TrauerarbeitDer Tod der anderen

Jedes Jahr verlieren Millionen Deutsche einen geliebten Menschen. Die einen können den Verlust allein bewältigen, die anderen brauchen Unterstützung. Wann ist Hilfe nötig? von Alexandra Drescher

Der Anruf kam unerwartet. Eigentlich hatte Herbert Harnacke bis zum Schluss gehofft, dass irgendwie alles wieder gut werden würde. Doch jetzt musste er mit seinen drei Töchtern ins Hospiz fahren – an jenen Ort, an dem seine Frau die vergangenen Wochen verbracht hatte. Sie hatte den Kampf gegen den Krebs endgültig verloren. Zwei Tage lang nahmen die vier Abschied von der Toten. »Sie sah wunderschön aus«, erinnert sich Harnacke. Heute, viereinhalb Jahre später, hallt das Lachen der Kinder durchs Haus. Und der Vater ist kein gebrochener Mann, sondern strahlt Zuversicht aus. »Natürlich war das alles schlimm. Und ich liebe meine Frau noch immer«, sagt der 48-Jährige. »Aber das Leben geht weiter.«

Auch Karin Meißner* war überrascht von dem Anruf. Auch sie hatte bis zum Schluss gehofft. Dann fuhr sie mit ihrem Sohn ins Krankenhaus, wo ihr Mann vergebens versucht hatte, dem Krebs zu trotzen. Im Aufbahrungsraum der Klinik konnten sie gerade mal eine Viertelstunde lang Abschied von ihm nehmen. Und noch heute, fünf Jahre später, denkt Karin Meißner wehmütig an den Mann zurück, mit dem sie über ein halbes Jahrhundert zusammen war. »Wir haben immer alles gemeinsam gemacht«, sagt die 70-Jährige. »Eigentlich war uns klar: Keiner soll allein zurückbleiben – wenn, dann gehen wir beide.« Der schmerzliche Verlust quält sie noch heute, bis vor Kurzem war er stets gegenwärtig.

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Warum reagieren Menschen so unterschiedlich auf seelisches Leid? Warum fallen die einen um, warum geraten die anderen nur ins Wanken? Wie können Freunde helfen – und was kann man selbst für sich tun?

ZEIT Wissen 6/2011
ZEIT Wissen 6/2011

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Magazin, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen

Jahr für Jahr sterben mehr als 850.000 Menschen in Deutschland. Der Tod bricht in ihre Familie ein und raubt den Angehörigen einen geliebten Menschen: die Mutter, den Vater, Geschwister, das Kind oder den Partner. Es ist der Augenblick, der das Leben für viele in ein Davor und ein Danach teilt. In dem plötzlich nichts mehr so ist, wie es war. Der Alltag gerät dabei manchmal aus den Fugen, der Glaube an eine Zukunft schwindet. Viele der Hinterbliebenen sind erst mal überwältigt von Angst, Wut, Verzweiflung – und dennoch bleiben die meisten allein mit ihrem Leid.

»Früher hat die Gesellschaft den Einzelnen in solchen Momenten gestützt, heute ist das Trauern eine individuelle Angelegenheit geworden«, sagt der Berner Psychologe und Trauerforscher Hansjörg Znoj. Bei einer Umfrage des Bundesverbandes Deutscher Bestatter beklagten vor Kurzem 67 Prozent der Befragten, dass die Öffentlichkeit das Thema Tod verdränge. In vielen Kulturen ehren die Menschen ihre Toten bis heute mit aufwendigen Zeremonien, an denen vom Kind bis zum Greis die gesamte Dorfgemeinschaft teilnimmt. In Deutschland und der westlichen Welt hingegen ist der Tod im Alltag nicht mehr präsent.

Schwarze Kleidung erinnert nicht mehr an einen Verstorbenen, sondern wurde zum Modetrend; das Trauerjahr hat ausgedient und viele Menschen verzichten auf Kondolenzbesuche, weil sie mit dem Tod nicht umgehen können. Geblieben ist die Beerdigung als letztes Ritual, das den Hinterbliebenen den Abschied leichter machen kann. Und manch einer, der mit Kirche und Glauben nie viel zu tun hatte, erinnert sich in solch einer existenziellen Situation plötzlich daran, wie hilfreich eine christliche Zeremonie sein kann.

