ÜberlastungZufrieden im Job

Der Druck, unter dem Berufstätige stehen, steigt. Immer härter an sich selbst zu arbeiten, um die Anforderungen zu erfüllen, ist keine Lösung. Es gibt einfachere und schönere Wege, um in der Arbeitswelt doch noch glücklich zu werden. von Susanne Schäfer

Wer sich von der Arbeit überlastet fühlt, muss sich einfach mehr anstrengen – besser planen, schneller werden, mehr Entspannungsübungen machen. Selbstoptimierung galt lange als richtige Antwort auf den Druck, unter dem so viele Berufstätige stehen.

Inzwischen zeigt sich jedoch, dass dieser Ansatz die Leiden der arbeitenden Bevölkerung keineswegs lindert, sondern womöglich sogar noch verstärkt. Jedes Jahr werden mehr Angestellte wegen psychischer Beschwerden krankgeschrieben . Und das liegt nicht etwa daran, dass wir alle mit einem Mal wehleidig geworden wären – der Arbeitsdruck steigt tatsächlich, das bestätigen wissenschaftliche Studien.

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»Früher orientierten Führungskräfte sich daran, wie viele Mitarbeiter und wie viele Maschinen ihnen zur Verfügung standen, inzwischen führt man Unternehmen aber, indem man seine Ziele an Marktvorgaben ausrichtet«, sagt der Soziologe Nick Kratzer vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München. »Heute fragen sich Führungskräfte eher: ›Wie viel Rendite sollte ein Unternehmen dieser Größe abwerfen?‹, so machen sie sich zum Spielball der Märkte.«

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Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Ratgeber, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Belege dafür hat Kratzer im Rahmen der Lanceo-Studie gefunden – bei diesem Projekt, dessen vollständiger Titel »Balanceorientierte Leistungspolitik« lautet, untersuchen Wissenschaftler die Belastung von Arbeitnehmern. Dafür haben sie zahlreiche Firmenmitarbeiter – einfache Angestellte, Geschäftsführer und Aufsichtsräte – befragt und so herausgefunden, dass die Unternehmensführung den selbst erzeugten Druck oft an die Mitarbeiter weitergibt: Jeder Einzelne bekommt immer mehr Arbeit zugeteilt und steht unter höherem Zeitdruck. Dass sich viele überlastet fühlen und mit ihrem Job unzufrieden sind, hat also eher strukturelle als persönliche Ursachen.

Oft rauben bestimmte Abläufe im Unternehmen wertvolle Zeit: etwa endlose Meetings, in denen man sich nichts sehnlicher wünscht, als zurück an die Arbeit zu dürfen. Dass gerade die unsichtbare Arbeit – Besprechungen, Controlling, Protokolle schreiben – zugenommen hat, bestätigt Kratzer. »30 bis 60 Prozent des Tages beschäftigen sich Angestellte mit Aufgaben, die mit ihrer eigentlichen Arbeit gar nichts zu tun haben«, sagt er. »Für diese Tätigkeiten bekommen Mitarbeiter in der Regel keine Anerkennung, sondern nur Ärger, wenn etwas schiefgegangen ist.« Das führe bei vielen zu Frustration.

Burn-out

Weltweit nimmt bei Erwerbstätigen die Zahl der seelischen Krankheiten zu. Das sogenannte Burn-out ist ein Zustand emotionaler Erschöpfung und reduzierter Leistungsfähigkeit. Ausgebranntsein wird auch als Erschöpfungsdepression bezeichnet. Die Betroffenen sind desillusioniert, oft apathisch, depressiv oder aggressiv und haben eine erhöhte Suchtgefährdung. Burn-out wird meist durch Stress ausgelöst, der nicht mehr bewältigt werden kann.

So arbeitet in Deutschland jeder zehnte Vollzeitbeschäftigte mehr als 60 Stunden in der Woche; viele leiden zudem unter ihren Chefs, intriganten Kollegen oder dem eigenen Perfektionismus. Wer dann noch seine sozialen Bindungen verliert, etwa den Kontakt zu Freunden, ist hochgradig gefährdet, an einem Burn-out zu erkranken.

