Glaube und WissenschaftKönnen gute Wissenschaftler religiös sein?

Gott hat in der Naturwissenschaft keinen Platz – dennoch sind viele Forscher gläubig. Kann das gut gehen? Darüber diskutieren ein Physiker und ein Philosoph. von Gerhard Börner und Bernulf Kanitscheider

PRO von Gerhard Börner

Gerhard Börner
Gerhard Börner

Der 70-Jährige Kosmologe forscht am Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching

Wer meint, dass Naturwissenschaftler nicht religiös sein können, hängt dem mechanistischen Weltbild des 19. Jahrhunderts an. Damals schien es, als ließe sich die Welt durch die Bewegung und Kollision kleinster Partikel erklären. Eine Illusion, wie man heute weiß: Die Quantenmechanik zeigt, dass sich Materie ständig wandelt und verflüchtigt. Und der modernen Kosmologie zufolge hat sich das Universum aus einem Urknall entwickelt, in dem Raum, Zeit und Energie entstanden sind. Kategorien wie Raum und Zeit, nach denen wir unsere Erfahrungen ordnen, sind Veränderungen unterworfen. Das schafft Freiraum für den religiösen Glauben.

Der nicht religiöse Naturwissenschaftler versucht, alles, was ist, auf physikalische Größen und Prozesse zu reduzieren. Für den gläubigen Forscher besteht der Sinn im Wirken des Schöpfers, der die Welt im Innersten zusammenhält. Beide Einstellungen sind Glaubenssache, sind möglich, sind naturwissenschaftlich weder zu beweisen noch zu widerlegen, beeinflussen auch keineswegs die Methodik und die Ergebnisse der Forschung. Sicher wissen können wir nur das, was uns die Naturwissenschaft sagt, aber sie schweigt zu vielen Fragen, die uns tief berühren. Ob ein Forscher diese Fragen als glücklicher Atheist oder als tief Glaubender beantwortet, bleibt seine persönliche Entscheidung.

Anzeige
Leserkommentare
    • _bla_
    • 20. Oktober 2011 8:44 Uhr

    "Transsubstantiation bedeutet die Annahme, dass die Hostie physisch das Fleisch von Jesus Christus wird."

    Ähm, da unterschlagen Sie aber die Trennung in Substanz und Akzidenz, die von der Transsubstantiation vorausgesetzt wird. Die Akzidenz, also die mess- und wahrnehmbaren Eigenschaften, der Hostie bleiben auch die Transsubstantiation gleich. Die Physik beschäftigt sich lediglich mit den messbaren Eigenschaften der Materie. Eine Änderung der Substanz ohne Änderung der Akzidenz kann die Physik nie überprüfen. Sie bleibt reine Glaubenssache.

    Antwort auf "Hmm... dünnes Eis."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Crest
    • 20. Oktober 2011 17:03 Uhr

    und stellen uns vor, wir sehen den äußeren Prozess der Wandlung während einer Eucharistiefeier.

    Was sagen wir jemandem, der die Transsubstantiation in diesem Fall bezweifelt, weil er sich auf den Standpunkt stellt, dass wir es mit nicht einem geweihten Priester zu tun hätten?

    Veweisen wir auf die Prozesse der innerkirchlichen Qualitätssicherung, die so etwas ausschließen sollten? Lassen wir uns Dokumente vorlegen, die zeigen, dass besagter Priester tatsächlich ein <em>geweihter</em> Priester ist?

    Was ist anders gefragt ein darauf basierender Substanzbegriff (linguistisch) überhaupt noch wert?

    Und direkt gefragt: Die Loslösung des Substanzbegriffs von messbaren Eigenschaften, machte der aus dem Substanzbegriff nicht einen durch und durch <em>leeren</em> Begriff?

    Herzlichst Crest

  1. ... ihre 99% empirisch belegen wie Sie das zuvor von den Verfassen mit ihren "vielen gläubigen Wissenschaftlern" selbst gefordert haben.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Leading Scientists Still Reject God." Nature, 1998; 394, 313.

