PRO von Gerhard Börner

Wer meint, dass Naturwissenschaftler nicht religiös sein können, hängt dem mechanistischen Weltbild des 19. Jahrhunderts an. Damals schien es, als ließe sich die Welt durch die Bewegung und Kollision kleinster Partikel erklären. Eine Illusion, wie man heute weiß: Die Quantenmechanik zeigt, dass sich Materie ständig wandelt und verflüchtigt. Und der modernen Kosmologie zufolge hat sich das Universum aus einem Urknall entwickelt, in dem Raum, Zeit und Energie entstanden sind. Kategorien wie Raum und Zeit, nach denen wir unsere Erfahrungen ordnen, sind Veränderungen unterworfen. Das schafft Freiraum für den religiösen Glauben.

Der nicht religiöse Naturwissenschaftler versucht, alles, was ist, auf physikalische Größen und Prozesse zu reduzieren. Für den gläubigen Forscher besteht der Sinn im Wirken des Schöpfers, der die Welt im Innersten zusammenhält. Beide Einstellungen sind Glaubenssache, sind möglich, sind naturwissenschaftlich weder zu beweisen noch zu widerlegen, beeinflussen auch keineswegs die Methodik und die Ergebnisse der Forschung. Sicher wissen können wir nur das, was uns die Naturwissenschaft sagt, aber sie schweigt zu vielen Fragen, die uns tief berühren. Ob ein Forscher diese Fragen als glücklicher Atheist oder als tief Glaubender beantwortet, bleibt seine persönliche Entscheidung.

Contra von Bernulf Kanitscheider

CONTRA von Bernulf Kanitscheider

Die Vereinbarkeit des naturwissenschaftlichen Weltbildes mit den Aussagen der monotheistischen Religionen hängt davon ab, ob der gläubige Wissenschaftler die Behauptungen der Religion wirklich ernst nimmt oder sie nur als Allegorien ansieht. Wenn er die theologischen Lehrsätze im Sinne einer zutreffenden Beschreibung akzeptiert, muss er an eine echte Kontaktzone von materieller Realität und spiritueller Transzendenz glauben.

Dann sind etwa die Unsterblichkeit der Seele, die ex nihilo Erschaffung des Universums und die Existenz von Wundern tatsächliche, in die empirische Welt hineinreichende Wirkungen der Transzendenz, so wie es von der katholischen Kirche gelehrt wird. Das führt zu Widersprüchen, die sich nur auflösen, wenn der Wissenschaftler die Überschneidungen des natürlichen und religiösen Bereichs leugnet. Die Glaubensinhalte erhalten dann einen rein psychologischen Status. Deshalb kann ein konsequenter Wissenschaftler nur gläubig sein, wenn er den dogmatischen Gehalt des Theismus – anders als die Kirche – als Bild oder Gleichnis betrachtet.

Die Frage nach dem Sinn unseres endlichen Daseins wird auch von säkularen Philosophen beantwortet und zwar keineswegs nur in nihilistischer Weise. Kein ungläubiger Wissenschaftler, der ein wenig begrifflich geschult ist, versucht Sinnfragen auf physikalische Kategorien zu reduzieren.