ZEIT Wissen: Professor Marcus, welche Rolle spielt Talent beim Erlernen eines Musikinstruments?

Gary Marcus: Alles, was der menschliche Verstand leistet, ist eine Mischung aus Natur und Erziehung, und das gilt auch für Musikalität. Auch wenn in jüngster Zeit in Mode gekommen ist, zu behaupten, Talent sei überbewertet oder existiere gar nicht, kommt es beim Erlernen musikalischer Fähigkeiten sowohl auf die Praxis als auch auf die Biologie an.

ZEIT Wissen: Woraus schließen Sie das?

Marcus: Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Leute, die viel üben, besser spielen als solche, die weniger üben. Das heißt aber nicht, dass Talent keine Bedeutung hat. Die gleichen Studien zeigen, dass einige Leute, die erst seit zehn Jahren üben, besser sind als andere, die schon seit 20 Jahren regelmäßig spielen. Man kann also ein Instrument lernen, selbst wenn man kein Talent hat, aber wer Talent besitzt, lernt schneller und kommt möglicherweise weiter.

ZEIT Wissen: Was genau ist Talent?

Marcus: Musik beansprucht mehrere Teile des Gehirns, und die können individuell unterschiedlich ausgeprägt sein – das wirkt sich auf das Talent aus. Wie sensibel das Gehörsystem auf Töne reagiert, ist zum Beispiel genetisch bedingt und macht einen großen Unterschied. Ein absolutes Gehör scheint von Vorteil zu sein. Viele Sänger haben es, etwa Barbra Streisand. Es gibt aber auch Komponisten wie seinerzeit Duke Ellington, die kein absolutes Gehör haben und trotzdem gut sind.

ZEIT Wissen: Mit Übung kann man das also kompensieren?

Marcus: Zu einem gewissen Grad. Man muss aber eines bedenken: Wie viel jemand übt, kann ebenfalls genetisch bedingt sein. Wer von Natur aus gern Neues entdeckt, übt sicherlich mehr. Interesse an sich kann also auch eine Form von Talent sein.

ZEIT Wissen: Sie selbst haben es geschafft, Gitarre spielen zu lernen, obwohl Sie nach eigenen Angaben völlig unmusikalisch sind.

Marcus: Mein Versuch, Gitarre zu spielen, war zum Teil auch ein Experiment: Ich wollte wissen, ob jemand, der kein musikalisches Talent hat, überhaupt ein Instrument lernen kann. Und ich konnte es lernen, aber eben nicht so schnell wie Jimi Hendrix.

ZEIT Wissen: Woran mangelt es Ihnen konkret?

Marcus: Ich habe kein gutes Gehör und keine geschickten Hände. Vor allem aber fehlt mir jegliches Rhythmusgefühl. Als Kind konnte ich nicht einmal beim Hampelmann den Takt halten. Und als ich in der vierten Klasse versuchte, Blockflöte zu spielen, flog ich aus der Gruppe, weil ich nicht Mary had a little lamb spielen konnte. Außerdem hatte ich Gleichgewichtsprobleme – ich mochte es nie, zu schaukeln. Und ich denke, das eine hängt mit dem anderen zusammen. Heute ist bekannt, dass Balance und Rhythmusgefühl von derselben Hirnregion, dem Kleinhirn, reguliert werden. Da habe ich wahrscheinlich eine Schwäche. Ich muss sehr viel mit dem Metronom üben, um sie zu überwinden.

ZEIT Wissen: Als Sie mit der Gitarre anfingen, waren Sie schon 40. Welchen Unterschied macht es, ob man als Kind oder als Erwachsener ein Instrument lernt ?

Marcus: Eines ist ziemlich sicher: Kinder haben ein besseres Gehör, sie reagieren sensibler auf feine Tonlagen- und Tempounterschiede, und diese Fähigkeit ist sehr wichtig. Kinder sind also im Vorteil beim Hören.

ZEIT Wissen: Und diese Fähigkeiten kann man ab einem bestimmten Alter nicht mehr erwerben?

Marcus: Doch, zumindest teilweise. Mein Gefühl für Tonlagen war furchtbar, aber ich bin besser geworden.

"Es gibt nur wenige Menschen, die wirklich völlig unmusikalisch sind"

ZEIT Wissen: Hat man als Erwachsener auch einen Vorteil?

Marcus: Ja, Erwachsene sind zwar weniger sensibel für feine Details. Im Umkehrschluss bedeutet das aber, dass sie das große Ganze besser verstehen können. Während der Recherche für mein Buch war ich in einem Sommercamp und habe dort mit Elfjährigen in einer Band gespielt. Da zeigte sich, dass ich ein gutes Gespür fürs Komponieren habe. Ich bin älter, hatte also mehr Zeit, mir Gedanken über Musik zu machen. Das Interesse von Erwachsenen kann ein Vorteil sein. Kinder konzentrieren sich auf die kleinen Dinge. Wenn sie in einer Gruppenstunde sitzen, üben sie dasselbe Riff immer und immer wieder, ohne auch nur zu versuchen, miteinander zu spielen. Erwachsene fragen da eher: Hey, wie machen wir daraus einen Song?

