KaltwasserkorallenExitus in der Tiefsee

Je mehr Kohlendioxid die Menschheit freisetzt, desto saurer werden die Ozeane. Ganze Ökosysteme stehen vor dem Kollaps, warnen Biologen. Vor Norwegen studieren sie die Folgen für Korallenriffe in der Tiefsee. Ein Zwischenbericht vom Meeresboden von 

Weil Korallenriffe sehr sensibele Öosysteme sind, nutzen Forscher sie um herauszufinden, wie

Weil Korallenriffe sehr sensibele Öosysteme sind, nutzen Forscher sie um herauszufinden, wie  |  © MMchen/photocase.com

Der Tiefenmesser zeigt 155 Meter unter dem Meeresspiegel, als Jürgen Schauer die Scheinwerfer seines U-Boots anknipst. Dafür, dass draußen das nächste Massensterben der Erdgeschichte seinen Ausgang nehmen könnte, ist hier erstaunlich viel los. Seelachse und Rotbarsche ziehen vorüber, Garnelen streiten um ihr Revier, ein Lumbfisch lugt aus seinem Versteck.

Die Lampen beleuchten ein Riff. »Die rote Koralle dort ist eine Gorgonie«, erklärt Jürgen Schauer. Daneben spannt eine Fächerkoralle ihr Skelett auf, andere sehen aus wie Blumenkohl. Schnorchelnde Touristen gibt es hier nicht. Es ist zu tief, und das Korallenriff liegt vor Norwegen. »Wenn ich ohnmächtig werde oder tot umfalle«, sagt Schauer noch und zeigt auf eine weiße Taste, »einfach diesen Knopf drücken.« Ein Scherz, Schauer hat mehr als 1.000 Tauchgänge hinter sich. Dann navigiert er das U-Boot schweigend durch die Unterwasserwelt.

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Jürgen Schauer

hat das U-Boot Jago 1989 selbst gebaut und ist mehr als 1000-mal damit abgetaucht: Zu Forschungszwecken und auf Leichensuche nach Flugzeugunfällen.

Kaltwasser- oder Tiefseekorallen brauchen zum Leben kein Licht. Man hat ihre Riffe im Atlantik wie im Pazifik entdeckt, vor Norwegen wie vor Mauretanien, manche liegen mehr als 3.000 Meter tief. Sie bedecken mindestens die gleiche Fläche wie die Warmwasserkorallen in tropischen Gewässern. Die Riffe sind neben heißen Quellen das artenreichste Habitat der Tiefsee, viele Fische laichen hier ihre Eier ab. Doch in hundert Jahren könnten die meisten von ihnen am Absterben sein, weil die Meere immer mehr Kohlendioxid aufnehmen und dadurch saurer werden. Die Kalkfundamente der Riffe könnten sich dann auflösen wie Leichen im Säurebad, auch kalkbildende Schnecken, Muscheln und Planktonarten sind gefährdet.

Dass die Ozeane saurer werden, wirkt nicht so bedrohlich wie das Ansteigen des Meeresspiegels und ist nicht so fotogen wie abschmelzende Gletscher, aber die Folgen sind fatal. Jane Lubchenco, die Chefin der amerikanischen Ozeanografiebehörde NOAA , nennt die Ozeanversauerung den »genauso gemeinen Zwillingsbruder« der globalen Erwärmung.

Manche Forscher befürchten, dass der Mensch eines der größten Massensterben der Erdgeschichte auslösen wird, wenn er weiter so viel Öl, Gas und Kohle verbrennt wie bisher. Irgendwann würden dann nur noch Mikroben, Algen und Quallen das Meer bevölkern. »The rise of slime« nannte der Ozeanograf Jeremy Jackson diese Prognose, den Aufstieg des Schleims. Andere glauben, das Meer könne die niedrigeren pH-Werte gut verkraften: Dann würden sich halt Weichtiere durchsetzen, mit Skeletten aus Horn oder Knorpel statt Kalk. Jürgen Schauers Tauchgang zu den Korallenriffen soll helfen, herauszufinden, wie groß die Gefahr wirklich ist.

Leserkommentare
  1. auf die Anpassungsfähigkeiten im Generationenwechsel wurden Sie ja bereits anläßlich des letzten nicht ganz konsistenten Artikels zum Thema hingewiesen.