Glossar

Tinnitus
Rund drei Millionen Deutsche leiden unter dem chronischen Klingeln im Ohr. Tinnitus kann mit psychischen Begleiterscheinungen wie Schlafstörungen, Angstzuständen oder Depression einhergehen. Eine allgemein anerkannte Therapie gibt es nicht. In Versuchen an Ratten konnten Wissenschaftler der University of Texas die Tiere heilen, indem sie bestimmte Nerven des Gehirns per Elektrostimulation reizten.

Phantomschmerz
Zwischen 50 und 80 Prozent der Patienten mit Amputationen haben diese Empfindungen: Ein fehlendes Körperteil fühlt sich so an, als sei es noch da. In zahlreichen Studien konnte nach dem Verlust eines Körperteils eine Veränderung von jenen Gehirnfunktionen festgestellt werden, die für die Verarbeitung von Schmerzempfindungen verantwortlich sind. Es existieren einige vielversprechende Therapieansätze, die die Gehirnfunktionen normalisieren sollen.

Volkskrankheit
So werden nicht epidemische Krankheiten bezeichnet, die aufgrund ihrer Verbreitung und ihrer wirtschaftlichen Auswirkungen sozial ins Gewicht fallen. Dazu zählen heute etwa die Folgeerkrankungen von Bewegungsmangel und Überernährung. Der Begriff wurde erstmals 1832 von dem Medizinhistoriker Justus Hecker verwandt. Er bezeichnete damit die im Mittelalter grassierende Tanzwut.

Protektoren
Das Wort stammt vom lateinischen »protector«, Angehöriger der Leibgarde. Bestimmte persönliche Umstände wie familiärer Rückhalt oder finanzielle Sicherheit können als Protektoren gegen psychische Erkrankungen wirken.

Dass ihr Arbeitspensum schleichend erhöht wird, merken Angestellte oft gar nicht, sondern suchen die Ursache der Probleme bei sich. »Viele denken, sie seien selbst schuld an der Überlastung – weil sie sich nicht gut genug organisieren und dann auch noch kein Yoga machen«, sagt Kratzer. Er nennt das eine »Privatisierung des Problems«.

Wir stellen auf den nächsten Seiten Menschen vor, die Wege gefunden haben, auf Belastungen im Arbeitsleben zu reagieren. Sie haben sich Ausgleich oder Freiraum verschafft, Arbeitsstrukturen verändert oder gewagt, endlich das zu tun, was sie schon lange wollten.

Leserkommentare
    • Zeitist
    • 28. September 2011 10:13 Uhr

    »Früher orientierten Führungskräfte sich daran, wie viele Mitarbeiter und wie viele Maschinen ihnen zur Verfügung standen, inzwischen führt man Unternehmen aber, indem man seine Ziele an Marktvorgaben ausrichtet«

    Was für ein Blödsinn. Als ob "früher" keinerlei Marktanalyse stattgefunden hätte, um Kosten Nutzen abzuwägen. Vom gleichen Niveau sind die regelmäßigen Behauptungen, dass allseits "privilegierte" Männer und nicht etwa die stetig wachsenden, krank machenden Zwänge der Arbeitswelt Frauen veranlassen sich dem Arbeitsmarkt zu entziehen. Denn wie diese "Privilegien" ausschauen, kann oben nachgelesen werden.

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    • s_neu
    • 28. September 2011 11:05 Uhr

    @Zeitist: Ganz verkehrt ist das sicher nicht. Kommt darauf an was man unter "früher" versteht. Auch zu Zeiten der Industrialisierung schielte man auf die Konkurrenz und hatte so seine Egoismen. Die schiere Grösse der Firma war für einen Unternehmer damals ein entscheidendes Kriterium für das persönliche Ansehen und gleichzusetzen mit dem Erfolg des Unternehmens. Der Markt war auch recht übersichtlich und bedurfte keiner "Analyse". Man balgte sich eher um Patente.

  1. ... so hab ich es auch gemacht..ich bin aus der für mich schon fast zerstörerischen Arbeitsroutine ausgebrochen und habe über Yoga und ehrenamtliche Tätigkeiten ein völlig neues Lebensgefühl entdeckt.Seit vielen Jahren lebe und arbeite ich so wie es mir Spaß macht und wie es meiner Veranlagung und Temperament entspricht und dies auch noch in Gemeinschaft mir Gleichgesinnter in gegenseitiger Unterstützung.