ZEIT Wissen: Kann aus jedem ein Musiker werden?

Marcus: Es gibt nur wenige Menschen, die wirklich völlig unmusikalisch sind, die einen Madonna-Song nicht von Happy Birthday unterscheiden können. Diese Leute haben es wahrscheinlich schwer, selbst Musik zu machen. Aber wer in der Lage ist, Musikstücke zu erkennen, kann meiner Ansicht nach grundsätzlich auch lernen, ein Instrument zu spielen.

ZEIT Wissen: Was genau passiert im Gehirn eines Menschen, wenn er ein Musikinstrument lernt?

Marcus: Eine Reihe von Hirnarealen verändert und entwickelt sich. Es gibt nicht ein Musikzentrum, wie man vielleicht vor 20 Jahren angenommen hätte. Wir müssen zum Beispiel unsere Augen-Hand-Koordination verbessern, um mit einem Instrument umgehen zu können, da sind die motorischen Areale gefordert. Auch die auditiven Hirnregionen verändern sich, je besser man Ton und Rhythmus erfasst. Und der Frontalkortex muss sich entwickeln, wenn man Musik zu einem Ganzen zusammenfügen möchte.

ZEIT Wissen: Profitieren Musikanfänger von diesen neuen Fähigkeiten auch auf anderen Gebieten?

Marcus: Ich bin kürzlich einen Halbmarathon auf dem Einrad gefahren. Die Musik hat mir dabei geholfen. Sie hat mein Körperbewusstsein verbessert, also mein Gefühl für meine Haltung und für die Bewegungen. Es gab einen Cross-Trainingseffekt. Ich denke, Musik zu machen fördert das Bewusstsein für die Welt um einen herum. Zahlreiche Studien zeigen, dass Musiker generell in vielen Dingen besser sind als Nichtmusiker. Und ich würde gern sagen, diese Studien stimmen. Sie haben jedoch Schwachstellen.

ZEIT Wissen: Inwiefern?

Marcus: Die Studien zeigen eine Korrelation, aber die Kausalität ist nicht klar. Wir wissen nicht, ob die Musik die Leute schlauer macht. Möglicherweise sind intelligente Menschen einfach generell engagierter und besser darin, Dinge zu lernen, sodass sie eben auch häufiger ein Instrument spielen.

ZEIT Wissen: Wie oft muss man üben, um gut zu werden?

Marcus: Ich würde sagen, wer sich verbessern möchte, sollte mindestens dreimal die Woche 45 Minuten spielen. Es muss zur Gewohnheit, zu einem Teil des Lebens werden. Und man muss an seinen Schwächen arbeiten. Immer nur das zu üben, was man gern spielt oder schon kann, bringt einen nicht weiter. Man muss selbstkritisch sein oder einen guten Lehrer haben.

ZEIT Wissen: Aber sind Erwachsene häufig nicht ohnehin viel zu ambitioniert und anfällig für Frustration, gerade weil sie aufs große Ganze schauen?

Marcus: Sicher, das ist ein Problem. Sie sind oft auch sehr gehemmt und kontrolliert. Wenn Erwachsene spielen und sich das nicht so anhört wie auf dem iPod, dann denken sie, sie machen etwas falsch. Kinder kümmern sich nicht darum, sie sind weniger selbstkritisch und grübeln nicht so viel darüber nach, was andere denken. Daran müssen Erwachsene arbeiten. Sie sollten sich klarmachen, dass sie das Instrument für sich selbst lernen, nicht für andere. Und schon gar nicht, um ihren MP3-Spieler zu imitieren. Oft fördert aber auch das Umfeld die hohen Ambitionen.

ZEIT Wissen: Inwiefern?

Marcus: Wenn Kinder auf der Gitarre einen Akkord greifen können, freuen sich alle. Bei Erwachsenen reicht das nicht, da wollen die Leute Ergebnisse sehen.

ZEIT Wissen: Sie wollen Songs hören.

Marcus: Ja, und für eine Weile wird man wahrscheinlich noch keine Songs spielen können. Wenn Sie selbst Gitarre spielen, wissen Sie, wie schwer es allein ist, ein F sauber zu greifen. Aber niemand lobt einen Erwachsenen dafür, dass er ein perfektes F anschlägt. Trotzdem muss man es lernen. Erwachsene müssen nachsichtig mit sich selbst sein und sich Zeit geben. ——