TrauerarbeitDer Tod der anderen
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Die vier Phasen der Trauer

Im ersten Moment bewirkt der Tod des geliebten Menschen oft eine Art Schockzustand, der stunden- oder tagelang anhalten kann. Der Trauernde kann nicht fassen, was geschehen ist, und fühlt sich wie erstarrt. In dieser Phase braucht er womöglich jemanden, der ihm ganz praktisch beim Erledigen alltäglicher Aufgaben hilft. Anschließend brechen meist die Emotionen auf. Der Hinterbliebene wird überwältigt von Gefühlen wie Angst oder auch Wut und sucht verzweifelt nach einer Erklärung für den Verlust, den er erleiden musste. In diesem Gefühlschaos braucht er vor allem jemanden, der einfach nur zuhört.

Irgendwann beruhigen sich üblicherweise die überbordenden Gefühle, doch in vielen kleinen Situationen des Alltags fühlt sich der Trauernde an den Verstorbenen erinnert – und muss sich immer wieder bewusst machen, dass es den schmerzlich vermissten Menschen nicht mehr gibt. Diese Phase, die Kast die des Suchens und Sich-Trennens nennt, kann Wochen, aber auch Jahre dauern. Sie erfordert vom Umfeld Geduld und Nachsicht, weil sich vieles im Kreis zu drehen scheint. Erst wenn sich das Suchen abschwächt, öffnet sich der Blick für die Zukunft: Der Trauernde beginnt, die Welt und sich selbst neu zu entdecken. Möglich ist, dass ihm die Helfer früherer Phasen dabei sogar als Hindernis erscheinen – und er nach neuen Freunden für ein neues Leben sucht.

Trauern funktioniert nach keinem Schema

Schematisieren lässt sich der Prozess der Trauer allerdings nicht. Nicht jeder Mensch erlebt das Abschiednehmen in gleicher Weise und schon gar nicht nach dem gleichen Zeitplan. Und auch die Voraussetzungen, den Verlust endgültig zu verkraften, sind unterschiedlich. Das stellte der Psychologe und Traumaforscher George A. Bonanno fest, der an der Columbia University in New York lehrt. Er hat herausgefunden, dass es rund zehn Prozent der Hinterbliebenen langfristig schwerfällt, mit dem Tod eines engen Angehörigen fertig zu werden. Sie erleben, was Psychologen eine »komplizierte Trauer« nennen. Sie quälen sich jahrelang und sehnen sich dauerhaft nach dem Verstorbenen.

Weitere zwanzig Prozent leiden ebenfalls stark – mit dem Unterschied, dass sie nach einigen Monaten wieder wie früher wirken. Dass sie irgendwie funktionieren, obwohl sie innerlich immer noch sehr verletzt sind. Sie alle können Hilfe brauchen.

Herbert Harnacke wusste nach dem Tod seiner Frau sofort, dass er es nicht allein schaffen würde, das Geschehen zu verarbeiten. Tagsüber arbeitete er zwar, als sei nichts geschehen, und abends kümmerte er sich um seine kleinen Töchter. Doch nachts, wenn im Haus alles still war, konnte er kaum schlafen. Seine Gedanken kreisten immer wieder um die Frage: Wie kann es weitergehen? Also suchte Herbert Harnacke Unterstützung. Er sprach mit Psychologen, ging mit seinen Kindern zu Trauerseminaren, machte mit ihnen eine Kur und tauschte sich über das Internetforum verwitwet.de mit anderen Hinterbliebenen aus.

Nach einigen Wochen gestaltete er das Schlafzimmer um. »Die Kinder wollten überall ein Bild von ihr stehen haben«, erinnert er sich. »Aber ich brauchte zumindest einen trauerfreien Raum.« Fragt man ihn, wie intensiv seine Trauer jetzt noch ist, zeigt er auf den Küchentisch: »Anfangs nahm sie die Hälfte der Platte ein. Heute hat sie sich in eine Ecke zurückgezogen, die mal größer, mal kleiner wird. Sie ist ein Teil meines Lebens.« Aber sie dominiert seinen Alltag nicht mehr.

Tatsächlich geht es bei der Trauer nicht darum, etwas hinter sich zu lassen oder abzulegen wie einst die schwarze Kleidung nach dem Trauerjahr. Als Prozess dient sie dazu, den Schmerz zu verarbeiten. Das kann schneller gehen oder mag auch langsamer gelingen. »Die Zeit ist kein Kriterium«, sagt der Berner Psychologe Znoj. »Und jeder trauert anders.«

Manche brauchen nur ein paar Monate dafür, den Verlust zu bewältigen, andere Jahre. Einigen Menschen helfen Grabbesuche oder Gebete; manche machen alles mit sich allein aus, vielen helfen Gespräche. »Wichtig ist allein, dass die Hinterbliebenen den Blick dabei nach innen richten, den Verlust akzeptieren, ihre Beziehung zum Verstorbenen verändern und dadurch wieder nach vorne schauen können«, sagt Rita Rosner, Trauerforscherin und Psychologin an der Katholischen Universität Eichstätt.