    Ich denke jeder arbeitet gern oder ist kreativ wenn er sein Leben zumindest in wesentlichen Dingen selbst bestimmen kann.

    Man gewinnt wirklich eine neue Lebensperspektive und hinterfragt Gegebenheiten ob nun privat geschäftlich oder politisch die man vorher einfach nur so hingenommen hat....

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    Einfach ist es sicher nie, aber möglich. Alles ist Einstellungssache. Ich wäre sehr daran interessiert, mehr über Ihre Geschichte zu erfahren. Ich bin gerade dabei, einen Blog zum Thema Karrierewechsel aufzubauen und arbeite an einer Kategorie, die erfolgreiche Karrierewechsler zeigt. Würde mich sehr freuen, wenn Sie meinen Fragebogen beantworten könnten. Es sind lediglich 8 Fragen und wäre doch toll, anderen unglücklichen Menschen mit gutem Beispiel vorauszugehen.
    Sollten Sie ein paar Minuten Zeit haben, würde ich mich über eine E-mail von Ihnen freuen:

    andrea@freilaufmenschen.com

    www.freilaufmenschen.com

    • war-hog
    • 28. September 2011 10:26 Uhr

    Aber wie halten es denn die Protagonisten nun?
    Einfach einen Meditationskurs gemacht und jetzt arbeiten alle weniger oder gar nicht oder wie es ihnen gerade passt?
    Sorry,ich werde aus diesem m.E. nach widersprüchlichen Artikel nicht schlau.
    Hier sind nur Erfolgsmenschen aufgeführt.die wahrscheinlich in einem Monat so viel verdienen wie andere in einem ganzen Jahr.
    Also Burn Out-Prävention nur für gut Situierte?
    Was soll ein normaler Produktionshelfer oder Bauhelfer bzw. anderer Arbeiter mit diesem Artikel anfangen?

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    Sehr gute Frage aber mittlerweile sollte klar sein, dass im Rahmen der ZEIT-Berichterstattung zum Thema "Beruf" eben immer nur Tätigkeiten wie Unternehmensberater, Manager, Journalist oder Architekt gemeint sind.

    Die (teils wesentlich ernsteren) berufsbedingten Probleme des große Rests sind für die bildungsbürgerliche Klasse offenbar schlicht nicht berichtens- oder lesenswert. Vielleicht weil sich diese eben nicht mit etwas Yoga und einem "Sabbatical" angehen lassen sondern politischer Lösungen (Mindestlohn, Mitspracherechte im Unternehmen, etc.) bedürfen und man sich mit solch proletarischen Themen nicht die Finger schmutzig machen möchte?

    • s_neu
    • 28. September 2011 11:05 Uhr

    @Zeitist: Ganz verkehrt ist das sicher nicht. Kommt darauf an was man unter "früher" versteht. Auch zu Zeiten der Industrialisierung schielte man auf die Konkurrenz und hatte so seine Egoismen. Die schiere Grösse der Firma war für einen Unternehmer damals ein entscheidendes Kriterium für das persönliche Ansehen und gleichzusetzen mit dem Erfolg des Unternehmens. Der Markt war auch recht übersichtlich und bedurfte keiner "Analyse". Man balgte sich eher um Patente.

    Antwort auf "Privilegien"
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    • Zeitist
    • 28. September 2011 11:49 Uhr

    ein Unternehmen innerhalb des Industriezeitalters konnte es sich jemals leisten, ohne Blick auf die Wirtschaftlichkeit allein Größe und Ansehen zu Hauptkriterien zu machen?
    Lächerlich!

  2. Die erste Seite des Artikels hört sich gut an, dem kann man fast uneingeschränkt zustimmen. Aber was dann als "mögliche Auswege" auf den folgenden Seiten angebracht wird, ist wohl nicht so das gelbe vom Ei, zumindest, wenn man Ihren Ausführungen auf der ersten Seite glauben schenken möchte.
    Wo sehen sie denn den gravierenden Unterschied für den Überlasteten, ob er jetzt das überschätzte Yoga macht oder lieber meditiert?
    Diese Menschen konnten alle relativ sicher für sich selbst entscheiden, wie sie mit dem Druck umgehen. Sie hatten anscheinend genug Gewalt über ihr Geld und ihre Zeit, dass sie solche Wege gehen konnten.

