Schrebergärten : Von wegen spießig

Schrebergärten sind die neuen Zufluchtsorte für junge Städter. Sie wollen dort ökologisch Gemüse anbauen, sich frei entfalten – oder suchen einfach nur Ruhe.

Am Zaun ein Gartenzwerg und Geranien an der Laube – lange Zeit galten Schrebergärten als mindestens ebenso spießig wie Schäferhunde. Dieses Stereotyp ist überholt. Inzwischen zieht es vor allem jüngere Städter auf die eigene Scholle. Eine Studie des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung stellte 2008 einen Generationenwechsel bei Deutschlands Kleingärtnern fest. Das bestätigen auch die Zahlen des Bundesverbands Deutscher Gartenfreunde: Mittlerweile werden 45 Prozent aller Kleingärten an Familien mit Kindern verpachtet. »Das ist ein Trend, der anhält«, sagt der Sprecher des Bundesverbandes, Thomas Wagner.

Doch warum erlebt der Kleingarten gerade bei Jüngeren eine solche Renaissance? Die Berliner Soziologin Elisabeth Meyer-Renschhausen führt das auf mehrere Gründe zurück: »Ideen und Wertevorstellungen kommen in Wellen. Aber immer gibt es das starke Gefühl bei jungen Menschen, etwas ändern zu wollen.«

Anders als in den sechziger und siebziger Jahren, als es der Studentenbewegung noch um die Weltrevolution gegangen sei, würden sich viele junge Leute heute mit der Veränderung im Kleinen bescheiden: Das eigene Gemüse aus Bio-Anbau genügt ihnen als erster Schritt in eine bessere Welt. Auch heute berufen sich viele städtische Garteninitiativen auf politische Ideen.

Bei ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert erfüllten Kleingärten in Städten ganz unterschiedliche Zwecke. Zunächst als Armen- oder Arbeitergärten konzipiert, sollten die Kleingärten der städtischen Bevölkerung zu Zeiten der Industrialisierung dabei helfen, ihren Speisezettel günstig um frisches Obst und Gemüse zu erweitern. Später entstanden die Schrebergärten, benannt nach dem Leipziger Arzt Moritz Schreber, die zunächst vor allem der Ertüchtigung der Stadtjugend durch Bewegung dienen sollten.

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Heute sind es auch junge Familien und gut verdienende Akademiker, die den grünen Trend leben. Wie wichtig bei ihnen etwa der politische Hintergrund sei, hänge stark von der jeweiligen Gärtnerszene einer Stadt ab, sagt Maria Spitthöver, Professorin für Freiraumplanung an der Universität Kassel: »Dass Gärtnern wieder für so viele Menschen attraktiv ist, hat nicht unbedingt mit der Weltanschauung zu tun.« Spitthöver beschäftigt sich mit verschiedenen Formen im Kleingartenwesen und neuen Gartentypen. Als Alternative zur eigenen Schrebergartenlaube werden etwa Selbsterntegärten immer beliebter. Hier bauen Landwirte auf Äckern in Stadtnähe Gemüse an, meist nach den Regeln der ökologischen Landwirtschaft. Einzelne Abschnitte werden dann an die Gärtner verpachtet. Diese müssen bis zur Ernte nur noch gießen und Unkraut jäten. »Diese Gärten sind deshalb so attraktiv, weil sie der gestiegenen Flexibilität vieler Stadtbewohner entgegenkommen«, sagt Spitthöver. Nicht jeder Gärtner möchte sich über viele Jahre an ein gepachtetes Grundstück binden oder hat genug Zeit, um einen Schrebergarten den Vorschriften gemäß zu bepflanzen.

Dass der Traum vom eigenen Garten alters- und milieuübergreifend so aktuell ist, habe letztendlich vor allem mit der Sehnsucht nach Ruhe und Entfaltung zu tun, sagt Meyer-Renschhausen. »Der Mensch ist eben auch ein Wesen der Natur – und lässt sich von Naturerlebnissen ansprechen.«

Das hat durchaus positive Auswirkungen: Studienergebnisse aus den Niederlanden zeigten, dass Schrebergärtner gesünder und entspannter waren als ihre Nachbarn ohne Garten. Die klassische Erholung im Grünen erfüllt also auch therapeutischen Zweck – jenseits des Trends.

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