Schutz der Artenvielfalt Anarchie im Garten

In Deutschland sind viele Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Sie könnten eine Zuflucht in den Millionen Gärten finden, die es hierzulande gibt. Doch die Deutschen wollen dort lieber Ordnung als Vielfalt.

Sie sind klein, oft pelzig, den meisten unbekannt – und in Deutschland bedroht: Wildbienen. Seit dreißig Jahren gibt es immer weniger von ihnen. Mehr als ein Drittel der über 500 Arten in Deutschland stehen heute auf der Roten Liste. Wer, wie Marianne Gohlke, in seinem Garten Wildbienen wohnen hat, kann also stolz darauf sein.

Artenvielfalt

Der Garten von Marianne Gohlke ist preisgekrönt

»Als wir unseren Garten vor 30 Jahren angelegt haben, sah er zwar toll aus, aber mir fehlten die Schmetterlinge. Da habe ich angefangen, blühende Stauden zu kaufen. Ich hatte mich damals eher nach den Gärten meiner Kindheit gesehnt. Jetzt ist es mir ganz wichtig, im Garten einen Beitrag zum Erhalt heimischer Tiere und Pflanzen zu leisten. Die Gehölze bieten Schutz für die Vögel, die Insekten finden Nektar in den Blüten und sind Nahrung für Vögel und andere Tiere. Der ganz natürliche Kreislauf der Natur spiegelt sich hier wider. Von den Nachbarn zieht leider kaum jemand mit. Als ich einen Totholzhaufen für Igel, Amphibien und Insekten angelegt habe, haben sie sich beschwert. Erst seitdem ich in einem Brief erklärt habe, warum unser Garten so aussieht, wird er toleriert. Unser Garten macht weniger Arbeit als ein Rasen, den man ständig mähen muss. Das Laub kann liegen bleiben. Davon profitieren im Winter die Vögel. Die drehen die Blätter um und suchen nach Insekten. Stolz bin ich auf die vielen Wildbienen. Sogar ein Graureiher kommt hierher, und Mäuse tummeln sich auch. Das ist wiederum gut für die Hummeln, denn die bauen ihre Nester in verlassenen Mäusetunneln. Wenn im Frühling die ersten Krokusse blühen, dann kommt meistens schon die dicke Hummelkönigin und auch der Zitronenfalter. Es ist eine ganz große Freude, diese Tiere hier im Garten zu beobachten. Für mich ist das Glück.«

Die Wildbienen sind nur ein Beispiel dafür, dass das glo- bale Problem des Artenster- bens auch Deutschland betrifft. Schon seit Jahren weisen Naturschützer auf die Bedrohung vieler heimischer Pflanzen und Tiere hin: Etwa 30 Prozent von ihnen könnten bis 2100 für immer verschwunden sein, warnt der Bund für Umwelt und Naturschutz. Darunter 478 heimische Wirbeltierarten – vom Vogel bis zum Kriechtier.

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Artenvielfalt: Pflanzen

Einheimische Pflanzen sind am widerstandsfähigsten. Die Blüten sollten nicht gefüllt sein, damit Insekten an den Nektar kommen.

Kleintiere

Insekten, Spinnen und Kleintiere: Ein Insektenhotel, ein durchlöchertes Holzstück, bietet wilden Bienen und Schlupfwespen eine Heimat. Gefallene Blätter und abgestorbene Pflanzenreste sollten liegen bleiben. Sie schützen den Boden vor Austrocknung und bieten Insekten Schutz.

Vögel

Stachlige Heckenpflanzen wie Hage- butte schützen vor Katzen und sind deshalb gute Brutplätze. Sträucher, die auch im Winter Beeren tragen, bieten Futter.

Rasen

Schon eine Ecke mit Wildblumen hilft der Artenvielfalt. Auf einem Quadratmeter wachsen bis zu 70 verschiedene Pflanzen, in einer gewöhnlichen Rasenmischung sind es oft nur drei.

Obstbäume

Noch vor 100 Jahren gab es in deutschen Gärten über tausend Apfelsorten. Heute werden weniger als ein Dutzend an- gepflanzt. Die Entscheidung für eine alte Sorte trägt also zum Erhalt der Biodiversität bei.

Gärten könnten dabei helfen, die Artenvielfalt zu retten. Etwa 17 Millionen Haus- und Kleingärten gibt es in Deutschland. Zusammengenommen stellen sie 930.000 Hektar Grünfläche – das ist fast genauso viel wie alle Naturschutzgebiete zusammen. Nur wird in all diesen Gärten die Natur nicht so geschützt, wie sich das Julian Heiermann wünschen würde. Heiermann ist Naturschutzexperte beim Naturschutzbund Deutschland. Mehr als fünf verschiedene Pflanzenarten kommen seiner Einschätzung nach in vielen Gärten nicht zusammen: »Solche ökologischen Wüsten sehen zwar ordentlich aus, tragen jedoch nichts zur Artenvielfalt bei.«

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Dabei werden Gärten für Tiere und Pflanzen wichtiger. Denn die Intensivierung der Landwirtschaft verdrängt immer mehr Pflanzenarten. Bestanden Wiesen um das Jahr 1900 herum noch zu 30 Prozent aus Wildkräutern, ist der Anteil heute auf zwei Prozent zurückgegangen.

In den vergangenen Jahren wurden Tag für Tag 113 Hektar teils landwirtschaftlich genutzter Fläche für Straßen und Siedlungen reserviert. Das entspricht einer Fläche von täglich 160 Fußballfeldern. Um Schutz zu suchen, kämen viele Tiere in die Städte und Siedlungen, sagt Heiermann. »Immer häufiger berichten uns Menschen von Vögeln im Garten, die früher die Nähe zum Menschen gemieden haben.« Goldammern etwa gab es früher kaum in der Stadt – jetzt lassen sie sich im Winter dort nieder.

Schon kleine Maßnahmen können helfen, etwas für die Biodiversität zu tun. Ein soge- nanntes Insektenhotel etwa passt auf jeden Balkon und wird von Wildbienen gerne genutzt: Dreißig verschiedene Arten zählte der Tübinger Wildbienenforscher Paul Westrich in dem durchlöcherten Holz auf seinem eigenen Balkon im dritten Stock. Für dieses Engagement werden Hobbygärtner meist reich belohnt: Etwa achtzig Prozent aller Pflanzen sind auf Bestäubung durch Insekten angewiesen. Wildbienen und andere Insekten tragen also auch zu einer reichen Ernte bei. Zusätzlich vertilgen viele von ihnen Schädlinge: Schweb- und Florfliegen zum Beispiel fressen als Larven bevorzugt lästige Blattläuse. Und nicht zuletzt sind all die Insekten auch Nahrung für Vögel.

Ein bisschen Geduld müssen Stadtgärtner jedoch mitbringen, wenn sie sich dazu entschließen, die Artenvielfalt im eigenen Garten zu fördern. Denn auch Artenschutzgärten sind durch Zäune und Straßen voneinander getrennt; Biologen sprechen vom fragmentierten Raum. Für alle Tiere, die nicht fliegen können, ist das ein Problem. Trotzdem warnt Heiermann vor übereifrigen Aktionen: »Keiner sollte mit dem Kescher auf die Jagd nach Froschlaich gehen.« Nach einiger Zeit finden Igel, Frosch und Spinnen fast immer von selbst ihren Weg in neue Biotope, so wie bei Marianne Gohlke, die so gerne die Kröte beobachtet, die in ihrem Naturgarten im Laub lebt.

 
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