    Nun ja, die sprechen von 93% (Stand 1998). Ich hatte vielleicht mit 99% uebertrieben. Es entspricht meiner persoenlichen Erfahrung, nach 15 Jahren Laufbahn in mehreren Laendern und verschiedenen Institutionen.

    Der grosse "bulk" von uns, hat damit allerdings nichts am Hut.

    • kyon
    • 20. Oktober 2011 8:48 Uhr

    Die Vorstellung, dass ein rational denkender Forscher glaubt, ein Gott habe mittels eines Geistes eine Jungfrau geschwängert und den so entstandenen Sohn später als Menschenopfer zur Rettung der Welt dargegebracht oder dass ein gewisser Erzengel Gabriel einem kriegslüsternen, frauen- und kinderversklavenden und zu Massenhinrichtungen fähigen Mann die letzte göttliche Wahrheit ins Ohr geflüstert haben soll oder dass ein Gott zum Zeichen des Bundes die Vorhaut von Jungen für sich beansprucht oder dass es Elefanten- oder Affengötter gegen soll ( oder dass...), ist schon befremdlich.

  2. Logisch widersprechen sich NW und Religion nicht, schließlich sind die Religionen so vage und dehnbar, dass man immer jede empirische Beobachtung wegerklären kann ("Der Teufel hat die Fossilien versteckt.", "Der Teufel sorgt dafür, dass Radionukliddatierungsmethoden uralte Zeiten ausspucken, die vor der biblischen Erschaffung der Welt liegen.", "Gott existiert außerhalb der Welt", etc.pp.). Durch solche Ad-Hoc-Erklärungen sind die Religionen recht resistent gegen logische Widerspruche zu den Beobachtungen der NW.

    Aber: Es gibt sehr wohl einen _methodologischen_ Widerspruch wenn ein Naturwissenschaftler gleichzeitig religiös ist. Einerseits legt er während seiner Arbeit die hohen empirischen Standards der NW an; andererseits ist er in seinem Privatleben bereit, die wirrsten, unplausibelsten Behauptungen einfach nur deshalb zu akzeptieren, weil irgendwer die vor 2000 Jahren in ein Buch geschrieben hat.

    Mir als Wissenschaftler ist völlig unklar, wie man diese beiden Denkweisen in einer Persönlichkeit vereinen kann. Wie schafft man es, seinen gesunden Menschenverstand einfach auszuschalten, sobald man abends das Institut verlässt?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Religionen beschreiben auch die Wirklichkeit und liefern nicht wissenschaftliche Erklärungen für gesellschaftlichen und naturwissenschaftliche Phänomene.
    Religionen sind aber anders als Naturwissenschaften nicht unhistorisch und auch nicht unsozial.
    Religionen sind also ohne ihre Gemeinschaften ebenso undenkbar, wie eben auch z.B. politische Parteien oder schlicht wie ein Stamm oder eine Nation.
    Das hat Folgen hinsichtlich der Bewertung von Antworten jenseits der naturwissenschaftlichen Erkenntnis.
    Der gläubige Wissenschaftler unterscheidet sich vom Nichtgläubigen in etwa so wie der "Homo Ökonomicus" der neoliberalen Wirtschaftsideologie von den realen ökonomischen Handlungen der Menschen.

    Die Wahrheit liegt dabei regelmäßig zwischen den beiden Extremen, abhängig davon welcher verifizierbare Erkenntnisstand erreicht wird.
    Dabei befruchtet Religion eben auch die Wissenschaft durch unorthodoxe Antworten, die schlicht mangels Fortschritt und geschlossener Gedankenmodelle den Blickwinkel der Forschung verengen. Ebenso stellt die Naturwissenschaft durch ihre Erkenntnisse überholte Erklärungen der Religion ständig in Frage.
    Auf beiden Seiten wird dabei historischer und sozialer Balast mitgeschleppt, der naturgemäß auf Seiten der Rligion größer sein muss.
    Denn Religion mit ihrer Gemeinschaftsfunktion muss erst Wege finden soziale und historische Vorstellungen zu transformieren.
    Wovon die Wissenschaft Dank der Trennung von der Theologie und der Säkularisation frei ist.

    H.