»Sehr häufig bitten Angehörige um eine kirchliche Beisetzung, selbst wenn der Verstorbene ausgetreten war«, sagt Jan von Campenhausen, Pfarrer im Kirchenamt der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). Meist werde dem Wunsch entsprochen, den Hinterbliebenen zuliebe, denen man Trost und Hoffnung geben wolle. Campenhausen weiß: »Menschen in schwierigen Situationen brauchen einen verlässlichen Ritus, und die Kirche steht für das Hoffen über den Rand des Grabes hinaus.«

Bei der Beerdigung zeremoniell Abschied zu nehmen ist ein erster Schritt, das eigentlich Unfassbare zu realisieren: den Tod. Wer einen wichtigen Menschen verloren hat, muss sein Leben neu ausrichten. Das braucht Zeit – mal mehr, mal weniger. Die Mehrheit der Hinterbliebenen erholt sich bereits nach einigen Wochen. Es gelingt ihr, mit der Traurigkeit umzugehen. Trotz des schmerzlichen Verlustes verlieren diese Menschen nicht den Boden unter den Füßen, können den Alltag wie üblich bewältigen. Ihre Trauer durchläuft meist vier Phasen, stellt Verena Kast fest; die Professorin lehrt an der Universität Zürich sowie am dortigen C. G. Jung-Institut und ist Vorsitzende der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie.

Leserkommentare
  1. Sehr schöner Artikel! Auch bei Trennungen gibt es ähnliche Symptome. Wer verlassen wurde oder sich von jemand getrennt hat, muss eine solche Phase durchleben.

    2 Leserempfehlungen
  2. psychologisch zielführender, durchdachter und nüchterner Artikel. Toll! Wer einen Verlust erfahren hat, wird sich hier schnell wiedererkennen.

    Eine Leserempfehlung
    • qbrick
    • 13. November 2011 13:44 Uhr

    Den Menschen fehlen tatsächlich grundlegende Kulturtechniken, wenn Artikel wie dieser, der niemand überfordert, weil er das Thema einführend behandelt, begrüßt werden.

    Eine Leserempfehlung
    • X12
    • 13. November 2011 14:26 Uhr

    Also ich hab nur ein Problem:

    Es wird ja richtig angemerkt, dass Leute mit unzureichenden sozialen Kontakten besonders hadern und dass zurecht die meisten beklagen, dass der Tod "verdrängt" wird bzw. dass keiner mehr hilft.

    Dann wird aber doch die soziale Isolation gepriesen, Schuld- und Schamgefühle gesäht, um den bequemen Leuten zu gefallen. Wo?

    Na, wir sollen ja gefälligst keine Opfer sein! Immer wieder dasselbe. Es ist das Gegenteil von dem Trauernden einfach nur mal zuhören. Zwischen rational und emotional klafft eine Kluft, die man erst mal wahrnehmen muss. In der Suchphase dreht sich der Trauernde im Kreis. Hier ist Geduld gefragt statt Kalenderweisheiten.

    Mein Rat: Reden und Zuhören. Und sich nicht schämen. Damit lassen sich emotionale Belastungen am besten aufarbeiten. Sind einige Mitmenschen dafür zu bequem, geht man raus aus dem Haus und sucht sich Freunde, die es wert sind! Die meisten Leute haben das Zeug dazu und die bequemen...zum Henker mit denen! ;-)

    • essilu
    • 13. November 2011 15:46 Uhr

    ...gewonnen - gewinnen müssen - dass in der hiesigen Gesellschaft das "Trauern" bzw. die "Trauer" verloren gegangen ist. Sie wird geradezu unterdrückt, ist nicht erwünscht...und wird gar zur Beerdigung "steril" - dank Angeboten wie "24 Std. Billigbestatter" - zügig und schnell mit ins Grab geworfen...Pietätslos empfinde ich derartige Angebote, wie ich es in Berlin gesehen habe. Genau gegenüber dem Eingang zu einer grossen Klinik...Wenn man in einer solchen Klinik einen Menschen weiß, den man sehr gern hat, der einem wichtig ist und dessen Leben in Gefahr ist, dann ist es ein Schlag ins Gesicht, wenn man nach dem Besuch an der Bushaltestelle steht...und auf die grelle Werbung eines solchen Bestatters schaut! Der Tod...ein Geschäft. Ich weiss.
    In der hiesigen Gesellschaft ist die Zeit des Trauerns, die Zeit, Abschied zu nehmen, unerwünscht. Sie stört das "Leben", das immer schneller, immer "effizienter funktionieren" soll.
    In vielen südlichen Kulturen gibt es noch die sogenannten "Klageweiber". Ein wichtiger Teil der Trauerkultur, denn sie ermöglichen den Trauernden, ihren Schmerz über den Verlust zeigen zu dürfen...statt ihn tunlichst vor anderen verbergen zu müssen, weil er stört.
    Wie schmerzlich, zu lesen, dass Zurückgebliebenen gerade einmal eine Viertelstunde Zeit gelassen wurde, um im Aufbahrungsraum der Klinik Abschied nehmen zu können!

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  3. ist, dass man ehrlich zu sich selbst ist. Dann weiß man auch, ob man Hilfe braucht oder nicht.

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