SchrebergärtenVon wegen spießig

Schrebergärten sind die neuen Zufluchtsorte für junge Städter. Sie wollen dort ökologisch Gemüse anbauen, sich frei entfalten – oder suchen einfach nur Ruhe. von Julia Kimmerle

Am Zaun ein Gartenzwerg und Geranien an der Laube – lange Zeit galten Schrebergärten als mindestens ebenso spießig wie Schäferhunde. Dieses Stereotyp ist überholt. Inzwischen zieht es vor allem jüngere Städter auf die eigene Scholle. Eine Studie des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung stellte 2008 einen Generationenwechsel bei Deutschlands Kleingärtnern fest. Das bestätigen auch die Zahlen des Bundesverbands Deutscher Gartenfreunde: Mittlerweile werden 45 Prozent aller Kleingärten an Familien mit Kindern verpachtet. »Das ist ein Trend, der anhält«, sagt der Sprecher des Bundesverbandes, Thomas Wagner.

Doch warum erlebt der Kleingarten gerade bei Jüngeren eine solche Renaissance? Die Berliner Soziologin Elisabeth Meyer-Renschhausen führt das auf mehrere Gründe zurück: »Ideen und Wertevorstellungen kommen in Wellen. Aber immer gibt es das starke Gefühl bei jungen Menschen, etwas ändern zu wollen.«

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Kleingärtner

Wie wird man Kleingärtner?

Fast überall in Deutschland gibt es Kleingärtnervereine oder einen Verband, die bei der Suche nach einer Parzelle helfen können. Manchmal werden Pachtgärten auch am schwarzen Brett des Vereinshauses angeboten oder in Zeitungen und Internetforen.

Kleingartenvereine

Gibt es Kleingartenvereine mit jüngeren Mitgliedern?

Die meisten Kleingärtnerkolonien haben eine heterogene Altersstruktur. Vereine nur für junge Menschen gibt es nicht. Allgemein gilt: In den vergangenen Jahren haben vor allem die jüngeren Familien unter den neuen Pächtern zugelegt.

Alternativen

Wo gibt es Alternativen?

Selbsterntegärten gibt es mittlerweile in fast allen deutschen Städten. Sie kosten zwischen 130 und 300 Euro pro Jahr.

Bundesweiter Anbieter: www.meine-ernte.de

In Berlin: www.bauerngarten.net

In München: www.stadtgueter-muenchen.de

Hilfe

Ich habe keine Ahnung vom Gärtnern. Wo finde ich Hilfe?

Im Schrebergarten kann man den Nachbarn fragen. Anders in Selbsterntegärten. Dort pachtet man einen Garten von einem Landwirt oder einem Gärtner. Die übernehmen ohnehin das Anpflanzen und stehen auch für alle Gärtnerfragen zur Verfügung.

Anders als in den sechziger und siebziger Jahren, als es der Studentenbewegung noch um die Weltrevolution gegangen sei, würden sich viele junge Leute heute mit der Veränderung im Kleinen bescheiden: Das eigene Gemüse aus Bio-Anbau genügt ihnen als erster Schritt in eine bessere Welt. Auch heute berufen sich viele städtische Garteninitiativen auf politische Ideen.

Im Schrebergarten

Oliver Beck und Melanie Krause wurde der Balkon zu klein, jetzt bewirtschaften sie 400 Quadratmeter in der Berliner Kolonie Neuland

»Eigentlich bin ich kein Kleingärtner-Typ. Eher ein Kein-Gärtner. Als die Idee mit dem Schrebergarten aufkam, fand ich sie zuerst nur wegen meiner Tochter Lilli interessant. Aber dann haben wir den Garten mit einem befreundeten Paar gepachtet und die Arbeit aufgeteilt. Während Melanie sich ums Gemüse kümmert, fühle ich mich für das Obst verantwortlich. Dabei denke ich vor allem an das Ergebnis: Ich mag Himbeerkuchen und Heidelbeeren – also versuche ich mich vorwiegend daran. Ich jäte und gieße auch, aber ehrlicherweise genieße ich es mehr, einfach mal im Grünen zu sein. Uns Neugärtnern stehen die Alteingesessenen in der Kolo- nie sehr hilfsbereit und mit viel Rat zur Seite. Unter unseren Freunden sind wir die Einzigen mit Schrebergarten, doch alle finden das sehr gut. Denn die Ernte war schon im ersten Jahr so üppig, da haben auch einige im Freundeskreis von unserem Garten profitiert.«

Bei ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert erfüllten Kleingärten in Städten ganz unterschiedliche Zwecke. Zunächst als Armen- oder Arbeitergärten konzipiert, sollten die Kleingärten der städtischen Bevölkerung zu Zeiten der Industrialisierung dabei helfen, ihren Speisezettel günstig um frisches Obst und Gemüse zu erweitern. Später entstanden die Schrebergärten, benannt nach dem Leipziger Arzt Moritz Schreber, die zunächst vor allem der Ertüchtigung der Stadtjugend durch Bewegung dienen sollten.

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Heute sind es auch junge Familien und gut verdienende Akademiker, die den grünen Trend leben. Wie wichtig bei ihnen etwa der politische Hintergrund sei, hänge stark von der jeweiligen Gärtnerszene einer Stadt ab, sagt Maria Spitthöver, Professorin für Freiraumplanung an der Universität Kassel: »Dass Gärtnern wieder für so viele Menschen attraktiv ist, hat nicht unbedingt mit der Weltanschauung zu tun.« Spitthöver beschäftigt sich mit verschiedenen Formen im Kleingartenwesen und neuen Gartentypen. Als Alternative zur eigenen Schrebergartenlaube werden etwa Selbsterntegärten immer beliebter. Hier bauen Landwirte auf Äckern in Stadtnähe Gemüse an, meist nach den Regeln der ökologischen Landwirtschaft. Einzelne Abschnitte werden dann an die Gärtner verpachtet. Diese müssen bis zur Ernte nur noch gießen und Unkraut jäten. »Diese Gärten sind deshalb so attraktiv, weil sie der gestiegenen Flexibilität vieler Stadtbewohner entgegenkommen«, sagt Spitthöver. Nicht jeder Gärtner möchte sich über viele Jahre an ein gepachtetes Grundstück binden oder hat genug Zeit, um einen Schrebergarten den Vorschriften gemäß zu bepflanzen.

Dass der Traum vom eigenen Garten alters- und milieuübergreifend so aktuell ist, habe letztendlich vor allem mit der Sehnsucht nach Ruhe und Entfaltung zu tun, sagt Meyer-Renschhausen. »Der Mensch ist eben auch ein Wesen der Natur – und lässt sich von Naturerlebnissen ansprechen.«

Das hat durchaus positive Auswirkungen: Studienergebnisse aus den Niederlanden zeigten, dass Schrebergärtner gesünder und entspannter waren als ihre Nachbarn ohne Garten. Die klassische Erholung im Grünen erfüllt also auch therapeutischen Zweck – jenseits des Trends.

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    • Schlagworte Ernte | Garten | Obst | Niederlande
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