Besonders gut gelingt das Menschen, die über genügend Resilienz verfügen. So bezeichnet man die seelische Widerstandskraft, die selbst in schwierigen Situationen Halt gibt; das Wort ist aus dem lateinischen »resilire« für zurückfedern abgeleitet. »Resiliente Menschen können sich neuen Umständen gut anpassen. Sie erstarren nicht dauerhaft in ihrer Trauer, sondern stellen nach einer Weile die emotionale Balance wieder her. Sie haben eine entsprechende Persönlichkeitsstruktur«, sagt Karena Leppert vom Institut für psychosoziale Medizin und Psychotherapie der Uniklinik Jena. »Sie haben Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten und fühlen sich nicht als Spielball des Schicksals. Auch bei Belastungen können sie dem, was geschehen ist, einen Sinn geben. Und sie suchen für sich Erfahrungen und Beziehungen, die ihnen guttun.« Sie empfinden und handeln wie Herbert Harnacke, der Sätze sagt wie: »Ich habe mich nie als Opfer gesehen.« Oder: »Ich musste aktiv werden.«

Es braucht viel seelische Stärke, um zu akzeptieren, was wir nicht ändern können, und die eigenen Kräfte nicht im Hadern zu vergeuden. Resiliente Menschen können, wie der amerikanische Wissenschaftler Bonanno feststellt, selbst unter den widrigsten Umständen auch Momente der Freude erleben.

Denjenigen, die in eine komplizierte Trauer verfallen, gelingt das nicht. Sie versinken in ihrem Leid und hadern. Weil sie den Verlust der geliebten Person nicht annehmen können, sind sie dauerhaft im Alltag eingeschränkt. Sie leiden extrem, ziehen sich zurück und haben das Gefühl, dass das Leben keinen Sinn mehr hat. Manchen Hinterbliebenen gelingt es einfach nicht, sich aus eigener Kraft aus dieser Abwärtsspirale zu befreien. Andere fühlen sich geradezu verpflichtet, lange zu leiden – etwa, wenn sie Jahrzehnte mit dem Verstorbenen zusammen waren. »Viele glauben: Wenn es mir schnell wieder gut geht, ist die Beziehung nichts wert gewesen«, sagt Rita Rosner.

Komplizierte Trauer kann viele Ursachen haben. Sie kommt vor bei Menschen, die in ihrer Beziehung zum Verstorbenen zu wenig Eigenleben entwickelt haben – die nicht wussten, was sie selbst wollten, und kein soziales Netz besaßen. Auch wer bereits psychisch erkrankt war oder in der Kindheit keine sicheren Bindungen erleben durfte, ist gefährdet. Zudem kann die Art des Todes bewirken, dass die Angehörigen in der Trauer versinken: Wenn er plötzlich hereinbrach, etwa durch einen Unfall, und sie vom Sterbenden nicht Abschied nehmen konnten, ist die Gefahr größer, dass der Schmerz anhält.

Auch Karin Meißner fühlte sich vom Tod überrumpelt. Als ihr Mann ins Krankenhaus kam, wusste sie nicht, wie schlimm es um ihn steht. »Er sagte nur ›Das wird behandelt‹ und verriet nichts über seinen wirklichen Zustand.« Er wollte wohl verhindern, dass sie sich Sorgen machte. Die Viertelstunde, die ihr dann im Krankenhaus für den unerwarteten Abschied von dem Toten blieb, reichte dann einfach nicht.

Heute, fünf Jahre später, steht sie immer noch im inneren Dialog mit ihrem verstorbenen Mann. »Ich weiß, dass er tot ist«, sagt Karin Meißner. »Aber ich hätte ihn so gern zurück. Ich fühle mich allein ohne ihn.« Einerseits denkt sie täglich daran, was er wohl in dieser oder jener Situation getan hätte. Andererseits fürchtet sie die Erinnerung an die gemeinsame Zeit. Sie hört keine CDs mehr, »denn das ist alles unsere gemeinsame Musik«. Und wenn im Fernsehen eine Sendung über Italien kommt, schaltet sie ab: »Dort haben wir immer schöne Urlaube verbracht.«

