PRO von Gerhard Börner

Wer meint, dass Naturwissenschaftler nicht religiös sein können, hängt dem mechanistischen Weltbild des 19. Jahrhunderts an. Damals schien es, als ließe sich die Welt durch die Bewegung und Kollision kleinster Partikel erklären. Eine Illusion, wie man heute weiß: Die Quantenmechanik zeigt, dass sich Materie ständig wandelt und verflüchtigt. Und der modernen Kosmologie zufolge hat sich das Universum aus einem Urknall entwickelt, in dem Raum, Zeit und Energie entstanden sind. Kategorien wie Raum und Zeit, nach denen wir unsere Erfahrungen ordnen, sind Veränderungen unterworfen. Das schafft Freiraum für den religiösen Glauben.

Der nicht religiöse Naturwissenschaftler versucht, alles, was ist, auf physikalische Größen und Prozesse zu reduzieren. Für den gläubigen Forscher besteht der Sinn im Wirken des Schöpfers, der die Welt im Innersten zusammenhält. Beide Einstellungen sind Glaubenssache, sind möglich, sind naturwissenschaftlich weder zu beweisen noch zu widerlegen, beeinflussen auch keineswegs die Methodik und die Ergebnisse der Forschung. Sicher wissen können wir nur das, was uns die Naturwissenschaft sagt, aber sie schweigt zu vielen Fragen, die uns tief berühren. Ob ein Forscher diese Fragen als glücklicher Atheist oder als tief Glaubender beantwortet, bleibt seine persönliche Entscheidung.