Wer sich von der Arbeit überlastet fühlt, muss sich einfach mehr anstrengen – besser planen, schneller werden, mehr Entspannungsübungen machen. Selbstoptimierung galt lange als richtige Antwort auf den Druck, unter dem so viele Berufstätige stehen.

Inzwischen zeigt sich jedoch, dass dieser Ansatz die Leiden der arbeitenden Bevölkerung keineswegs lindert, sondern womöglich sogar noch verstärkt. Jedes Jahr werden mehr Angestellte wegen psychischer Beschwerden krankgeschrieben . Und das liegt nicht etwa daran, dass wir alle mit einem Mal wehleidig geworden wären – der Arbeitsdruck steigt tatsächlich, das bestätigen wissenschaftliche Studien.

»Früher orientierten Führungskräfte sich daran, wie viele Mitarbeiter und wie viele Maschinen ihnen zur Verfügung standen, inzwischen führt man Unternehmen aber, indem man seine Ziele an Marktvorgaben ausrichtet«, sagt der Soziologe Nick Kratzer vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München. »Heute fragen sich Führungskräfte eher: ›Wie viel Rendite sollte ein Unternehmen dieser Größe abwerfen?‹, so machen sie sich zum Spielball der Märkte.«

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Wissen Ratgeber, das am Kiosk erhältlich ist. Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen.

Belege dafür hat Kratzer im Rahmen der Lanceo-Studie gefunden – bei diesem Projekt, dessen vollständiger Titel »Balanceorientierte Leistungspolitik« lautet, untersuchen Wissenschaftler die Belastung von Arbeitnehmern. Dafür haben sie zahlreiche Firmenmitarbeiter – einfache Angestellte, Geschäftsführer und Aufsichtsräte – befragt und so herausgefunden, dass die Unternehmensführung den selbst erzeugten Druck oft an die Mitarbeiter weitergibt: Jeder Einzelne bekommt immer mehr Arbeit zugeteilt und steht unter höherem Zeitdruck. Dass sich viele überlastet fühlen und mit ihrem Job unzufrieden sind, hat also eher strukturelle als persönliche Ursachen.

Oft rauben bestimmte Abläufe im Unternehmen wertvolle Zeit: etwa endlose Meetings, in denen man sich nichts sehnlicher wünscht, als zurück an die Arbeit zu dürfen. Dass gerade die unsichtbare Arbeit – Besprechungen, Controlling, Protokolle schreiben – zugenommen hat, bestätigt Kratzer. »30 bis 60 Prozent des Tages beschäftigen sich Angestellte mit Aufgaben, die mit ihrer eigentlichen Arbeit gar nichts zu tun haben«, sagt er. »Für diese Tätigkeiten bekommen Mitarbeiter in der Regel keine Anerkennung, sondern nur Ärger, wenn etwas schiefgegangen ist.« Das führe bei vielen zu Frustration.

Dass ihr Arbeitspensum schleichend erhöht wird, merken Angestellte oft gar nicht, sondern suchen die Ursache der Probleme bei sich. »Viele denken, sie seien selbst schuld an der Überlastung – weil sie sich nicht gut genug organisieren und dann auch noch kein Yoga machen«, sagt Kratzer. Er nennt das eine »Privatisierung des Problems«.

Wir stellen auf den nächsten Seiten Menschen vor, die Wege gefunden haben, auf Belastungen im Arbeitsleben zu reagieren. Sie haben sich Ausgleich oder Freiraum verschafft, Arbeitsstrukturen verändert oder gewagt, endlich das zu tun, was sie schon lange wollten.