    Dagegen ist die Behauptung der "30%" immer noch fachlich falsch. Wer so, mit theoretischen Konzentrationsgleichgewichten argumentiert, vernachlässigt die Realität im Meerwasser. Mit einer Elektrode bestimmen Sie den Gesamt-pH, ähnlich wie Sie einen eH-Wert nur als Mischpotenzial messen. Und das ist alles andere als repräsentativ.

    Da würde ich mich weit weniger aus dem Fenster lehnen, zumal Ihre zuletzt angeführte Quelle dazu auch nichts beitragen kann.
    Wenn man unter ACD bzw CCD kommt, ist es etwas schwer gegen das Potenzialgefälle übrhaupt etwas abzuscheiden, das sollte bei den Tiefen bedacht werden!

    Und Abscheidung geht nur über das Periostrakum, was absehbar durch Nanopartikel an seiner Funktion gehindert wird... Hier ist zwecks Wechselwirkungsabklärung noch Forschungsbedarf.

    Biofilme gibts jetzt schon, die lösen fröhlich überall wo diese lokal ein Gleichgewicht verschieben können, sogar gegen den pH vom Meer!

    Zur räumlichen Anodnung der Wasserschichtung empfehle ich dringend die Befunde von ARGO, das läßt Messwerte in einem etwas differenzierteren Licht erschienen.

    So kommen nur Scarware-Artikel heraus.

    MfG Karl Müller

    Eine Leserempfehlung
  2. Redaktion

    Hallo Herr Müller,

    dass die oberen Wasserschichten der Meere seit der Industrialisierung um 30 Prozent saurer geworden sind, ist nicht meine Behauptung, sondern der Konsens unter Meeresforschern, wie im IPCC-Report angegeben, siehe auch AWI Bremerhaven:
    http://www.awi.de/de/aktu...

    Ich schlage vor, dass Sie sich direkt an die Forscher wenden, wenn Ihnen deren Messmethoden und Definitionen nicht gefallen.

    Viele Grüße,
    Max Rauner

  3. nachlesen das eine Unzahl von Spezis aussterben bevor man sie überhaupt registrieren kann. Dies gilt in einem ganz besonderem Masse für die Tiefsee. Dort kommt man einfach nicht so ohne Weiteres hin.

    Der Bericht, die Forschungsergebnisse global gesehen gehen uns Alle etwas an. Bezogen auf die Klimaveränderungen unserer sichtbaren Umwelt sind die Folgen in der nicht direkt sichtbaren Umwelt genau so zu beurteilen wie alle Anderen.

    Da die Politik sich eher an den sichtbaren Wirtschaftlichen Zwängen orientiert, es scheint ihr letztendlich egal was mit unserer Welt passiert, sollte sie zumindest die aktiven Forscher finanziell so ausstatten das sie dem bevorstehenden Gau wissenschaftlich untersuchen können und Präventive, konstruktive Vorschläge erarbeiten können.
    Komplizierte Antragsformulare für Forschungsgelder sind da sicher Kontra Produktiv.

    Vielen Dank für den gut recherchierten Artikel.

  4. Die Geologen haben das schon für uns herausgefunden. Man kann sich das hier in einem sehr eindrucksvollen Vortrag anhören:
    (http://www.geolsoc.org.uk...)

    Kurz gesagt: Vor 55 Millionen Jahren wurden 1500 Giga Tonnen CO2 in die Atmosphäre freigesetzt, die Atmosphäre erwärmte sich, die Ozeane ebenfalls. Zu der Zeit gab es kein Eis auf den Polkappen, das schmelzen konnte. Da sich aber alles, was wärmer wird auch ausdehnt, stieg der Meeresspiegel um mehrere Meter an. Das viele CO2 in der Atmosphäre löste sich im Wasser. Es gab ein Massensterben an Land (weil weniger Fläche) und in den Weltmeeren (weil niedrigerer pH). Wir Menschen haben weit mehr als 500 Giga Tonnen dank fossiler Brennstoffe in die Atmosphäre entlassen.
    Die Klimawandelskeptiker werden jetzt schreien: Seht ihr! Klimawandel gabs schon immer, der hat natürliche Ursachen! Jawohl! Da habt ihr Recht! Wir Menschen sind Teil dieses Ökosystems und sind somit eine natürliche Ursache für Klimawandel. Die Natur ist dann auch ganz gewitzt und korrigiert solche Fehler früher oder später.
    Ein bissl detaillierter könnt ihr Skeptiker auch hier nachlesen:

    http://www.sciencezest.co...

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