Komplizierte Trauer ist heilbar. Psychologen haben verschiedene Therapien entwickelt. Und wer um die Risikofaktoren weiß, kann vorsorgen. Viele Resilienzforscher meinen, dass sich die seelische Widerstandskraft, mit der wir Krisen überwinden, sogar noch im Erwachsenenalter gezielt fördern lässt: indem wir in uns hineinhorchen und unsere Bedürfnisse ergründen, uns mit Menschen umgeben, die uns guttun, und Aufgaben suchen, die befriedigen. Karin Meißner ist auf dem Weg dorthin: Vor Kurzem ist sie umgezogen und hat die neue Wohnung nach ihren Vorstellungen ausgebaut. In den Sommerferien waren ihre Enkel fast jeden Tag bei ihr. Dass sie von ihrer Familie gebraucht werde, sagt sie, gebe ihr Kraft. So hat sie sich nun doch getraut und einen Urlaub gebucht – Italien. Mit ihrem Bruder und der Schwägerin. Und sie zweifelt: Wie es wohl werden wird – ohne ihn? Doch es ist ein Anfang. Es scheint zu beginnen – ihr Leben nach dem Tod.

* Name von der Redaktion geändert

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Leserkommentare
  1. Sehr schöner Artikel! Auch bei Trennungen gibt es ähnliche Symptome. Wer verlassen wurde oder sich von jemand getrennt hat, muss eine solche Phase durchleben.

  2. psychologisch zielführender, durchdachter und nüchterner Artikel. Toll! Wer einen Verlust erfahren hat, wird sich hier schnell wiedererkennen.

    • qbrick
    • 13. November 2011 13:44 Uhr

    Den Menschen fehlen tatsächlich grundlegende Kulturtechniken, wenn Artikel wie dieser, der niemand überfordert, weil er das Thema einführend behandelt, begrüßt werden.

    • X12
    • 13. November 2011 14:26 Uhr

    Also ich hab nur ein Problem:

    Es wird ja richtig angemerkt, dass Leute mit unzureichenden sozialen Kontakten besonders hadern und dass zurecht die meisten beklagen, dass der Tod "verdrängt" wird bzw. dass keiner mehr hilft.

    Dann wird aber doch die soziale Isolation gepriesen, Schuld- und Schamgefühle gesäht, um den bequemen Leuten zu gefallen. Wo?

    Na, wir sollen ja gefälligst keine Opfer sein! Immer wieder dasselbe. Es ist das Gegenteil von dem Trauernden einfach nur mal zuhören. Zwischen rational und emotional klafft eine Kluft, die man erst mal wahrnehmen muss. In der Suchphase dreht sich der Trauernde im Kreis. Hier ist Geduld gefragt statt Kalenderweisheiten.

    Mein Rat: Reden und Zuhören. Und sich nicht schämen. Damit lassen sich emotionale Belastungen am besten aufarbeiten. Sind einige Mitmenschen dafür zu bequem, geht man raus aus dem Haus und sucht sich Freunde, die es wert sind! Die meisten Leute haben das Zeug dazu und die bequemen...zum Henker mit denen! ;-)

    • essilu
    • 13. November 2011 15:46 Uhr

    ...gewonnen - gewinnen müssen - dass in der hiesigen Gesellschaft das "Trauern" bzw. die "Trauer" verloren gegangen ist. Sie wird geradezu unterdrückt, ist nicht erwünscht...und wird gar zur Beerdigung "steril" - dank Angeboten wie "24 Std. Billigbestatter" - zügig und schnell mit ins Grab geworfen...Pietätslos empfinde ich derartige Angebote, wie ich es in Berlin gesehen habe. Genau gegenüber dem Eingang zu einer grossen Klinik...Wenn man in einer solchen Klinik einen Menschen weiß, den man sehr gern hat, der einem wichtig ist und dessen Leben in Gefahr ist, dann ist es ein Schlag ins Gesicht, wenn man nach dem Besuch an der Bushaltestelle steht...und auf die grelle Werbung eines solchen Bestatters schaut! Der Tod...ein Geschäft. Ich weiss.
    In der hiesigen Gesellschaft ist die Zeit des Trauerns, die Zeit, Abschied zu nehmen, unerwünscht. Sie stört das "Leben", das immer schneller, immer "effizienter funktionieren" soll.
    In vielen südlichen Kulturen gibt es noch die sogenannten "Klageweiber". Ein wichtiger Teil der Trauerkultur, denn sie ermöglichen den Trauernden, ihren Schmerz über den Verlust zeigen zu dürfen...statt ihn tunlichst vor anderen verbergen zu müssen, weil er stört.
    Wie schmerzlich, zu lesen, dass Zurückgebliebenen gerade einmal eine Viertelstunde Zeit gelassen wurde, um im Aufbahrungsraum der Klinik Abschied nehmen zu können!

  3. ist, dass man ehrlich zu sich selbst ist. Dann weiß man auch, ob man Hilfe braucht oder nicht.

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