  3. Ich stimme Ihnen insoweit zu, als dass sich "Aberglaube" vermutlich von selbst gebildet hat. Die Urmenschen haben seltsame Phänomene beobachtet, konnten sie nicht erklären, und haben sich also irgendwas zusammengereimt.

    Es erscheint mir aber plausibel, dass es dann recht schnell einen der schlaueren, weniger ängstlichen Urmenschen gab, der erkannte, wie er sich das zunutze machen kann, indem er die ängstlicheren manipuliert. Er wurde dann zum Schamanen, hatte damit seinen sozialen Status verbessert. Und somit war die "organisierte Religion" geboren.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • TDU
    • 20. Oktober 2011 9:40 Uhr

    Welche seltsamen Phänomene meinen Sie?. Blitz, Donner, Dürren bei den Griechen sogar Eifersucht, Intrigen und das Problem, wer ist die Schönste im Land?. Das waren reale Erfahrungen, die Angst machten.

    Der Mensch versucht, Erklärungen zu finden. Und wie anders hätte man alles erklären können als durch Menschen verursacht, die allerdings mehr Macht hatten, also Götter.

    Da wo sie nicht waren, wurde der Natur die "göttliche" bewusste und gestaltende Kraft zugewiesen.

    Der Atheismus konnte da gar nicht existieren, denn welche Erklärung hätte der Atheist gehabt für die Phänomene? Ihre Annahme, einer habe erfunden unterstellt, er hätte eine Alternative gehabt. Die Lehre vom einen Gott war insofern schon ein Fortschritt.

    Und der nächste Fortschritt war, dass man erkannte, dass die Phänomene im weltlichen Zusammenhang entstehen. Erst ab dann war überzeugender Atheismus möglich. Denn der Atheist hatte in Bezug auf die Phänomene was zu bieten.

  4. wenn man den Untetitel so liest stellt man sich zwangsläufig diese Frage, weil ein nicht existenter Gegensatz zwischen Religion und Naturwissenschaften unterstellt wird.

    Als Provokation ist nicht viel dagegen zu sagen, weil es nie falsch sein kann, Gläubige und Atheisten auf die beständige Gefahr hin zu sensibilisieren, dass Erklärungsmodelle und Beispiele nicht selbst die Wahrheit sind, sondern angenäherte Beschreibungen für abstrakte Wahrheiten.

    Falls Vorurteile hier aber Pate standen, wäre es ein echtes bildungspolitisches Problem, denn an dieser Stelle kann diese Unwissenheit nur ein bestürzendes strukturelles Bildungsproblem aufdecken, das durch religionswissenschaftliche und philosophische Bildung aufgelöst gehört.
    Das hat am Ende nichts damit zu tun, ob man sich persönlich für oder gegen Religion entscheidet, erspart aber unnütze Diskussionen, die längst wissenschaftlich beantwort sind und gesellschaftlich ebenfalls längst beantwortet waren.

    H.

  5. 119. @Capricia

    s. Kommentar# 105!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Vielleicht liegt der "Unglaube" meines Sohnes darin begründet, dass er am Institut für Astronomie und Astrophysik gearbeitet hat :-)

  6. ...zweifelt und hinterfragt ob das alles so Sinn macht.
    und driften ins nicht Reale. In der Wissenschaft verwirft man eine Hypothese, wenn sie nicht mit der Realität übereinstimmt.

    Zitat Prof. Dr. Marian Horzinek:
    "Glauben bedeutet: für wahr halten, Beweise sind unnötig; Wissen heißt: derzeit für bewiesen halten, denn: was immer man sicher weiß, das erfüllt die Kriterien des Vorurteils. Der Wissensstand ist mithin nichts als das momentane Einzelbild in einem laufenden Film“.

    Sie schreiben:
    Das Glaube bedeutet ....
    .... Dinge nicht zu hinterfragen ist ein Mythos und einfach falsch. Zweifel und seinen eigenen Glauben zu hinterfragen ist elementarer Bestandteil von Glauben.

    Sie hinterfragen IHREN Glauben aber nicht DEN Glauben, denn der ist ein Endpunkt im Denken, bis zu einer gewissen Grenze und nicht darüber hinaus.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service