    Doch was ist mit nicht so gut situierten Angestellten, die sich durch ihre wöchentlich 3 Teilzeitjobs quälen müssen und nicht entscheiden können, jetzt mal kürzer zu treten.
    Oder was ist mit Beamten, die nicht mal die Möglichkeit haben, aus diesen Gründen zu kündigen und was neues anzufangen, wenn sie merken, so gehts nicht mehr?

    Ich hätte mir eine tiefer gehende Betrachtung und ein breiteres Spektrum an "Lösungsmöglichkeiten" gewünscht....

  3. Sehr gute Frage aber mittlerweile sollte klar sein, dass im Rahmen der ZEIT-Berichterstattung zum Thema "Beruf" eben immer nur Tätigkeiten wie Unternehmensberater, Manager, Journalist oder Architekt gemeint sind.

    Die (teils wesentlich ernsteren) berufsbedingten Probleme des große Rests sind für die bildungsbürgerliche Klasse offenbar schlicht nicht berichtens- oder lesenswert. Vielleicht weil sich diese eben nicht mit etwas Yoga und einem "Sabbatical" angehen lassen sondern politischer Lösungen (Mindestlohn, Mitspracherechte im Unternehmen, etc.) bedürfen und man sich mit solch proletarischen Themen nicht die Finger schmutzig machen möchte?

    • Zeitist
    • 28. September 2011 11:49 Uhr

    ein Unternehmen innerhalb des Industriezeitalters konnte es sich jemals leisten, ohne Blick auf die Wirtschaftlichkeit allein Größe und Ansehen zu Hauptkriterien zu machen?
    Lächerlich!

    Antwort auf "Blödsinn?"
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    die nur auf Größe und Wachstum geschielt haben und die Profitabilität aus den Augen verloren haben (zB AEG und Nixdorf). Es gab halt noch kein Shareholder Value und das Kostenstellendenken war noch nicht verbreitet. Gibt es heute noch bei vielen Mittelständlern, die ihre Managementstruktur nicht der Größe ihres Unternehmens anpassen. Oder bei sog. Wachstumsunternehmen (s. Internetblase), die völlig ins Blaue hinein expandieren, in der Hoffnung, nach einer Marktbereinigung profitabel arbeiten zu können.

  4. an die Damen und Herren, dass sie sich von ihrem Stress befreien konnten und nun ein erfüllteres Leben führen könnnen.

    In keinem dieser Berichte habe ich Begriffe wie Ehe-/Lebenspartner, Familie oder Kinder gelesen. Erst wenn neben dem Beruf auch noch diese Variabeln (insbes. die letzten beiden) aufkommen, wird die Umorientierung ein wirklich dickes Brett. Wer nur für sich Verantwortung trägt, für den ist die Umorientierung reine Kopf-/Herzenssache. Wenn aber noch Bedürfnisse und Ansprüche von nahen Menschen hinzukommen, für die man Verantwortung trägt, möchte ich mal sehen, wie es mit Krimi schreiben und Yoga aussieht.

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    Allerdings. Wer berufstätig ist und dazu noch kleine Kinder hat und/oder sieche Familienangehörige pflegen muss, steht ständig unter Strom. Man ist nur am Rennen, Rennnen, Rennen.
    Schön wäre es, könnte man dann wenigstens die Arbeitsbelastung hinunterschrauben, damit man mal Zeit zum Meditieren, Yogamachen, Kindergeschichtenschreiben oder Kinobesuch hätte.
    Das Dumme daran ist nur, dass man das Geld aus der Ganztagsstelle ja braucht, um die Familie durchzukriegen.

    Es ist wie schon immer, Muße ist nur was Wohlhabende, Junge oder Alte. Von 30 bis 50 heißt es für Normalsterbliche rennen, rennen, rennen, nicht laufen!

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