etwa mit Kokosnüssen.

    Gibt es eine Kokosnüsseintelligenz. ( Es muss ja nur genug Kokosnüsse geben, um etwa die Vielzahl der Transistoren in einem Chip zu ersetzen ) Das wird jeder Mensch erst einmal intuitiv verneinen. Die Erdenkder der küsntlichen Intelligenz aber glauben genau das. Sollte es eines Tages den intelligenten Roboter geben, so ist es eben auch möglich, diesen "Programm" mit Kokosnüssen nachbilden zu können und da m,üsste dann ja eben diese "Intelligenz" entstehen.

    Und das Kokosnüsse Gefühle haben, ist ja noch einmal eine Stufe weiter ( Ausser etwa "Hilfe ich falle" traue ich einer Kokosnuss nicht allzuviel zu )

    • lyriost
    • 02. November 2011 8:29 Uhr

    Der Blick in die Zukunft unserer Zivilisation erfüllt mich stets mit Grauen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Sambuco
    • 04. November 2011 12:35 Uhr

    Das war schon immer so. Die Zukunft erleben wir nicht mehr. Wir sind dann tot. Und..werden vielleicht als anderes Ich in einem neuen selbst stecken, welches dann hoffentlich keine Maschine sein wird!

    • hurt
    • 02. November 2011 8:31 Uhr
    3. asdf?

    Unten bei der Seitenauswahl steht:

    "SEITE 2 asdf"

    Ich denke nicht, dass das so gewünscht ist... Auch wenn "asdf" auch mein liebster Platzhalter ist ;)

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    Redaktion

    Ja, was wollten wir als Redaktion damit bloß sagen?

    Danke liebe(r) hurt für den Hinweis. Unseren liebster Platzhalter habe ich nun doch durch eine aussagekräftigere Zwischenüberschrift ersetzt.

    Grüße aus der Redaktion!

  2. Und vielleicht sollte man spätestens jetzt auch offener über das bedingungslose Grundeinkommen diskutieren.

    2 Leserempfehlungen
  3. Redaktion

    Ja, was wollten wir als Redaktion damit bloß sagen?

    Danke liebe(r) hurt für den Hinweis. Unseren liebster Platzhalter habe ich nun doch durch eine aussagekräftigere Zwischenüberschrift ersetzt.

    Grüße aus der Redaktion!

    Antwort auf "asdf?"
    • goddi
    • 02. November 2011 9:27 Uhr

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen an der Diskussion. Danke. Die Redaktion/sc

  4. Dort fehlt es nämlich bisher gewaltig an Feingefühl und Sensibilität, jedenfalls für die Belange und Nöte der einfachen Bürger. Jenen Menschen, die nicht von einer finanziell gestählten Lobby gepampert werden, um allein die Belange der Kapital-"Eliten" bei den fleischlichen Akteuren in der Politik in das Zentrum von deren politischem Sinnen und Handeln und zu rücken scheinen.

    Bisher gleichen die politischen Protagonisten eher den derzeit bekannten Roboter-Typen. Zwar weniger was die Effizienz und Stringenz betrifft, sondern hinsichtlich des emotionalen Empfindungs-Spektrums in Bezug auf die ihnen anvertrauten, und ausgelieferten, Menschen, das den meisten politischen Akteuren so gänzlich abhanden gekommen zu sein scheint, sobald nur die Schalthebel der Macht, sowie die fetten Pfründe aus den Staatströgen, in Greifnähe rücken!

  5. Lieber Herr Stirn,

    "Maschinen mit Gefühl", "einfühlsame ... Maschinen", "Einfühlungsvermögen" ???

    Das hieße ja, die Roboter könnten sich in Menschen einfühlen, ihre Gefühle deuten sowie Bedürfnisse erkennen und entsprechend reagieren.

    Den Forschern geht es - Ihrem Artikel zufolge - jedoch offensichtlich "nur" um einen feineren Tastsinn und eine Programmierung, die auf vorsichtigere Bewegungen und Handlungen ausgelegt ist. Von Einfühlungsvermögen ist nicht die Rede.

    Warum also diese irreführende Wortwahl?

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